"Wir brauchen eine Willkommenskultur"

"Wir brauchen eine Willkommenskultur"

Im Handwerk fehlen in der Großregion 20 000 Fachkräfte. Vor allem im Pflegebereich und in der Metallindustrie sind Azubis Mangelware. Die Verantwortlichen wollen die Arbeitsmärkte besser vernetzen und die Mobilität zwischen den Regionen steigern.

Konz. In Trier, Luxemburg, Saarbrücken, Metz oder Arlon: Immer weniger Jugendliche wollen einen Ausbildungsberuf machen. Vor allem in der Pflege, im Metall- und Elektrobereich bleiben Ausbildungsplätze unbesetzt. Auf der anderen Seite finden Jugendliche keinen Job. Eigentlich würden die Zahlen perfekt zusammenpassen, "Theoretisch sollte es keinen jungen Arbeitslosen geben", sagt Günther Schartz, Vizepräsident des Instituts der Großregion (IGR) und Landrat des Kreises Trier-Saarburg. Das IGR hat eine Fachkonferenz veranstaltet, um die Arbeitsmarkt- und Fachkräftesituation in den verschiedenen Gebieten zu beleuchten und mögliche gemeinsame Lösungen zu finden. Ergebnis: Was die Wirtschaft in der Großregion braucht, ist präzises und effizientes Handeln, um Probleme zu lösen, die eigentlich gar nicht neu sind.

Alle wollen in die Uni:
Schulabsolventen sind mit einem Handwerksberuf nicht zufrieden. "Wir müssen die Attraktivität des Handwerks steigern", sagt Wolfram Leibe, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Trier. Denn hier fehlen nach Einschätzung des Interregionalen Rates der Handwerkskammer 20 000 Fachkräfte in fast allen Bereichen in der Großregion. "Bis jetzt sind wir sehr dezent gewesen", sagt Leibe. Nun sei eine Offensive angesagt. "Wir müssen sehr klar sagen, dass man mit solchen Berufen sehr gut verdienen kann." Es herrsche noch das Vorurteil, dass die Handwerker diejenigen sind, die es mit der Bildung nicht so haben. "Wir sollten eigentlich so denken: Braucht die Welt noch mehr Politologen?", fragt Leibe provokativ.

Sprachbarrieren:
Die Sprache des Nachbarn zu beherrschen, ist eine Voraussetzung, um grenzüberschreitend zu arbeiten. Diese Sprachkenntnisse sind aber oft mangelhaft oder gar nicht vorhanden. In Lothringen oder in der Wallonie sprechen die Jugendlichen ganz selten Deutsch. Das Problem ist nicht neu. Heino Klingen, Geschäftsführer Standortpolitik der Industrie- und Handwerkskammer (IHK) Saarland, hat einen ganz konkreten Vorschlag: "Die Ausbildung könnte bilingual sein: Theorie in der Muttersprache zu Hause und Praxis über die Grenzen hinaus". Zudem wären kleine, aber ganz praktische Ansätze sehr hilfreich, wie zum Beispiel Schüler- und Praktikantenaustausche zu fördern.

Bürokratische Hürden:
Zwischen den Staaten gibt es Unterschiede, die das Arbeiten im Nachbarland erschweren. "In Deutschland ist ein Lehrling rechtlich gesehen schon ein Arbeitnehmer, in Frankreich noch ein Schüler", sagt Andrè-Marie Goffin, Regional-Direktor des wallonischen öffentlichen Dienstes Ausbildung und Beruf Le Forem. Die Qualifikationen sind auch nicht immer vergleichbar. "Wir müssen die Systeme an den Menschen anpassen, nicht umgekehrt", sagt dazu Leibe.

Ungleiche Strömungen:
In der Großregion ist Luxemburg ein "Nehmerland", was Azubis und Arbeiternehmer betrifft. Eine Art Einbahnstraße, die erweitert werden soll. In Luxemburg verdienen Lehrlinge viel mehr als in den anderen Staaten. Doch liegt dort die Arbeitslosigkeit unter den 30-Jährigen bei 20,2 Prozent.
"Die Berufswünsche passen nicht zum Angebot und die Qualifikationen reichen oft nicht für einen Ausbildungsplatz", erklärt Antonie De Carolis vom luxemburgischen Bildungsministerium. "Um junge Luxemburger zu uns zu locken, brauchen wir eine Willkommenskultur", sagt Leibe. "Warum fahren Jugendliche aus Wormeldange nach Luxemburg-City und nicht zu uns? Es ist doch näher", fragt sich Schartz.
Für ihn und die anderen Fachleute existieren noch Hürden in der Mentalität, die aufgehoben werden müssen. "Dabei sind Kooperation, interregionale Solidarität und Verknüpfungen zwischen den Regionen wichtig", sagt Schartz.Extra

Der Kooperationsraum erstreckt sich zwischen Rhein, Mosel, Saar und Maas über eine Gesamtfläche von mehr als 65 000 Quadratkilometer. Saarland, Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz, die wallonische Region, die französischen und deutschen Gemeinschaften Belgiens sind bei der Großregion dabei. Rund elf Millionen Menschen leben hier. Man geht von 196 175 Grenzgängern aus. Dabei kommt gut über die Hälfte (55,1 Prozent) aus Lothringen, und fast drei Viertel (73,4 Prozent) arbeiten in Luxemburg. bc Quelle: www.granregion.net

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