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"Wir verkaufen Gefühle"

"Wir verkaufen Gefühle"

Tee oder Kaffee? Fotos von der Familie oder Kunstdrucke? Schnitt- oder Topfblumen? In dieser Serie besucht der Trierische Volksfreund Chefs von Unternehmen der Region Trier in ihrem Büro. Heute ist der TV zu Gast in Bernkastel-Kues bei Hermann Lewen, Gründer, Intendant und Chef des Mosel Musikfestivals.

M ein Arbeitstag beginnt mit der Zeitungslektüre. Ich überfliege die Feuilletons von zehn überregionalen Zeitungen auf der Suche nach Musikkritiken. Mit diesen verschaffe ich mir einen Überblick darüber, was auf deutschen Bühnen und in Konzerthäusern geschieht. Außerdem lese ich die Trierer und die Mosel-Ausgabe des Trierischen Volksfreunds. Dabei trinke ich meinen ersten Espresso, zubereitet mit einer kleinen Maschine, die mich und die Künstler des Festivals immer begleitet: In einem kleinen Köfferchen geht sie auf Tournee in die Garderoben.
Während der weiteren Büroarbeit höre ich mir CDs an: Jeden Tag erhalte ich zwischen zwei und vier per Post. Die lege ich direkt ein. Unsere Jobkunst ist es dann, die Spreu vom Weizen zu trennen. Ein gutes Soundsystem ist dafür sehr wichtig. Meine Lautsprecher werden in einer kleinen brandenburgischen Manufaktur gefertigt und vermitteln eine wunderbare Konzertatmosphäre.
Nach dem Hören wird aussortiert: Was nicht in Frage kommt, landet in einem kleinem Korb. Diese CDs werden aber nicht weggeschmissen. Manchmal kommen Freunde des Festivals vorbei und fragen, ob sie mal ins Körbchen gucken können ...
Eigentlich bin ich ja ein Freund der Langspielplatte, einige Sammlerstücke aus dem Beginn meiner Berufsära habe ich hier, darunter Aufnahmen des österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan oder die Bach-Arrangements der Gruppe Ekseption.
Am runden Glastisch in meinem Büro sitze ich mit meinen Mitarbeitern, wenn wir uns eine Aufnahme anhören. Bei uns gibt es keine extremen Hierarchien. Wir sind ein Team, eine Betriebsfamilie. Es gibt kaum eine Entscheidung, die ich allein treffe. Meine Mitarbeiter haben sich von meiner Leidenschaft für Musik anstecken lassen. Der Spaßfaktor ist wichtig, aber auch Sensibilität. Denn: Wir handeln mit Emotionen, wir verkaufen Gefühle.
Für unsere musikalische Denkfabrik ist die Lage des Kurgastzentrums, in dem sich unsere Büros befinden, optimal: Hier oben auf dem Kueser Plateau herrscht eine wunderbare Ruhe. Ein kreativer Spaziergang kann sehr inspirierend sein. Ebenso wie ein Blick auf das deckenhohe Kampagnenfoto des Festivals an meiner Bürowand: Unser Steinway & Sons Flügel auf einem in die Mosel ragenden Steg in Kröv.
Wie viel Zeit ich im Büro oder bei der Arbeit verbringe, wird mir oft erst bewusst, wenn ich die Überstundenzettel meiner Mitarbeiter sehe. Gerade zur Festivalzeit bleibt das nicht aus: Wir organisieren in der normalen Arbeitszeit Produkte für die Freizeitindustrie, die abgefeiert werden, wenn andere Feierabend haben.
Ich zähle seit 30 Jahren keine Überstunden: Ich bin dafür verantwortlich, dass der Laden erfolgreich läuft. Da schaue ich nicht auf die Uhr. Seit einiger Zeit nehme ich mir allerdings den Montagvormittag frei. Und empfinde das als ziemlichen Luxus." Aufgezeichnet von Ariane Arndt-JakobsExtra

Hermann Lewen, geboren 1952, wuchs auf dem elterlichen Bauernhof in Altrich bei Wittlich auf. Nach der Mittleren Reife besuchte er die Gemeindeverwaltungsschule in Trier, absolvierte die Prüfung für den Gehobenen Dienst und wurde Kulturreferent der Stadt Wittlich. 1985 organisierte er zum ersten Mal das Mosel Musikfestival (damals unter dem Namen Mosel Festwochen). Seit 1991 findet das Festival als Teil des Kultursommers Rheinland-Pfalz jährlich statt. Zudem leitet der 61-Jährige die Kur- und Kultur GmbH des Kurgastzentrums auf dem Kueser Plateau, ist Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Trier und unterrichtet als Gastdozent an der Europäischen Medien- und Eventakademie Baden-Baden. Viele Jahre war er Chef eines kommunalen Kinos sowie Mitglied im Stadt- und Kreistag. Fur seine Verdienste erhielt Hermann Lewen 2008 die Peter-Cornelius-Plakette sowie 2010 das Bundesverdienstkreuz am Bande. arn www.moselmusikfestival.deExtra

Zum Abschluss des 28. Mosel Musikfestivals erklingen am Donnerstag, 3. Oktober, ab 17 Uhr in der Trierer Konstantin-Basilika zwei Werke von Franz Schubert: die h-Moll-Sinfonie, besser bekannt als "die Unvollendete", sowie die As-Dur-Messe. Karten gibt es im TV-Service-Center und an der Abendkasse. arn