Weingut Reichsgraf von Kesselstatt hat 6,5 Millionen Euro investiert

Wein : Weinherstellung auf drei Ebenen

Das Weingut Reichsgraf von Kesselstatt hat 6,5 Millionen Euro in den Neu- und Umbau seiner Technik investiert. Das Kelterhaus arbeitet mit modernsten Pressen, die Trauben werden über drei Ebenen von oben nach unten verarbeitet.

Wenn ein 670 Jahre alter Traditionsbetrieb von Modernität spricht, so wirkt dies auf den ersten Blick ein wenig drollig. Wer jedoch hinter die Kulissen des Weinguts Reichsgraf von Kesselstatt im beschaulichen Ruwertal blickt, wird dank neuester Technik und ausgeklügelter Logistik eines Besseren belehrt. Denn in den vergangenen drei Jahren hat das Weingut 6,5 Millionen Euro investiert und damit in der Branche für die kommenden Jahre und Jahrzehnte Maßstäbe gesetzt. Auch der eine oder andere neugierige Winzerkollege hat sich davon bereits überzeugt.

Schon einmal ist das Weingut Reichsgraf von Kesselstatt Vorreiter in Sachen Technik und Qualität, als Annegret Reh-Gartner das Weingut 1983 übernimmt und als Frau in einer Männerdomäne den Betrieb weltweit mit an die Spitze der renommiertesten Weingüter von Mosel, Saar und Ruwer führt (siehe Info). So geht auf sie die Verlagerung des Betriebssitzes, die Aufnahme des Weinguts in den Großen Ring VdP und die Verkleinerung des Betriebes zur Qualitätssteigerung zurück. Auch die jetzige Aufrüstung des Weinguts für die Zukunft ist im Ursprung ein Werk Reh-Gartners, die kurz nach Beginn der Bauarbeiten verstorben ist. „Sie hat alles bis ins Detail geplant und uns damit ein großes Geschenk hinterlassen“, würdigt Mona Loch, eine von drei Geschäftsführern und für den Vertrieb zuständig, das unternehmerische Erbe.

Ob Wehlener Sonnenuhr, Piesporter Goldtröpfchen, Ockfener Bockstein oder Kaseler Nieschen: Erstes Ziel des Weinguts ist dabei die immer schonendere Verarbeitung seiner Trauben zu edelsten und weltweit bekannten Tropfen dieser Lagen. Denn die Klimaveränderung macht sich im Weinbau seit Jahren bemerkbar, was die Winzer vor immer neue Herausforderungen stellt. „Die Herbste beginnen immer früher und sind wärmer. Die Trauben müssen in immer kürzeren Zeiträumen geerntet werden“, weiß Wolfgang Mertes, Geschäftsführer Önologie und Controlling. Hätten die Winzer vor 30 Jahren noch etwa sechs bis acht Wochen Zeit gehabt, um die reifen Trauben zu lesen, so bestehe heute bei häufig über 20 Grad Celsius Außentemperatur Druck, die Weinberge in drei Wochen abgeerntet zu haben. Noch profitiert das Weingut davon, in allen drei Gebieten von Mosel, Saar und Ruwer Weinlagen und damit unterschiedliche Lesezeiten zu besitzen, dennoch werden 95 Prozent der Weintrauben von Hand geerntet, so dass jede Minute zählt.

Um gerade in der hektischen Zeit der Traubenlese Ruhe zu gewinnen, haben die Verantwortlichen zunächst einmal nur logisch gedacht – das Ergebnis fasziniert und ist in der Weinbaubranche neu: Nämlich, dass die Trauben, der Most und später der Wein der Schwerkraft der Natur gemäß angeliefert, verarbeitet, verfeinert, verkauft und später ausgeliefert werden. „Wir haben mit dieser Technik in einer ohnehin stressigen Phase der Ernte Zeit gewonnen, um ein entspannteres Arbeiten für mehr Weinqualität zu gewinnen“, sagt Mertes.

Im Detail funktioniert das so: Die angelieferten Trauben werden unter einer Überdachung ebenerdig abgeladen und im neuen Kelterhaus verarbeitet. Die Trauben kullern durch das Mahlwerk eine Etage nach unten und gelangen so in eine von vier Pressen. Der Vorteil: Die Maschinen sind acht Grad Celsius kalt und können die sonnensüßen Trauben gleich abkühlen, ehe die Früchte zu gären beginnen. Die Trauben werden nur leicht angequetscht, so dass weniger Gerbstoffe aus der Traubenhaut in den Most gelangen. Auch können die vier modernen Pressen mit bis zu 6000 Litern Fassungsvermögen die Trauben auch als Ganzes pressen, was für die Sektherstellung wichtig ist.

„Das erweitert unsere Spielwiese an Möglichkeiten um Methoden, die vorher nicht möglich waren“, sagt Mertes. Aus den Pressen läuft der Most die nächste Ebene nach unten, so dass Pumpen möglichst wenig zum Einsatz kommen. Dort im Keller gelangt der Wein in die Fässer, um bis zum Abfüllen Trübstoffe absetzen und reifen zu können. „Noch schonender kann man mit der Schwerkraft kaum arbeiten, um die beste Qualität für den Wein zu gewinnen“, sagt der Experte für Önologie. Auf derselben Ebene befinden sich die Abfüllung und das Ausgangstor, von wo aus der fertige Wein ausgeliefert wird. Angedockt ist das zwölf Meter tiefe Hochregallager mit Blick in die nächste Ebene. Somit gibt es viel künftig Platz, um die Jahresproduktion von 300 000 Flaschen – je nach Ertrag des Jahrgangs – unterzubringen und abrufbereit zu haben. 

Das wird auch immer wichtiger, denn inzwischen gehen 35 Prozent der Weine in den Export, vor allem in die USA und nach England, aber auch nach China und Korea in Asien sowie nach Australien. Und das soll noch mehr werden. Vertriebsgeschäftsführerin Loch: „Der deutsche Markt ist ein Verdrängungsmarkt. Weine und Weingüter sind gerade für die jungen Weintrinker auswechselbarer geworden.“ Hier werde das Ausland immer wichtiger, vor allem bei edelsüßen Weinen, wo Traditionsweingütern wie von Kesselstatt noch ein größerer Stellenwert zugeschrieben würde.

Jonas Kirschen, Winzerlehrling beim Weingut Reichsgraf von Kesselstatt in Morscheid, sucht in dem 12 Meter hohen Hochregallager eine Kiste Wein heraus. Foto: Sabine Schwadorf

Das Schlossfest am Wochenende vom 25. und 26. Mai bietet eine Gelegenheit, das Weingut Reichsgraf von Kesselstatt zu besichtigen. Infos unter www.kesselstatt.com

Mehr von Volksfreund