Wenn das Kind im Brunnen liegt

Wenn das Kind im Brunnen liegt

TRIER. Prominente Firmenkrisen rücken die Insolvenzverwalter in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Von ihnen hängt es unter anderem ab, ob eine Firma gerettet werden kann oder nicht. Einer, der in der Region Unternehmen wie die Heister-Gruppe, das Musikhaus Reisser oder die Bäckereikette Neises vor dem Ruin bewahrte, ist Thomas B. Schmidt. Derzeit beschäftigt ihn auch die Insolvenz des Autohauses Tix.

"Können Sie sich vorstellen, das Unternehmen in den schwarzen Zahlen zu halten, wenn es die Schulden nicht gäbe?" Dies ist eine der ersten Fragen, die Thomas B. Schmidt dem Geschäftsführer oder den Verantwortlichen eines Unternehmens stellt, für das er vom Gericht als Insolvenzverwalter bestimmt wurde. "Darüber hinaus schaue ich mir den Unternehmer genauer an. Hat er die Kompetenz, die Firma weiterzuführen? Bekommt er noch Kredite?" Schließlich geht es um die Frage, ob das Unternehmen fortgeführt werden kann, und dazu muss Schmidt natürlich auch intensiv die Geschäftsbücher wälzen. Wenn nichts dagegen spricht, stellt er einen Insolvenzplan auf, das Kernstück der Sanierung. Einfach ausgedrückt beschreibt er, wie es mit dem Unternehmen in den nächsten drei bis fünf Jahren weitergehen soll. So will es das Gesetz. Um auszuloten, ob die Gewinne in den kommenden Jahren auch tatsächlich sprudeln werden, beschäftigt Schmidt eine Betriebswirtin. Sie erstellt zahlreiche Rechenwerke, die das Insolvenzgericht und die Gläubiger auf ihre Plausibilität hin prüfen können. Der Plan bestimmt auch, dass der Insolvenzverwalter dem Unternehmer in den nächsten fünf Jahren als eine Art "Planüberwacher" zur Seite steht, der seinen Segen etwa bei der Kreditaufnahme oder bei Gehaltsänderungen der Geschäftsführung geben muss. Außerdem enthält der Plan eine Liste aller Gläubiger, unterteilt in Lieferanten, Banken oder Arbeitnehmer. Jede Gruppe muss für sich der Fortführung zustimmen. Am Ende entscheidet die Mehrheit. "Im Fall einer Zerschlagung bekommen die Gläubiger oft nur ein bis fünf Prozent ihrer Forderungen. Im Fall der Zustimmung gibt es in der Regel ein Vielfaches", sagt Schmidt und spricht von einer Konstellation, die für alle Beteiligten Vorteile bringt: "Die Arbeitnehmer behalten ihre Arbeitsplätze, der Unternehmer seine Existenz, und die Gläubiger bekommen mehr Geld." Diese Rechnung geht allerdings nicht mehr auf, wenn es sich um eine Baufirma handelt, die überwiegend im Tief- oder Straßenbau tätig ist. "Sobald die öffentliche Hand von einer Insolvenz hört, entzieht sie Aufträge oder schließt den Unternehmer bei einer Neuausschreibung aus. Der Staat macht damit eine Weiterführung unmöglich, selbst wenn alle Gläubiger zustimmen würden", sagt Schmidt. "Und das, obwohl er bei einer Pleite den volkswirtschaftlich größten Schaden hat." Erfolgreicher ist da schon die Zusammenarbeit mit den Banken. "Die hiesigen Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken haben sich immer kompromissbereit gezeigt. Ich glaube, das liegt daran, dass ein regionaler Bankvorstand noch Verantwortung empfindet. Er kennt den Unternehmer oder einzelne Mitarbeiter oft persönlich. Dadurch ergibt sich eine andere Denkweise als bei Großbanken, wo das Verhältnis eher anonym ist."Fehlende kaufmännische Grundkenntnisse

Ursache für eine Pleite ist in der Regel das Fehlen von kaufmännischen Grundkenntnissen. "Ich erlebe es immer wieder, dass Unternehmer Aufträge annehmen, ohne dass sie wissen, ob sie damit Geld verdienen." Zu viel Personal und ein rasantes Wachstum, bei dem am Ende der Überblick fehlt, sind weitere häufige Gründe. So kündigt sich eine Insolvenz oft schon lange vorher an. Hier nimmt Schmidt die Steuerberater in die Pflicht: "Es kann nicht sein, dass Steuerberater jahrelang in der Bilanz Schulden ausweisen und dann den Satz dazu schreiben, dass sie auf eine mögliche Insolvenzantragspflicht hingewiesen haben. Vielen Steuerberatern fehlt die insolvenzrechtliche Fachkenntnis. Sie sollten Mut haben und mehr Sensibilität für wirtschaftliche Vorgänge entwickeln. Das wäre eine sehr große Chance, den Unternehmen etwas Gutes zu tun." Nicht ohne Grund echauffiert sich Schmidt bei diesem Thema: "Ich lerne die Unternehmer erst kennen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist."

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