Warteschleifen vor der Ausbildung

Warteschleifen vor der Ausbildung

Im jüngsten Ausbildungsjahr 2009/2010 lag die Zahl der noch unbesetzten Lehrstellen zum Schluss um rund ein Drittel höher als die der unversorgten Bewerber. Rechnerisch überstieg das Angebot die Nachfrage deutlich. Doch solche Betrachtungen sind nach Einschätzung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nur die halbe Wahrheit.

"Der Ausbildungspakt hat die Probleme auf dem Lehrstellenmarkt gesundgebetet", kritisiert der DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy im Gespräch mit unserer Zeitung. Nach seinen Angaben konnten zwischen September 2009 und September 2010 nur 51 Prozent der registrierten Bewerber tatsächlich eine reguläre Berufsausbildung beginnen.Keiner weiß, wie viele frustriert aufgeben



Adamy stützt sich dabei auf aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit. Von den 552 000 gemeldeten Bewerbern hatten demnach lediglich 283 000 eine Lehrstelle ergattert. 123 000 suchten die Zeit mit einer weiterbildenden Schule und Praktika sowie in Fördermaßnahmen zu überbrücken. 29 000 Bewerber hatten ohne Ausbildung eine Erwerbstätigkeit begonnen. Die restlichen Jugendlichen blieben zum größten Teil entweder unversorgt (12 000), also ohne einen mehr oder minder befriedigenden Lehrstellen-Ersatz, oder es lagen keine Angaben über deren Verbleib vor. Hier handelt es sich immerhin um knapp 94 000 junge Leute, unter denen sich auch solche befinden könnten, die frustriert aufgegeben haben. Der Mangel zeige sich schon daran, dass seit Jahren nahezu die Hälfte aller Ausbildungsbewerber sogenannte Altbewerber seien, erläutert Adamy. Diese Personengruppe ist weiter bei der Bundesagentur gemeldet, hat die Schule aber schon im jeweiligen Vorjahr oder noch früher verlassen.

Unversorgt trotz guter Abschlüsse



Dabei haben längst nicht alle Lehrstellen-Suchenden, die in einer Warteschleife landen, schlechte oder gar keine Schulabschlüsse vorzuweisen. So gab es nach DGB-Angaben allein im Vorjahr 72 000 Jugendliche, die von der Bundesagentur für Arbeit als "ausbildungsreif" eingestuft, aber trotzdem nur mit einer Ersatzmaßnahme "versorgt" wurden. Für viele mögen solche Hilfen sinnvoll sein. Das Bundesinstitut für Berufsbildung sieht indes die Gefahr, dass Jugendliche auf diese Weise dauerhaft ohne Ausbildung bleiben. Nach Schätzungen des Instituts haben 20 bis 30 Prozent der Teilnehmer an Ersatzmaßnahmen selbst nach drei Jahren noch keine Berufsausbildung aufgenommen.

Die Ausbildungsförderung kostet laut DGB bis zu drei Milliarden Euro im Jahr. Finanziert wird sie zum größten Teil durch den Beitragszahler, nämlich über die Arbeitslosenversicherung. Aus dem steuerfinanzierten Hartz-IV-System kommen etwa 500 Millionen Euro. Das ist insofern problematisch, als im Vorjahr rund 55 Prozent aller Arbeitslosen unter 25 Jahren auf Hartz IV angewiesen waren. "Warum wird nur die Förderung des Studiums aus Steuermitteln finanziert, nicht jedoch der Übergang Jugendlicher von der Schule ins Ausbildungssystem?", kritisiert Adamy. Sein Fazit: "Von einer guten Versorgung auf dem Ausbildungsmarkt, die von Bundesregierung und Arbeitgebern seit Jahren verkündet wird, kann aufgrund der festgestellten Ausbildungslücken nicht die Rede sein." Schon bei der Verlängerung des Ausbildungspakts im Oktober 2010 hatte der DGB eine "ehrliche Ausbildungsbilanz" verlangt. Auf einen gemeinsamen Nenner kam man damals nicht. Deshalb sagten die Gewerkschaften ihre Beteiligung am Pakt ab.

extra In der Region nimmt die Ausbildungsplatzsituation eine Sonderstellung ein. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Region Trier lag Ende 2010 bei 3,4 Prozent. Den Jugendlichen standen zu diesem Zeitpunkt mehr als 200 offene Ausbildungsstellen zur Verfügung.

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