Regionale Wirtschaft: Von Strickscheid auf die Streif

Regionale Wirtschaft : Von Strickscheid auf die Streif

Mess-Meister aus dem Eifeldorf: Wie die Firma Aaronia mit ihren Geräten den Markt erobert – Abfahrtspisten in Beschlag nimmt und den Papst schützt.

Als vor einigen Wochen Thomas Dreßen in Kitzbühel das Hahnenkamm-Rennen gewann, jubelte ganz Ski-Deutschland. Immerhin ist Dreßen der erste Alpin-Abfahrer aus der Bundesrepublik, der die „Streif“ nach Sepp Ferstl als Schnellster bezwang. Und das ist schon geschlagene 39 Jahre her, da war der französische Präsident noch nicht auf der Welt. Oder gerade in Arbeit.

Kurz vor dem Start des Abfahrtrennens aber raste noch ein anderer Sportler mit mehr als 100 Sachen die Piste herunter: Max Stöckl. Auf einem Mountain-Bike. Und diese ziemlich verrückte Aktion wurde vor allem in einem winzigen Eifeler Dorf mit Spannung und Freude verfolgt: Denn auf Stöckls Rad war ein sogenannter GPS-Logger der Firma Aaronia montiert (GPS: Globales Positions-Bestimmungssystem).

Aaronia sitzt in Strickscheid in der Verbandsgemeinde Arzfeld, Eifelkreis Bitburg-Prüm. Strickscheid? Ja, Strickscheid. Einwohner nach jüngster offizieller Zählung, die allerdings auch schon zehn Jahre zurückliegt: 36. Betriebe? Meist Landwirtschaft. Dazu ein Gewerbegebiet, mit exakt einem Unternehmen: eben Aaronia. Gerade haben sie ihre Firma erweitert und neu gebaut. Weil es so gut läuft.

 Aber was ist denn jetzt ein GPS-Logger? Und wieso entsteht der in Strickscheid? Der Logger, erklärt uns Aaronia-Betriebswirtin Birgit Hontheim, „ist halb so groß wie ein normales Handy. Sein Sensor zeichnet auf, wo man sich gerade befindet, in welcher Höhe und in welcher Neigung. Die Informationen werden auf einer SD-Karte aufgezeichnet.“

Und die kann man dann auslesen. Das Gerät habe den Sinn, im Gelände genau feststellen zu können, wo man zum Beispiel mit seinem Telefon guten Empfang habe und wo, „wie manchmal bei uns in der Eifel, nicht“.

Genutzt werden solche Daten unter anderem von den Netzanbietern, die deshalb auch zur Kundschaft von Aaronia gehören.

Für die Aktion in Kitzbühel übrigens kam die Anfrage vom Sponsor des Bikers – jener Firma, deren koffeinhaltiges Getränk angeblich Flügel, garantiert aber verstärkten Harndrang verleiht. „Die wollten unbedingt unser Gerät haben“, sagt Birgit Hontheim.

Sie sind nicht die Einzigen, die Geräte aus Strickscheid haben wollen, wo man sich allmählich einem zweistelligen Millionen-Umsatz annähert: Eine Neuheit – und derzeit stark angefragt – ist ein System, das Drohnen aus mehreren Kilometern Entfernung ausfindig machen kann. Die Kundschaft? Eine lange Liste: Sicherheitsfirmen, Großveranstalter, Vollzugsanstalten, Nuklearanlagen, Flughäfen, aber auch Bundespolizei und Militär. „Überall da, wo es gefährlich sein kann, wenn Drohnen fliegen, wird es angefragt“, sagt Birgit Hontheim. Zuletzt auch beim Besuch von Papst Franziskus in Myanmar. Die Sicherheitslage weltweit sei für dieses Interesse am Drohnen-Detektor mitverantwortlich. „Im Laufe der nächsten Monate wird daher auch ein System am Flugplatz Bitburg installiert, um es unseren Kunden unter realen Bedingungen zu demonstrieren“, sagt Vertriebsleiter Manuel Pinten.

Aber Strickscheid? Wieso ausgerechnet dort? Es war eine Entscheidung des Chefs und Gründers, Thorsten Chmielus. Der stammt aus dem Frankfurter Raum. Und arbeitete zunächst auch in der Metropole am Main. Aber: „Das war ihm einfach zu viel Trubel. Er braucht Ruhe bei der Entwicklung.“

Zunächst zog er ins Haus am Viadukt neben dem Radweg: „Das stand zum Verkauf und war auch im Frankfurter Raum annonciert. Ich habe es dann besichtigt, und der schöne Bach hinter dem Haus gab neben der ruhigen Lage den Hauptausschlag für meine Kaufentscheidung“, sagt der 52-Jährige. So zog er bereits in den 1990er Jahren nach Strickscheid.

„Die ersten Lebensjahre verbrachte ich mit meinen Eltern in den USA“, sagt Thorsten Chmielus, der gerade nicht in der Eifel ist, weil er im Orient von Emirat zu Emirat in Sachen Aaronia düst. „Einen Dialekt habe ich nicht gelernt. Die Verständigung mit den Eifelern klappt aber mittlerweile ganz gut. Man hat sich sprachlich angenähert“, sagt er und lacht.

Wie gesagt: 36 Einwohner. Und fast so viele Mitarbeiter am Eifeler Aaronia-Standort. Hinzu kommen aber noch etliche, die jenseits der Eifel für das Unternehmen entwickeln, montieren und Produkte vertreiben. „Wir brauchen am Standort Strickscheid dringend weitere Mitarbeiter, anders können wir das derzeitige Umsatzwachstum von 30 Prozent nicht stemmen“, sagt Manuel Pinten.

Bei einer Kundschaft in 197 Ländern – das sind vier mehr, als die Vereinten Nationen Mitglieder haben – verwundert das nicht. Vor allem gefragt sind Elektroniker. Sie sollten allerdings eher feinmotorisch veranlagt sein, denn sie müssen mit sehr kleinen Teilen arbeiten und eine ruhige Hand haben. Und sollten daher bei der Arbeit lieber kein Red Bull trinken.

So klein, so fähig: Der GPS-Logger von Aaronia. Foto: TV/Fritz-Peter Linden

Information und Kontakt:
www.aaronia.de

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