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Wirtschaft sorgt sich um die regionale Konjunktur

Wirtschaft : Fachkräfte, Corona, Online-Handel: Was die Wirtschaft bedrückt

Die Region Trier hat schöne Wanderwege, bietet leckeren Wein und römische Geschichte. Was ihr verloren gegangen ist – sorry, liebe Fans – ist hochklassiger Fußball. Darüber sinniert auch Jan Glockauer, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier kurz, als er in Mainz auf das neue Fachkräftezuwanderungsgesetz zu sprechen kommt, das ab dem 1. März gilt.

„Wir müssen aufpassen, dass internationale Fachkräfte nicht nur dort hingehen, wo der Fußballverein bekannt ist – wie nach München“, warnt Glockauer davor, dass vom Gesetz vor allem die großen Metropolen und nicht Trier, Eifel, Hunsrück profitieren. „Das ist eine Aufgabe für Wirtschaft und Politik. Wir müssen in einem gemeinsamen Schulterschluss eine echte Willkommenskultur schaffen“, betont Glockauer.

Am Freitag sprachen die Industrie- und Handelskammern in Rheinland-Pfalz darüber, was sie bewegt, wo der Schuh drückt. Die Region Trier plage vor allem der Fachkräftemangel. Glockauer hofft, dass mit dem neuen Gesetz internationale Kräfte für Hotels, Speditionen und IT-Wesen gewonnen werden. Das Gesetz könnte mehr und schneller internationale Arbeiter nach Deutschland locken, um Unternehmen zu entlasten, so die Hoffnung.

Könnte. Denn Arne Rössel, Sprecher der IHK-Arbeitsgemeinschaft im Jahr, moniert komplizierte Regeln. Ein Beispiel des Integrationsministeriums, wie das Anwerben einer Fachkraft verläuft, verdeutlicht die zähen Prozesse: Wenn ein KFZ-Meister aus Rheinland-Pfalz einen Mechatroniker aus der Ukraine einstellen will, schließt er mit diesem einen Arbeitsvertrag, erteilt ihm eine Vollmacht für ein beschleunigtes Einreiseverfahren und legt der Ausländerbehörde alle Unterlagen vor, ehe Stellen wie die Wirtschaftskammern die berufliche Eignung prüfen, mögliche Nachqualifizierungen festlegen. Im besten Fall wird dem Mann am Ende einer langen Kette das Visum erteilt.

Rössel fürchtet, all das zusammen könne länger als ein halbes Jahr dauern, weil es in vielen internatioalen Botschaften an Personal fehle. Dass künftig pro Jahr mehr als 2000 und damit doppelt so viele Fachkräfte nach Rheinland-Pfalz einwandern – wie Integrationsministerin Anne Spiegel (Grüne) vorsichtig schätzt – wagt Rössel zu bezweifeln.

Auch die Ministerin ist skeptisch, weil ihr das Gesetz nicht weit genug reicht. Sie fordert vom Bund, weltweit bessere Kampagnen zu starten, um ausländische Fachkräfte tatsächlich auf den deutschen Arbeitsmarkt hinzuweisen und sie dafür zu begeistern. „Das Gesetz wird den Fachkräftemangel nicht beheben“, sagt Spiegel.

Unter welchen Nöten viele Betriebe leiden, zeigen auch sinkende Ausbildungszahlen, die der jüngste Konjunkturbericht offenbart. 2009 wurden fast 650 junge Menschen im Land zum Koch ausgebildet. 2019 waren es nur noch knapp mehr als 350. Die Azubi-Zahlen im Hotelfachbereich sanken im gleichen Zeitraum von etwa 470 auf 370, im Gastgewerbe von rund 230 auf nicht mal 100, bei Restaurantfachkräften ging es von fast 230 auf 100 runter. In der Pflege fehlen ohnehin Tausende Kräfte.

Doch nicht nur der Fachkräftemangel bereitet der Wirtschaft im Land Gedanken. Bei der jüngsten Konjunkturumfrage der Kammern unter rund 1000 Firmen sorgten sich Unternehmer besonders um die amerikanische Abkehr vom Freihandel, den US-Handelskonflikt mit China, den Brexit, politische Unruhen in der Türkei und den Absturz des einst boomenden Brasiliens.

Dennoch gingen die Geschäftserwartungen der befragten Unternehmer landesweit leicht nach oben. Mit einer Ausnahme: In der Region Trier hat sich die konjunkturelle Stimmung eher verschlechtert. „Wir werden das beobachten“, sagt Glockauer, der darin auch Pessismus regionaler Dienstleister deutet, die Industriebetrieben zuarbeiten. Denn bei denen gehen Auftragsbestände und Kapazitätsauslastung landesweit weiter in den Keller, zeigt der Kammer-Bericht.

Doch auch die kleinen Händler klagen. Den Einzelhandel belaste dagegen die Online-Konkurrenz, monierte der Trierer IHK-Präsident Peter Adrian. Bei verkaufsoffenen Sonntagen brauche es Rechtssicherheit und nicht die Gefahr, dass Verwaltungsgerichte diese kurz vorher kippten. Er sprach auch den Gedanken aus, das Ladenöffnungszeit mittelfristig zu überarbeiten oder „gar abzuschaffen“.

Auch das Coronavirus drohe die Wirtschaft zu schwächen, warnte Arne Rössel. Lieferketten in China seien in Mitleidenschaft gezogen worden, was auch in Rheinland-Pfalz bis mindestens Mitte März zu spüren sei, prophezeite Rössel. Das Land warnten die IHK vor Doppelstrukturen wie eigenen Auslandsvertretungen in China – die Wirtschaft verwies auf bereits bestehende Außenhandelskammern.