Trierweiler Unternehmen Galileo kommt mit Personalpolitik an.

Regionale Wirtschaft : Von der Aushilfe zur Schichtleiterin

Mitarbeiter werden in vielen Branchen gesucht. Dabei haben manche Betriebe die Weiterbildung ihres eigenen Personals noch nicht entdeckt. Wie der Wandel von einer Aushilfe zur Schichtleiterin gelingen kann, zeigt ein positives Beispiel im Trierweiler Unternehmen Galileo.

Als Ursula Schneider vor 25 Jahren als Aushilfe drei Mal pro Woche bei Galileo arbeitet, da ahnt sie noch nicht, dass sie einmal Schichtleiterin und für gut 25 Mitarbeiter verantwortlich sein würde. Doch die junge Mutter von damals hat sich von der Aushilfe über die Teilzeitarbeit bis hin zur Vorarbeiterin verbessert und dann die Schichtleitung übernommen. „Ich habe mich quasi mit dem Unternehmen weiterentwickelt“, sagt die 51-Jährige. Es habe ihr immer Spaß gemacht zu sehen, wie ihr Einsatz mit zum Erfolg des Unternehmens beiträgt.

Mit 230 Millionen produzierten Mini-Pizzen pro Jahr ist das Trierweiler Unternehmen Galileo schließlich mittlerweile der europäische Marktführer in diesem Segment und beliefert europaweit alle Discounter. Hinzu kommen gefüllte Fladen, Pizza-Donuts, Mini-Burger, Macarons und Mini-Streusel zum Auftauen und Aufbacken, die ausschließlich in Trierweiler produziert werden. „Pizzen, Fingerfood und Tiefkühl-Produkte: Das ist ein wachsender Markt“, sagt Unternehmenschef Stefano La Vecchia und verweist auf Wachstumsraten von fünf bis 15 Prozent jährlich beim Umsatz.

Doch mit dem Wachstum stellen sich über die Jahre auch Herausforderungen ein. Für den Drei-Schicht-Betrieb an fünf Tagen in der Woche wird es immer schwieriger, die benötigte Menge an Personal, aber auch deren gefragte Qualifikation zu finden. „In der Produktion funktioniert die Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern sehr gut, von denen haben wir auch viele Mitarbeiter übernommen“, sagt Chefin Bärbel La Vecchia und verweist auf gut 150 Mitarbeiter, vier Azubis und neun Minijobber. „Allerdings müssen wir schauen, dass uns kein Potenzial verloren geht, entweder, weil wir Fähigkeiten übersehen oder Fachkräfte einfach nach Luxemburg abwandern.“

Dies ist laut der Agentur für Arbeit auch eine ihrer Schwerpunktaufgaben. Denn seit knapp einem Jahr gibt es das neue Qualifizierungschancengesetz, das es Unternehmen erleichtert, Weiterbildungen für Mitarbeiter zu finanzieren. Dabei geht es um Teilqualifizierungen über ganze Ausbildungsgänge bis hin zu „Anpassungen“ für ausgebildete Fachkräfte. „Wir wollen mit unserer lebensbegleitenden Berufsberatung auch nach einer Ausbildung über das gesamte Erwerbsleben eine Qualifizierung ermöglichen“, sagt Heidrun Schulz, Leiterin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit beim Galileo-Betriebsbesuch. Die Qualifizierung im weiteren Berufsleben sei besonders wichtig. „Denn die zunehmende Digitalisierung wird vor allem das verarbeitende Gewerbe treffen, das seine Mitarbeiter darauf vorbereiten muss“, sagt sie.

So haben in der ersten Jahreshälfte in der Region Trier bereits gut 800 Beschäftigte mit einer beruflichen Weiterbildung über eine Unterstützung durch Arbeitsagentur oder Jobcenter begonnen, weitere 41 Weiterbildungen gibt es in heimischen Betrieben. Auch bei Galileo wurde und werden mit Hilfe der Arbeitsagentur Umschulungen und Qualifizierungen auch für wenig oder nicht ausgebildete Mitarbeiter unterstützt, um sie künftig als Facharbeiter einsetzen zu können. „Wir haben ein Auge auf die Betriebe und versuchen ihnen so gut es geht unter die Arme zu greifen, auch bei technischen Neuerungen“, sagt der Chef der Trierer Agentur für Arbeit, Heribert Wilhelmi.

Galileo-Chef La Vecchia: „Wir arbeiten daran, die einzelnen Produktionsabteilungen digital miteinander zu vernetzen und denken dabei auch über eine Vollautomatik nach“, sagt er. „Das ist eine Herkulesaufgabe, und der Bedarf an qualifiziertem Personal wird größer.“ Christoph Palzer, Betriebsleiter Technik, weiß: „Je mehr automatisiert wird, desto sensibler wird die Technik und desto besser muss das Personal qualifiziert sein. Denn die Anforderungen an die Bedienung der Maschinen steigt.“

Und welche Anforderungen werden gesucht? Energieanlegenelektroniker und Mechatroniker könnte Palzer gleich von der Straße weg einstellen – sofern sich Interessenten überhaupt bewerben. Darüber hinaus müssten neue Kollegen „Interesse am Produkt und Unternehmen haben und schon mal über den Tellerrand hinaus denken“, sagt er.

Hier wirbt die Chefin der Regionaldirektion auch, weitere Mitarbeiter wie Ursula Schneider im eigenen Unternehmen zu fördern. „Es gibt viele Frauen, die sich nicht trauen, nach mehr Verantwortung zu fragen. Diese Kräfte müssen wir stärker in den Betrieben heben“, sagt Schulz.

Ursula Schneider kann über den Tellerrand schauen, wie sie seit nunmehr 25 Jahren bewiesen hat. „Ich kenne hier fast jeden Ablauf, und mich reizt es, jeden Auftrag bestmöglich und zügig abzuarbeiten“, sagt die Schichtleiterin, die selbst über keinen Berufsabschluss verfügt. Da ist sie neben ihrer Funktion auch Ansprechpartnerin für ihre gut zwei Dutzend Mitarbeiter mit mehr als fünf Nationalitäten. „Ich bin in meine Führungsposition zwar nach und nach reingerutscht, aber ich habe mich bei meinem Aufstieg immer unterstützt gefühlt.“

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