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Wie lockt man Fachkräfte aufs Land?

Wie lockt man Fachkräfte aufs Land?

Unternehmen brauchen bessere Führungskräfte, flexiblere Arbeitszeiten und mehr Eigenwerbung: Experten haben bei einer Tagung in Bitburg ganz unterschiedliche Ansätze vorgestellt, mit deren Hilfe sich Betriebe in der ländlichen Region Trier Fachkräfte sichern könnten.

Bitburg. Für ein pulsierendes Nachtleben sind Eifel und Hunsrück nicht bekannt. Auch Staatsopern oder glamouröse Shoppingmeilen sucht man vergeblich. Dennoch hat die ländlich geprägte Region Trier für Arbeitnehmer aus Sicht von Heike Arend, Geschäftsführerin der Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz (Zirp), Vorteile gegenüber so mancher Großstadt: Das Leben sei weniger anonym, Bauland günstiger, Schulklassen seien kleiner, Staus seltener… "Unternehmen werben viel zu selten mit den Vorzügen ihrer Region", sagt sie. Und Regionen kämen zu selten auf die Idee, auf ihre tollen Arbeitgeber hinzuweisen.
Daher hat die Zirp unter dem Titel "Starke Wirtschaft, starke Regionen" in Bitburg mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik über das Thema Fachkräftesicherung diskutiert - eine der großen Herausforderungen, die der demografische Wandel mit sich bringt. Und was Arend freuen dürfte: In der Eifel streben Arbeitgeber und Region bereits an, sich in der Marke Eifel zusammentun, um gemeinsam für sich zu werben.
Zu diesen Unternehmen zählt auch die Bitburger Brauerei, Gastgeberin des Diskussionsforums, Arbeitgeberin von 1700 Menschen und einer der größten Ausbildungsbetriebe der Region. "Wir müssen das Thema Fachkräftesicherung differenziert betrachten", sagt Theo Scholtes, Personalleiter der Braugruppe. Mit Problemen rechnet er eher in der Produktion als im Marketing. Doch daran, dass die Eifel irgendwann ein "quantitatives Dilemma" erleben wird, zweifelt er nicht.
"Junge Leute wollen etwas leisten, wünschen sich aber auch ein Höchstmaß an Freiheit", sagt er. Scholtes ist überzeugt, dass Betriebe bei den Arbeitszeiten flexibler werden müssen - und es dem einen ermöglichen sollten, an drei Tagen die Woche zehn Stunden zu arbeiten und dem anderen an sechs Tagen fünf Stunden. Mit dualen Studiengängen gelinge es, Abiturienten in den Betrieb zu locken. Auch hat sich die Zusammenarbeit mit Hochschulen bewährt: Studierende kommen als Praktikanten zur Brauerei oder schreiben dort ihre Bachelor- oder Masterarbeit.
Für den Trierer Unternehmensberater Alfred Gettmann sind gute Führungskräfte eine Voraussetzung, um Mitarbeiter zu locken und zu halten. Er bescheinigt den Deutschen da allerdings ein Problem: Das Denken sei noch zu stark an Defiziten orientiert, an Weisungen von oben. Und nicht an Vertrauen und Motivation oder den Bedürfnissen der Arbeitnehmer. Gute Führungskräfte wiederum bekämen so viele Projekte, Aufgaben und Rollen, dass sie überfordert würden. "Die Bereitschaft Führungsaufgaben zu übernehmen, wird weiter sinken", glaubt Gettmann. Er rät dazu, Chefs zu entlasten und viel Energie in Ausbildung zu stecken.
Die Mainzer Marketingberaterin Ingrid Vollmer empfiehlt Unternehmen, sich auch als Arbeitgeber zur Marke zu machen. Internetseiten von Betrieben, die Probleme bei der Fachkräftesuche haben, seien oft zu einseitig auf die Bewerbung des Produkts ausgerichtet. Dort, wo es gut läuft, erfahren potenzielle Mitarbeiter laut Vollmer meist schon auf den ersten Blick, warum es sich für sie lohnt, eine Bewerbung zu schicken.
Auch in der Vernetzung mit der Konkurrenz sehen die Referenten einen Erfolg versprechenden Schritt. Ein Schritt, den man in der Eifel längst gegangen ist: Rund 50 Betriebe aus dem Eifelkreis haben sich im Sommer bei der Facharbeitsmesse der Job Initiative Eifel gemeinsam um Nachwuchskräfte bemüht. Um deren Abwanderung aus der ländlichen Region Trier zu verhindern.Extra

Weil junge Menschen abwandern, sind ländliche Regionen stärker vom demografischen Wandel betroffen. "Das Land blutet aus", sagt Gabriele Wydra-Somaggio vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Erhebungen zufolge haben ein Jahr nach ihrem Ausbildungsende zehn Prozent der Azubis Rheinland-Pfalz verlassen. Nach fünf Jahren sind es schon 17 Prozent. Folgendes müsste die Politik aus ihrer Sicht verbessern: die Ausbildung von Arbeitslosen, das Betreuungsangebot für Mütter und Pflegende, die Bildungschancen für sozial benachteiligte Kinder und die Beratung bei der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse. Wie groß die Gefährdung der Wirtschaft durch den Fachkräftemangel ist, zeigt eine Zahl aus der Region Trier: In jedem vierten Unternehmen bleiben offene Stellen länger als zwei Monate unbesetzt. Dies zeigt der Fachkräftemonitor der rheinland-pfälzischen Industrie- und Handelskammern (IHK). Er prognostiziert den landesweiten Bedarf bis 2030: Bis dahin werden 142 000 Fachkräfte fehlen. Das heißt, 13,6 Prozent mehr Menschen könnten beschäftigt werden. In der Region fehlen 16 000 Fachkräfte (Lücke von 12 Prozent). kah/sas