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Viel Frust bei Schlecker-Mitarbeitern

Viel Frust bei Schlecker-Mitarbeitern

Schlecker setzt mit seinem Insolvenzantrag auf harte Einschnitte, um das Unternehmen wieder auf gesunde Füße zu stellen. Doch kann die Drogeriekette in diesen schweren Stunden auf ihre Gläubiger hoffen? Zehntausende Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze - auch in der Region Trier.

Ulm/Ehingen/Trier. Die insolvente Drogeriekette Schlecker will sich in Eigenregie sanieren. Am Montag wurde beim Amtsgericht Ulm der Antrag auf Insolvenz eingereicht. Schlecker versucht mit einem sogenannten Insolvenzplan, selbst wieder auf die Beine zu kommen. Eine Schlüsselfrage ist nun, ob die Gläubiger mitziehen. Zehntausende Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Mehrere Tausend Beschäftigte außerhalb Deutschlands können dagegen aufatmen: Schlecker teilte mit, dass das Auslandsgeschäft genauso wie die Tochter IhrPlatz nicht von der Insolvenz betroffen ist. Der Antrag auf Planinsolvenz gilt für die Anton Schlecker e.K. sowie die Schlecker XL GmbH und die Schlecker Home Shopping GmbH. Der zuständige Insolvenzrichter Benjamin Webel hat Arndt Geiwitz (Kanzlei Schneider, Geiwitz & Partner, Neu-Ulm) zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt.
Europaweit arbeiten rund 47 000 Menschen bei Schlecker, etwa 30 000 davon in Deutschland. Das Unternehmen wird als eingetragener Kaufmann, Anton Schlecker e.K., geführt und hält nach Angaben des Gerichts Anteile an etlichen Tochtergesellschaften. Schlecker hafte somit mit seinem Privatvermögen. Der Drogerieriese hatte zuletzt weit mehr als 1000 Filialen geschlossen und mit sinkenden Umsätzen und Verlusten zu kämpfen. Parallel zum Antrag führt die Familie Schlecker, die das Unternehmen leitet, Gespräche mit den Gläubigern.
Auswirkungen in der Region?


In einem Umkreis von 50 Kilometern um Trier betreibt die Drogeriekette etwa 60 Filialen. In vielen herrscht derzeit Ungewissheit über die Zukunft. Die Mitarbeiter geben sich zugeknöpft. Im Schnitt arbeiten etwa vier Mitarbeiter (Voll- und Teilzeit) in einer Filiale. "Wir können nur abwarten. Die Kinder von Schlecker haben ja erst vor einigen Monaten das Ruder übernommen", meint eine Mitarbeiterin. Sie wisse jetzt nicht, wie es weitergeht, möchte aber auch nicht in Panik verfallen. "Wenn immer nur negativ berichtet wird, wird es auch nicht besser."
Deutlicher fällt die Aussage bei anderen Mitarbeitern aus. Birgit Koloß (54), Leiterin der Schlecker-Filiale Schweich und Verdi-Vertrauensfrau für Schlecker-Betriebe im Bezirk Trier: "Ich hänge emotional unter der Decke. Morgen schließt der Markt in Schweich, in dem ich 26 Jahre gearbeitet habe. Darüber wurden wir im November informiert. Letzte Woche kam der nächste Hammer: Aus der Presse habe ich von der Insolvenz erfahren. Rund 48 Stunden vorher haben wir noch mit Vorgesetzten zusammengesessen. Kein Wort. Wo ist die Würdigung meiner Arbeitskraft von 26 Jahren? Ich werde zukünftig als Springerin in den zwölf Filialen, die seit Beginn der Schließungen im Jahr 2008 in unserer Region noch übrig sind, eingesetzt. Vor vier Jahren waren es noch 38 Märkte. Allerdings befürchte ich, dass es zu weiteren Schließungen in nächster Zeit kommen wird. Ich habe Angst, arbeitslos zu werden." Und eine andere langjährige Mitarbeiterin aus der Region sagt: "Ich war total geschockt, weil ich aus den Medien von der Insolvenz erfahren habe. Ich fühle mich zurzeit im Vakuum und fürchte um meinen Arbeitsplatz und damit um meine Existenz. Auch kann ich nicht weniger Stunden arbeiten, was einige Kolleginnen durch Schließungen bereits machen müssen. Ich hoffe, dass es gerecht zugehen wird und dass die Familie Schlecker und ihr Privatvermögen zur Rechenschaft gezogen werden."
Bei der Gewerkschaft Verdi ist man von der momentanen Entwicklung nicht gerade begeistert. "Wir haben im Vorfeld mit Schlecker über einen Sanierungstarifvertrag verhandelt und auch die Schließungen von Filialen durchgesprochen", sagt Verdi-Sprecher Jürgen Dehnert. "Nun sitzen Banken, andere Gläubiger und auch das Gericht mit am Tisch, das muss nicht unbedingt ein Vorteil für die Mitarbeiter sein." Bei Schlecker tappt die Gewerkschaft selbst ziemlich im Dunkeln: Wie viele Filialen, wie viele Mitarbeiter, wie viele Gewerkschaftsmitglieder? "Genaue Zahlen haben wir nicht, aber wir werden uns um jedes Mitglied kümmern, das zu uns kommt."
Die vielen Tausend Mitarbeiter aber blicken aber recht ungewiss in ihre berufliche Zukunft.Meinung

Zur Kasse, Herr Schlecker
Seit Jahren steht die Drogeriemarktkette Schlecker in den Negativschlagzeilen. Billig, billig, billig, dieser Vorsatz galt für alle und alles im Schlecker-Imperium, nur nicht für den Chef. Den hat das Magazin Forbes 2011 noch mit einem Vermögen von 2,4 Milliarden Euro bewertet. Dumpinglöhne und bespitzelte und unter Druck gesetzte Mitarbeiter wurden Drogeriekönig Anton Schlecker immer wieder vorgeworfen. Den Versuch, aus dem Schmuddelimage herauszukommen, unternimmt der Konzern erst nach schwierigen Jahren und millionenschweren Umsatzeinbrüchen. Die Schlecker-Kinder Meike und Lars steigen Ende 2010 in die Führung auf, die Gewerkschaften werden eingebunden, das Filialnetz ausgedünnt und die Geschäftsstellen aufgewertet. Doch der Sinneswandel kommt zu spät. Nun muss der Konzern die Notbremse ziehen. Dass Mitarbeiter und Gläubiger fordern, dass Anton Schlecker seinen Teil zum Neustart beisteuert, ist mehr als verständlich. h.waschbuesch@volksfreund.de