Homeoffice : „Recht auf Homeoffice verhindert Flexibilität“

Bereits vor 20 Jahren veröffentlichte die Universität Trier eine Studie zur Telearbeit. Die Erkenntnisse von damals sind noch heute wertvoll.

Als Michael Jäckel vor gut 20 Jahren eine Studie zum Thema Homeoffice als Alternative entwickelte, musste er seine Protagonisten noch bundesweit suchen gehen. „Nicht nur, dass die Zahl der von zu Hause aus Arbeitenden keine repräsentative Zukunftsauswahl ergab. Es gab auch in vielen Gesprächen Vorbehalte gegenüber dieser Form der Arbeitsgestaltung“, sagt der Soziologieprofessor und heutige Präsident der Universität Trier.

Selbst vor der Corona-Krise arbeiteten laut Statistiken nur vier Prozent der Beschäftigten in Deutschland von zu Hause aus – eine verschwindend kleine Menge. Im ersten Lockdown im April 2020 waren es dann rund 30 Prozent, auch Ende Januar lag der Anteil der Home-Officeler bei knapp einem Viertel der Erwerbstätigen. „Die aktuellen Homeoffice-Werte zeigen, dass dies vielfach eine Notlösung ist und es auch Bereiche gibt, in denen man sagen müsste, dass diese Lösung nicht dauerhaft zur Arbeit passt, es derzeit aber kein anderes Instrument gibt, um Arbeit weitergeben zu können“, sagt der Wissenschaftler.

Inzwischen hätten Unternehmen wie etwa die Deutsche Bank durchaus auch Vorzüge aus dem Homeoffice gezogen, beginnend bei der Notwendigkeit, weniger Bürofläche bereitstellen zu müssen. Aber auch als Option in der Nach-Corona-Zeit wollen viele Unternehmen, aber auch Beschäftigte, diese Arbeitsform beibehalten.

Insofern sieht Michael Jäckel die Gesetzesinitiative um ein Recht auf Homeoffice als eine „Form der Überregulierung des deutschen Arbeitsmarkts. Dieses Modell stand mit all seinen Varianten bisher nie im Zentrum der Gestaltung der Arbeitswelt“, sagt er. Insofern wäre ein Recht auf Homeoffice nicht unbedingt ein guter Indikator für den tatsächlichen Bedarf an Arbeit von zu Hause aus, steigere aber den Regelungsbedarf. Und: Eine Vielzahl von Arbeitskräften bliebe aufgrund ihrer notwendigen Tätigkeit an der Arbeitsstätte außen vor. „Das wäre ein schlechtes Signal und ein dauer­haftes Ausschlusskritierium für viele“, sagt Jäckel und damit – trotz einer aktuellen Zustimmung von gut 70 Prozent der Deutschen zu einem Anspruch auf Homeoffice – ein Stück weit Gift für das gegenseitige Verständnis der Beschäftigten untereinander.

Historisch gesehen ging es in den Anfängen der Telearbeit jahrelang um immer das Gleiche: um einerseits Vertrauen des Arbeitgebers in die Tatsache, dass der Beschäftigte seine Arbeit genauso gut von zu Hause aus erledigen kann, dazu auch technisch in der Lage ist, also eine Art Privileg, und andererseits die Gelegenheit, Arbeitsleben und Familientätigkeit zu vereinbaren.

Selbst der Vorwurf, mit der Karriere „abgeschlossen zu haben“, stand lange im Fokus, weil Arbeiten von zu Hause aus ein Stück weit Desinteresse an Arbeit und Kollegen zum Ausdruck bringen sollte. „Wir haben es heute mit einer anderen Generation zu tun und anderen Formen im Umgang mit IT. Denn nicht nur Corona hat das Arbeitsleben digital durchdrungen“, sagt Jäckel. Fast alle Beschäftigten seien dazu technisch und intellektuell in der Lage. Das Grunddilemma sei jedoch gleich geblieben: „Wo zu Hause keine Ruhe ist, kann man nicht arbeiten.“

Insofern gebe es im Homeoffice auch Grenzen: etwa die Gefahr der Ablenkung, die „Permanenz der Situation und die Ausdehnung der Arbeitszeit bis in den Abend hinein“, sagt der Forscher. Deshalb stelle sich die Frage: „Was muss ich rechtlich fixieren?“ Denn dann werde der Konflikt zwischen der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nach der Gestaltung des Arbeitsplatzes und der Unverletzlichkeit der Wohnung im Privaten wieder deutlich.

„Ein Recht nimmt den Beteiligten die Bereitschaft, etwas aktiv zu gestalten und anzupassen. Arbeit bekommt einerseits eine neue Heimat, andererseits wird Homeoffice zur Beliebigkeit“, ist Triers Uni-Präsident überzeugt.

Dabei gebe es andere Veränderungen in der Arbeitswelt, begonnen beim Datenschutz, die in den kommenden Jahren laut Jäckel weitaus mehr an Bedeutung gewinnen: „Wir erleben täglich, wie IT unser Leben durchdringt, einfacher und zugleich komplexer macht. Die Vernetzung nimmt zu und damit die Anfälligkeit der Systeme. Dabei möchte man nicht alleine sein oder alleine gelassen werden. Das wird auch die Art und Weise bestimmen, wie wir unser Arbeitsleben in Zukunft sehen möchten.“ Da werde ein Recht auf Homeoffice fast schon zum Nebenkriegsschauplatz.

Letzten Endes liefen viele Homeoffice-Modelle aus Coronazeiten wieder auf eine Orientierung an traditionellen Arbeitszeitmodellen hinaus. „Zwar werden automatisierte Abläufe im Arbeitsleben zunehmen. Umgekehrt werden sich die Beschäftigten Oasen der Begegnung herbeisehnen“, sagt Michael Jäckel. „Das Spiel mit den Personen bleibt das Salz in der Suppe in einer Arbeitswelt.“