1. Region
  2. Wirtschaft

Wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt der Zukunft auswirkt

Experten diskutieren : Viele Chancen, einige Risiken und reichlich Dynamik

Wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt auswirkt – und was Schule und Betriebe in Zukunft leisten müssen oder sollen.

(BP) Henrik Ekstrand hat gerade sein Abitur in der Tasche und ist schon Digitalunternehmer mit der Social-Media-Agentur Creative Mindz. Er stammt aus der Generation Z, den so genannten Digital Natives, die mit Smartphone, Apps und Digitalisierung groß geworden ist. Er weiß, wie man die Kunden von heute und morgen auf unterschiedlichen Digitalplattformen anspricht - und viele regionale Unternehmen arbeiten daher schon mit den Creative Mindz zusammen. Sein täglich Brot ist digital, aber er sagt auch: „Selbstständiges Denken ersetzt keine digitalisierten Prozesse.“

Wer meint, Digitalisierung beträfe nur Amazon, Google oder Instagram, nicht aber das regionale Handwerk, liegt völlig falsch. Das Gegenbeispiel ist Jeanette Spanier aus Longuich, Gerüstbaumeisterin mit eigenem Betrieb. Sie hat den Gerüstbau digitalisiert, mit ihrem Unternehmen Scaffeye, einer App, die Sicherheitsstandards, aber auch die Verwaltung von Baustellen und Gerüsten vereinfacht und auf eine digitale Plattform bringt. Zudem ist sie Gründerin von Moselcopter, einem Unternehmen für Luftaufnahmen, das zum Beispiel Aufmaße und Überprüfungen für Handwerker in luftigen Höhen, aber auch Imagefilme realisiert. „Unser Gerüstbau-Unternehmen ist komplett digitalisiert. Unsere Fachkräfte müssen heute daher ein ganz anderes technisches und digitales Verständnis mitbringen“, sagt Spanier.

Das ist für ein rein digitales Unternehmen wie die Trierer Geodaten-Softwareschmiede von Alta 4 selbstverständlich. Damit die Fachkräfte der Zukunft – egal welcher Branche – wissen, wie der Kern der Digitalisierung aussieht, fordert Alta-4-Gründer Ole Seidel: „Programmieren muss Schulfach werden. Und generell müssen die Arbeitskräfte von morgen viel Neugier und Herzblut mitbringen und offen für ständige Weiterentwicklung sein.“ Dass es aber nicht reicht, im Rahmen des Digitalpakts iPads an Schulen zu liefern, betont David Thieser, Vorstand der Freien Montessorischule in Trier.

Ekstrand, Spanier, Seidel und Thieser diskutierten auf Einladung des Netzwerks SchuleWirtschaft Trier und der Wirtschaftsförderung Trier vergangene Woche in der voll besetzten Tuchfabrik über „Die neue digitale Welt – Chance oder Dilemma“. Die 80 Zuhörer beteiligten sich teilweise sehr emotional an der Diskussion. Vor allem die Tatsache, dass kein Vertreter einer Regelschule auf dem Podium saß, monierten viele Lehrer.

Lob und Kritik für das Schulsystem als solches gab es von Jeanette Spanier: „Es gibt in den Schulen vieles, was Digitalisierung betrifft, aber vieles geht einfach zu langsam. Die Arbeitswelt wartet nicht.“ Dies sieht Jung-Unternehmer Ekstrand ähnlich: „Schule muss sich den Gegebenheiten und der immer dynamischeren Arbeitswelt anpassen, sie muss zudem noch mehr das lebenslange Lernen fördern. Aber es geht nicht nur um Technik, sondern auch um soziale Intelligenz.“

Was sich für Unternehmen, aber auch Mitarbeiter in Zukunft durch Digitalisierung ändert, stellten die Uni-Professoren Jörn Block und Katrin Mühlfeld (beide Fachbereich Unternehmensführung und Forschungsstelle Mittelstand) vor. „Der gesamte Absatzmarkt ändert sich, es gibt viele neue Player in der Wertschöpfungskette, andere werden zum Beispiel durch Amazon überflüssig“, sagte Block, der auf das veränderte Kundenverhalten verwies: „Alle Waren oder Dienstleistungen müssen mit einem Klick verfügbar und am besten auch noch vergleichbar sein. Kunden werden ungeduldiger und bequemer, zudem wird vieles nur noch abonniert und nicht mehr gekauft, zum Beispiel bei Musikstreamingdiensten. Daten, Prozesse und die Kooperationsfähigkeiten mit anderen Firmen werden für Unternehmen viel wichtiger.“

Mühlfeld verwies darauf, dass laut einer Studie 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA digitalisiert werden könnten - weniger in der Produktion, als im Verkauf, Handel und Dienstleistungssektor. „Zukunftsfähig sind alle Branchen, in den Kreativität, soziale Intelligenz, Feinmotorik und die Fähigkeit, selbstständig Probleme zu lösen gefragt sind – vor allem Pflege und Gesundheit, IT, Wissenschaft, Bildung, Recht und Medien.“