1. Region
  2. Wirtschaft

Studie: Jeder Zehnte arbeitet trotz positivem Corona-Test

Trotz positivem Corona-Test : Warum Beschäftigte auch krank arbeiten

Jeder Zehnte geht trotz positivem Corona-Test ins Büro, zeigt eine Studie. Und nur 28 Prozent der Deutschen bleiben zu Hause, wenn sie krank sind. Das kann fatale Folgen haben.

Die Nase läuft, der Hals kratzt, der Kopf schmerzt – aber morgen ist die wichtige Präsentation im Büro. Oder ein Termin mit dem Chef. Oder niemand kann einspringen. Es gibt viele Gründe, warum Menschen trotz Krankheitssymptomen zur Arbeit gehen. Dass sie es tun, hat sich in der Corona-Pandemie nicht geändert, wie eine repräsentative Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK zeigt. Nur 28 Prozent der Deutschen bleiben demnach krank zu Hause. Und jeder Zehnte geht trotz positivem Corona-Test zur Arbeit.

Für die Studie befragte Pronova BKK im September online rund 1200 Arbeitnehmer ab 18 Jahren. Dabei kam auch heraus, dass unter 30-Jährige häufiger als der Bevölkerungsschnitt krank zur Arbeit gingen. 49 Prozent der Berufstätigen taten das trotz Rückenschmerzen, 38 Prozent trotz Allergien, ein Drittel arbeiteten mit psychischen oder psychosomatischen Beschwerden. Bei Corona-Infektionen ergibt sich ein gemischtes Bild: Neun Prozent erschienen im Job, 17 Prozent arbeiteten im Homeoffice, 17 weitere Prozent blieben zu Hause und arbeiteten nicht, bis die Symptome abgeklungen waren, und acht Prozent schauten sich erst einmal an, wie viel sie auf der Arbeit zu tun hatten. Danach entschieden sie, wann sie zurückkehrten. Nur ein Drittel der Befragten blieb bei einem leichten Verlauf bis zur vollständigen Gesundung zu Hause.

Eine besorgniserregende Entwicklung, findet Carolin Dietz von der Technischen Universität Chemnitz. Sie hat für ihre Doktorarbeit zum Thema Präsentismus geforscht. Präsentismus ist ein Begriff aus der Arbeitswissenschaft und bedeutet, dass Beschäftigte trotz Krankheit am Arbeitsplatz erscheinen. „Der gesellschaftliche Druck hat dafür gesorgt, dass in der Corona-Pandemie zunächst mehr Menschen zu Hause geblieben sind“, sagt sie. Dieser Trend scheine nun wieder rückläufig zu sein. Gründe dafür gebe es viele: hohe Anforderungen, Zeitdruck, Abgabefristen. In sozialen und Pflegeberufen kämen noch emotionale Komponenten hinzu, da Arbeitnehmer ihre Patienten nicht im Stich lassen wollten. Und entscheidend sei auch, welche Normen im entsprechenden Team herrschten: Arbeiten Führungskräfte und Kollegen krank, nehmen Beschäftigte sich das zum Vorbild.

Dabei kann das körperliche und psychische Folgen haben. „Kurzfristig zeigt sich das in Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Demotivation und Unzufriedenheit, langfristig belastet es das Herz-Kreislaufsystem und kann zu koronaren Herzkrankheiten führen“, sagt Dietz. Beschäftigte, die krank arbeiten, sammeln später sogar mehr krankheitsbedingte Fehltage als die, die sich auskurieren.

Und wie sieht das eigentlich arbeitsrechtlich aus? Schließlich besteht vor allem bei Covid-19 die Gefahr, jemanden anzustecken. „Im Arbeitsrecht unterscheiden wir zwischen krank und arbeitsunfähig krank“, sagt Daniel Hautumm, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Düsseldorf. Das bedeutet: Wer Corona hat, darf grundsätzlich arbeiten – wenn er dabei niemanden ansteckt. Es komme darauf an, wie stark die Symptome seien – und, ob der Hausarzt dem Patienten eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstelle. Ist das nicht der Fall, kann der Erkrankte in Absprache mit dem Arbeitgeber beispielsweise im Homeoffice arbeiten. „Steckt er aber jemanden fahrlässig im Büro an, kann derjenige ihn verklagen“, sagt Hautumm. Dafür muss der Betroffene Beweise für seine Beschuldigungen erbringen.

Arbeitspsychologin Dietz sieht vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht, etwas zu ändern. „Führungskräfte sollten zu Hause bleiben, wenn sie krank sind“, sagt sie. So sendeten sie den Beschäftigten das Signal, es ihnen gleichzutun. Außerdem müssten Unternehmen Arbeitnehmer davon abhalten, trotz Krankheit im Homeoffice zu arbeiten. Dietz ist allerdings skeptisch, ob das ausreichen würde. „Wir brauchen ein gesellschaftliches Umdenken“, sagt sie. Aber das hat selbst die Pandemie noch nicht gebracht.