| 20:38 Uhr

Winzer fluchen über Meldepflicht für Eiswein

Mainz. Edel und süß: Deutsche Eisweine sind eine Spezialität. Sie genießen als Raritäten Weltruf. Doch der aufgrund der milden und nassen Witterung schlechte Jahrgang 2011 hat für reichlich Ärger gesorgt, der bis heute anhält. Frank Giarra

Mainz. Peter Terges flucht: "Das ist der größte Schwachsinn!" Den Trierer Winzer bringt es auf die Palme, dass die rheinland-pfälzische Weinbauministerin Ulrike Höfken (Grüne) eine Meldepflicht für Eisweinerzeuger eingeführt hat. Diese sollen bis 15. November des Erntejahres der Landwirtschaftskammer mitteilen, auf welchen Flächen sie wie viel des Getränks herstellen wollen. Wer nicht oder nicht richtig meldet, begeht laut Ministerium eine Ordnungswidrigkeit. Das kann bis zu 20 000 Euro Geldbuße nach sich ziehen.
Terges, selbst Weinprüfer bei der Kammer, schimpft über "den Bürokratismus". Seiner Ansicht nach kennen die Fachleute die Winzer und ihre Flächen ohnehin sehr genau und "stehen schon direkt auf der Matte, wenn es kalt genug für den Eiswein ist". Norbert Schindler, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes, sieht das ähnlich: "Die bisherigen rechtlichen Regelungen sind völlig ausreichend." Das Weinjahr 2012 habe gezeigt, "dass solche Weine auch unter den bisherigen Bedingungen problemlos geerntet und kontrolliert werden können".
Problembeladen war allerdings der Jahrgang 2011, weshalb sich Weinbauministerin Höfken zu der neuen Verordnung genötigt sah. Durch den ungewöhnlich milden und nassen Winter habe sich der Zustand der Trauben nach der Hauptlese beständig verschlechtert bis hin zur Fäulnis.
Für Experten des Landesuntersuchungsamtes war laut Präsident Stefan Bent und Ministerin Höfken daher klar, dass weder der Zustand der Trauben noch die Temperaturen die Voraussetzungen für eine Eisweinherstellung erfüllt hätten. Trotzdem seien landesweit 470 000 Liter Eisweinmost gekeltert worden. Bei den Kontrollen hätten die LUA-Fachleute 90 Prozent der Proben beanstandet.
Peter Terges ist einer derjenigen, die sich gegen das Verkaufsverbot wehren. Für ihn ist es "völlig unbegreiflich, dass meine Eisweine gar nicht geprüft wurden". Er habe vor drei Monaten bei der Kammer einen entsprechenden Antrag gestellt und warte seitdem auf Antwort. So lange diese nicht vorliege, könne er nicht klagen.
Sieben Klagen abgewiesen


Andere Winzer haben geklagt - erfolglos. Eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Trier wurde zurückgezogen, sieben Klagen vor den Verwaltungsgerichten Mainz, Neustadt und Koblenz wurden abgewiesen. Höfken wertet das als "positives Signal an die Verbraucher, aber auch an unsere vielen qualitätsorientierten Winzer".
Bei den staatlichen Kontrollen 2012 stand zwar der Eiswein im Fokus, doch es wurden stichprobenartig alle Weine geprüft, auch die, die aus dem Ausland importiert wurden. Der Schwerpunkt der Kontrollen liegt auf den heimischen Weinen, "um deren Ruf zu schützen", erläutert Walter Reineck, Referent Weinüberwachung im Ministerium.
Bei 5900 Kontrollen wurden 4400 Proben gezogen. Dass jede fünfte Probe beanstandet wurde, relativiert LUA-Präsident Bent: "Wir gehen vor Ort gezielt Auffälligkeiten nach. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ." Allerdings gab es schwerwiegende Fälle. Wer dem Wein Pfirsicharoma oder Vanillin beimischt, um den Geschmack eines Eichenfasses zu erzeugen, fällt auf. Besonders stolz sind die Prüfer, eine neue Methode zum Nachweis von Antipilzmitteln entwickelt zu haben. Sie sei internationaler Standard.Extra

Den ersten Eiswein machten die Römer. Sie ließen Weinfässer einfrieren. Das zu Eis gewordene Wasser blieb im Fass, das Konzentrat konnte abgefüllt und getrunken werden. Heute geht es um Qualität, nicht um Menge. Der Einsatz für die Winzer ist hoch - die Trauben, die länger am Rebstock hängen bleiben, sind nach der Reife Witterung und Edelfäule ausgesetzt. Doch Eisweintrauben müssen bei der Lese intakt sein - was den Unterschied zu Beeren- und Trockenbeerenauslesen ausmacht. Bis Januar oder gar Februar wird Eiswein gelesen - gesetzlich in Deutschland vorgeschrieben ab minus sieben Grad Celsius, ideal sind minus zehn bis zwölf Grad. Im eisigen Zustand werden die Trauben gekeltert. Das Wasser in den Beeren bleibt auf der Kelter zurück, nur der süße Saft der Trauben, dessen Gefrierpunkt tiefer liegt als der des Wassers, wird als Most gewonnen. 120 Grad Oechsle sind gesetzlich für einen Eiswein vorgeschrieben, meist bringen die Köstlichkeiten weit mehr Mostgewicht - und damit natürliche Süße. 250 Grad Oechsle sind bereits gemessen worden. Am Ende liegt die Erntemenge zwischen drei und fünf Hektoliter pro Hektar, normal sind das Achtfache. Sind da deutsche Eisweine aus dem Discounter überhaupt möglich? Ja, denn in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist die Maschinenlese zugelassen. Nur in Hessen ist die Handlese vorgeschrieben. In Neuseeland darf Eiswein künstlich hergestellt werden durch Einfrieren der Beeren im Kühlhaus. In Deutschland ist das Verfahren des Frostings verboten. sas