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Von alkoholfreiem Messwein und Wollsocken

Von alkoholfreiem Messwein und Wollsocken

Drei Cent mehr: Für eine Schloss-Wachenheim-Aktie gibt es nach dem abgeschlossenen Geschäftsjahr 2015/16 nun eine Dividende von 43 Cent. Auf der Hauptversammlung des Anbieters prickelnder Weingetränke aus Trier gab es neben positiven Geschäftszahlen und dem Lob für nachhaltiges Wachstum aber auch Kritik.

Trier. Wer der Ansicht ist, dass Aktionärshauptversammlungen eine staubtrockene Angelegenheit sind, der wird zumindest bei Schloss Wachenheim eines Besseren belehrt. Was nicht nur an den dort ausgeschenkten eigenen Produkten liegt, die das Aktienunternehmen in Deutschland zur Nummer drei im Sektmarkt gemacht haben und weltweit zu einem der führenden Hersteller im Schaum- und Perlweinmarkt. Es liegt auch an der zwar überschaubaren, aber durchaus selbstbewussten Schar der kleineren und mittleren Aktionäre, die den Konzerngeschäftsbericht des Jahres 2015/2016 stets genauer unter die Lupe nehmen.
Hauptaktionär ist mit 70,1 Prozent die Günther Reh AG aus Leiwen mit Vorstandschef Nick Reh, der zugleich in Personalunion Aufsichtsratsvorsitzender bei Schloss Wachenheim AG ist. Darüber hinaus sind 29,9 Prozent der gut 7,9 Millionen Einzelaktien in Streubesitz, und so versuchen die kleineren Anteilseigner bei der jährlichen Hauptversammlung ein Wörtchen mitzureden - wohl wissend, nur bedingt das Zünglein an der Waage sein zu können.
Da erscheint etwa der deutschlandweit bei Aufsichtsräten und Mitaktionären berühmtberüchtigte Aktionär Wilm Diedrich Müller aus Norddeutschland: Sein Auftritt in Badelatschen und Wollsocken ist karnevalsreif, seine Anträge, etwa der auf Verlosung von Schloss-Wachenheim-Aktien, skurril. Ein Aktionär aus Köln schlägt gar vor, die katholische Kirche mit in die Strategiepläne des Unternehmens aufzunehmen und über alkoholfreien Messwein nachzudenken.
Andere Einzelaktionäre, Aktionärsvereinigungen, die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) oder die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) werfen dann doch einen akribischeren Blick auf Strategie, Bilanz und Eigenkapitalquote. "Wir sind erfreut, dass die Dividende zulegen wird", sagt etwa Andreas Schmidt von der SdK und verweist auf den auch später angenommenen Vorschlag, einen Zuwachs um drei Cent je Wertpapier auf nun 43 Cent vorzunehmen. Insgesamt hat sich der Wert der Aktie in den vergangenen fünf Jahren auf jetzt 15,60 Euro je Papier verdoppelt. Analysten schätzen daher, dass die Schloss-Wachenheim-Aktie noch zu günstig bewertet wird im Vergleich zu Konkurrenten der Branche.
"Es ist positiv, dass das Unternehmen weniger auf den Absatz und mehr auf den Ertrag geschaut hat", lobt Schmidt (siehe Extra). Bei einer Eigenkapitalquote nahe 60 Prozent könne man gar Sonderausschüttungen bedenken.
Und so ist das seit Sommer bestehende neue Vorstandsteam um Oliver Gloden (Sprecher), Boris Schlimbach (Finanzen) und Horst Hillesheim (Vertrieb) zufrieden mit dem Geschäftsjahr 2015/2016. "Die Ziele wurden erreicht", sagt Gloden. Der Absatz legte um fünf Prozent auf 221 Millionen Flaschen und der Umsatz um 1,6 Prozent auf 293 Millionen Euro zu. Betriebsergebnis (20,3 Millionen Euro) und Konzerngewinn (13,5 Millionen Euro) bleiben nahezu konstant (der TV berichtete).
Geschäft bis Silvester zählt


"Maßgeblich dazu beigetragen haben das gute Konsumklima in Deutschland, der Anstieg von Löhnen und Beschäftigung in Polen sowie die Erholung der Wirtschaft in Frankreich", sagt der Sprecher. Nun liegen die Hoffnungen auf dem aktuellen Quartal bis Jahresende. "Wir haben ein stark sais o n ales Geschäft, ein Drittel unserer Erlöse und der überwiegende Teil unseres Gewinns machen wir jetzt bis zum Jahresende", sagt Boris Schlimbach.
Kritik äußern die Aktionäre jedoch gegenüber fehlender Transparenz bei Schloss Wachenheim. "Warum zieren Sie sich so, die Vorstandsvergütung offenzulegen", sagt etwa eine Vertreterin einer Frankfurter Aktionärsvereinigung. Und Klaus Koppenberg vom DSW sagt: "Sie handeln antiquiert." Am Ende blieb die Kritik, auf eine Offenlegung der Vorstandsvergütung wurde dennoch verzichtet. Neben der Erhöhung der Dividende zum siebten Mal in Folge wurden Vorstand und Aufsichtsrat entlastet sowie eine Kapitalerhöhung um gut 25 Millionen Euro bei Bedarf möglich gemacht.Extra

Umsatzerlöse: 298,2 Mio. Euro Veränderung: plus 1,6 Prozent Konzerngewinn: 13,5 Mio.Euro Aktienkurs: aktuell 15,60 Euro Dividende je Aktie: 0,43 Euro Eigenkapitalquote: 57,1 Prozent Hauptprodukte: Schaum- und Perlweine, entalkoholisierte Weine, Wermut, Cider, Spirituosen, alkoholfreie Kindergetränke und deutsche Qualitätsweine. Die Produkte werden in mehr als 80 Ländern weltweit vertrieben Marken: Faber, Feist, Light live, Schloss Wachenheim in Deutschland, Charles Volner, Muscador und Opéra in Frankreich, Cin & Cin, Dorato und Zarea in Polen und Rumänien. Produktionsstandorte: Deutschland (Trier und Wachenheim), Polen, Rumänien und Frankreich. Mitarbeiter: rund 1200sas