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Stabilitätsfaktor in der Gesellschaft

Stabilitätsfaktor in der Gesellschaft

Sie ist die älteste Arbeitnehmervereinigung Deutschlands: Die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). Im Robert-Schuman-Haus hat sie mit einem Festvortrag, Musik und politischem Kabarett ihr 150-jähriges Bestehen gefeiert. Ein Thema stand an diesem Abend im Vordergrund: der gesetzliche Mindestlohn, den die NGG zuerst gefordert hatte.

Trier. Schon lange kämpfen die Mitglieder von Deutschlands ältester Gewerkschaft, der NGG (Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten) für bessere Arbeitsbedingungen. Die Anfänge reichen bereits zurück bis ins Jahr 1865, als der Zigarrenarbeiter und Sozialdemokrat Friedrich Wilhelm Fritzsche in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiter-Verein gründete - die erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland und Vorläufer der NGG, die im Jahr 1949 entstand und damit heute als älteste deutsche Gewerkschaft gilt.
Erste Tarifverträge ab 1890


Ab 1890 habe es erste Tarifverträge in der Region gegeben, sagt Gregor Hess, Vorsitzender der NGG Region Trier - und dies in der Brauwirtschaft. Sie ist bis heute etwa mit Mitgliedern aus der Bitburger Brauerei vertreten. Heute gebe es bei der NGG mehr als 3500 Tarifbereiche, rund 800 Tarifverträge würden jährlich neu verhandelt.
Aber auch in der Ursprungsbranche der Gewerkschaft, der Tabakindustrie, ist die NGG mit Mitgliedern etwa bei JTI (Japan Tobacco International) präsent (siehe Extra). "Mit meiner Fest-anstellung bei JTI vor fast 20 Jahren bin ich Mitglied in der NGG geworden", berichtet Thomas Niemczyk aus Morscheid. "Die meisten meiner Kollegen sind drin", sagt er. Einen Streik habe er noch nicht erlebt.
"Ich war 38 Jahre dort und habe keinen Tag gestreikt", bestätigt auch Norbert Lellinger aus Gusterath. Es sei höchstens einmal zu Androhungen gekommen. An der Mitgliedschaft in der Gewerkschaft weiß er vor allem die Freizeitunfall- und Rechtsschutzversicherung zu schätzen, erklärt Niemczyk.
Als die NGG Region Trier dieser Tage im Robert-Schuman-Haus mit Vorträgen, Jubilarehrung, politischem Kabarett von Holger Paetz, Musik und Cocktailbar ihr 150-jähriges Bestehen feiert, wird deutlich, wie viele Menschen mit der Gewerkschaft bereits in Kontakt gekommen sind. So steuert etwa Triers neuer Oberbürgermeister Wolfram Leibe persönliche Erinnerungen bei: "Meine Großmutter arbeitete im Badischen in einer Zigarrenfabrik. Damals kämpfte sie um fünf Pfennig mehr für das Wickeln des Deckblatts." So habe er als Kind bereits die Bedeutung fairer Arbeitsbedingungen erfahren. Trier sei eine "kleine Hauptstadt der Tabakindustrie", sagt er weiter. Die NGG habe mit ihrer Arbeit zum Erhalt von mehr als 2000 Arbeitsplätzen beigetragen.
Mitbestimmung wichtig


Christian Schmitz, DGB-Regionsgeschäftsführer, betont die Wichtigkeit der Einheitsgewerkschaft und stellt fest: "Wir stehen alle auf den Schultern von Karl Marx." Gemessen an den Arbeitsstunden habe es in der Region Trier seit 20 Jahren kein reelles Wirtschaftswachstum mehr gegeben. Umso wichtiger sei die Mitbestimmung der Arbeitnehmer: "Gewerkschaften sind ein Stabilitätsfaktor in der Gesellschaft", sagt Schmitz.
Vom verzweifelten Kampf um humane Arbeitsbedingungen über aktuelle Forderungen wie "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" bis hin zum gesetzlichen Mindestlohn: Für Burkhard Siebert, stellvertretender NGG-Vorsitzender, ist die Gewerkschaft stets nah an den Bedürfnissen ihrer Mitglieder geblieben. Und so fordert er von der Politik, das Thema Mindestlohn nicht zu vernachlässigen: "Ohne Aufzeichnungspflicht und Kontrollen, vor allem bei der geringfügigen Beschäftigung, steht der Mindestlohn nur noch auf dem Papier. Die große Koalition darf hier nicht einknicken", sagt er.

Extra

 Auf ihrer 150-Jahre-Feier im Robert-Schuman-Haus ehrt Burkhard Siebert, stellvertretender NGG-Vorsitzender, einige Jubilare aus der Region für ihre langjährige Mitgliedschaft: Erich Kronenberger und Karl Resch (Hochwald Foods, 50 Jahre), Josef Mohr (Bitburger Braugruppe, 60 Jahre), Klaus Steinhauer (Caspary Brauerei, 65 Jahre) und Klaus Schu, Geschäftsführer der NGG Trier (von links). TV-Foto: Dorothee Quaré
Auf ihrer 150-Jahre-Feier im Robert-Schuman-Haus ehrt Burkhard Siebert, stellvertretender NGG-Vorsitzender, einige Jubilare aus der Region für ihre langjährige Mitgliedschaft: Erich Kronenberger und Karl Resch (Hochwald Foods, 50 Jahre), Josef Mohr (Bitburger Braugruppe, 60 Jahre), Klaus Steinhauer (Caspary Brauerei, 65 Jahre) und Klaus Schu, Geschäftsführer der NGG Trier (von links). TV-Foto: Dorothee Quaré

Die NGG ist vor allem in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie präsent, wozu in der Region gut 35 Betriebe mit ihren Beschäftigten gehören. In den Getränke-Unternehmen, bei Tabakproduzenten und in den Hotels gibt es rund 3800 Mitglieder. Diese arbeiten etwa bei JTI, Landewyck, Gerolsteiner Brunnen, Bitburger Brauerei, Weinkellerei Peter Mertes, Coca Cola, Dr. Oetker, Arla Foods, Hochwald Foods, Ludwig Schokolade sowie im Backgewerbe, Bäckerhandwerk und Hotel- und Gaststättengewerbe. DQ