Von der Tankstelle zum Service-Multi

Von der Tankstelle zum Service-Multi

Mit seinen elf Tankstellen und dem Luxoil-Ableger in Wasserbillig gehört der Autohof Görgen zu den größten Kraftstoffanbietern in der Region Trier. Was wenige wissen: Das Unternehmen hat die bundesweite Branchenentwicklung vom Tank- hin zum Einkaufserlebnis maßgeblich mitgestaltet.

Trier/Wasserbillig. Als vor einigen Jahrzehnten die Autos noch 20 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrauchten, da stand auch in fast jedem größeren Ort eine Tankstelle. Doch mit der Weiterentwicklung der Fahrzeugtechnik und schrumpfenden Margen sind die Zapfsäulen auf dem Land seltener geworden. Zumal in der Region Trier, wo zusätzlich mit der Grenznähe zu Luxemburg der Tanktourismus zu einer Art eigenem Wirtschaftszweig geworden ist.
In der Branche eine Revolution


Mit der Verabschiedung von der kleinteiligen Versorgung mit Sprit haben sich die verbleibenden Tankstellen jedoch weiterentwickelt - zu Servicecentern mit Waschstraße, Bäckerladen und Mini-Supermarkt. Einer, der diesen Trend deutschlandweit als einer der Ersten erkannt und entwickelt hat, ist Peter Jan Schlü-schen. Schon 1983 beginnt er mit Schnellrestaurants an den Tankstellen. Schnell kommen Einkaufscenter im Kleinformat hinzu. Etwas, das in der Branche damals als Revolution gilt.
Zu diesem Zeitpunkt haben sich die einst über 50 Tankstellen des Autohofs Görgen (siehe Extra) in der Region Trier bereits auf elf Stationen reduziert. "Wir waren und sind deutschlandweit führend in der Shop-Entwicklung", sagt Peter Jan Schlüschen nicht ohne Stolz. Die Idee mit den Einkäufen an der Tanke bezeichnet der studierte Kaufmann auch als sein "Hobby". Im Kollegenkreis zwischen Hamburg und München macht ihn sein Ideenreichtum zum beliebten Gesprächspartner im Berufsverband.
Seine Vision weiterzuentwickeln, das macht das Tankstellenmetier laut Schlüschen besonders reizvoll. "Wir sind ja keine Einkaufscenter, aber die Shops sind ein Anziehungsgrund, der uns dazu motiviert, uns weiterzuentwickeln", sagt der 71-jährige Unternehmer. Außerdem seien die Tankstellen mit angedocktem Laden auch rentabler.
Warum ist das so? Dass das Tankparadies Luxemburg für viele Autofahrer in der Region Trier immer attraktiver geworden ist, hat einerseits mit den offenen Grenzen zu tun. Andererseits sind die Spritpreise seit Jahren in Deutschland auch zum politischen Instrument geworden, über das die verschiedenen Bundesregierungen Einfluss aufs Steueraufkommen geübt haben.
Einfluss durch die Politik


Beispiel: Deutsche Einheit. Lag die Mineralölsteuer bei der Einführung von bleifreiem Benzin im Jahr 1985 bei 49 Pfennig pro Liter (etwa 25 Cent), wurde sie zum 1. Juli mit einem Schlag um insgesamt 22 Pfennig pro Liter unverbleitem Benzin auf 82 Pfennig (41 Cent) angehoben. Begründung der damaligen Regierung: der Aufbau der neuen Länder, der Golfkonflikt mit dem Irak und umweltpolitische Ziele. "Zum ersten Mal in unserer Geschichte seit 1936 mussten wir mit der Wiedervereinigung Leute entlassen und Firmenteile auslagern", blickt Schlüschen zurück. Umso wichtiger seien inzwischen die Tank-Shops geworden, um auch unabhängiger von der Politik zu sein. Aber auch von den multinationalen Mineralölkonzernen, gegenüber denen die regionalen Tankstellen-Eigentümer immer selbstbewusster auftreten müssen. So hat der Autohof Görgen in 60 Jahren Tankstellengeschäft mit den Ölriesen Dea, Texaco, Shell und seit einigen Wochen Total immer langfristige Verträge abgeschlossen.
Auch der eigene und selbstständige Firmenableger in Luxemburg, die Luxoil-Tankstelle in Wasserbillig, hat laut Schlüschen zum Selbstbewusstsein beigetragen. Luxoil macht nach Aussagen des Eigentümers immerhin die Hälfte des gesamten Umsatzes der Unternehmensgruppe Görgen von jährlich 65 Millionen Euro aus. Dorthin hat die Görgengruppe inzwischen auch ihre Unternehmenszentrale verlagert - inklusive eines sogenannten Dieselbahnhofs und einer LKW-Zapfstelle für insgesamt rund 750 000 Euro.
Extra

Bereits 1936 wird das Traditionsunternehmen Görgen von dem Geschwisterpaar Felix und Therese Görgen in Trier gegründet. Therese - als "Röschen" Görgen bekannt für ihre schillernde Persönlichkeit und eine der ersten Unternehmerfrauen, nach der in Trier eine Straße benannt wurde - setzt mit ihrem Bruder alles auf die Autoverwertung. Mit Erfolg. Es entsteht ein Großhandel für Autoteile. Vor 60 Jahren öffnet die erste Tankstelle. Nachfolgerin Charlotte Görgen erweitert die Palette um einen Mineralölgroßhandel. Das Unternehmen konzentriert sich auf den Handel mit Kraftstoffen - auch mit Hilfe eines großen Tanklagers von 20 Millionen Litern im Trie rer Hafen - sowie auf die Tankstellen und den Ersatzteil-Großhandel. Während Mutter Charlotte das Tanklager betreibt, steigen Tochter Marie-Theres und Schwiegersohn Peter Jan Schlüschen 1969 in die Geschäftsleitung ein und übernehmen Autohof und Ölvertrieb. Mit der Schnellgastronomie kommt 1983 ein neues Geschäftsfeld hinzu. Inzwischen ist der Betrieb auf eine Gruppe mit 230 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von 65 Millionen Euro gewachsen. Elf Tankstellen gibt es in der Region Trier, die Luxoil-Tankstelle ist ein separater Ableger in Wasserbillig/Luxemburg. sas

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