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Wo bekommt Frasers in Bitburg Arbeitskräfte her?

Arbeitsmarkt : Wo bekommt Frasers in Bitburg Arbeitskräfte her?

Die Wirtschaft boomt, die Auftragsbücher sind voll – doch was fehlt, sind Mitarbeiter: Schon jetzt sind in der Region rund 6400 Stellen offen. Der Wettbewerb ums Personal wird immer schärfer.

Rund 6400 offene Stellen in der Region – 43 Prozent mehr als zum Vorjahreszeitpunkt: Wer soll all diese Stellen besetzen? Und: Woher sollen zusätzlich die mindestens 800 und maximal 2500 Beschäftigten kommen, die der auf dem Bitburger Flughafen ansiedlungswillige britische Sportversandhändler Frasers Group zusätzlich anstellen will? Heribert Wilhelmi, Chef der Agentur für Arbeit in Trier weiß: „Natürlich ist es in einer solchen Region mit einem ohnehin schon sehr hohen Fachkräftebedarf eine Mammutaufgabe, so viele Mitarbeitende zu rekrutieren.“

Deshalb will der Behördenchef auch ganz schnell die Fühler ausstrecken und mit dem Bitburg-Prümer Landrat Andreas Kruppert zusammen Kontakt zu dem Unternehmen aufbauen.

Denn im Eifelkreis herrscht seit Jahren nicht nur Vollbeschäftigung, mit einer aktuellen Arbeitslosigkeit von 2,2 Prozent liegt er in Deutschland seit langem mit an der Spitze. „Ich will keine Zeit verlieren, um herauszufinden, welchen Bedarf die Frasers Group an Personal hat“, sagt Wilhelmi. Denn gemeinsam mit den Kammern kann er Qualifizierungsprogramme anstoßen, um etwa Gabelstaplerfahrer, Lageristen oder Logistiker qualifizieren zu können. „Wir haben einen Markt, und je eher ich weiß, welches Gehaltsgefüge herrscht und in welchen Schichten gearbeitet wird oder auch wie viel Personal aus England in die neue Bitburger Europazentrale kommt, desto eher kann ich sehen, was unsere Region hergibt“, sagt er.

Parallelen zu Amazon und Globus?

Denn schon mit der Ansiedlung des Versandhändlers Amazon in Trierweiler und avisierten 120 Beschäftigten im vergangenen Jahr hat die Diskussion um passende Mitarbeitende an Fahrt aufgenommen. „Wir wissen inzwischen, dass etwa mit der Ansiedlung von Amazon in Koblenz und 1500 Mitarbeitern die Zahl der betreuten Arbeitslosen in den Jobcentern nach unten gegangen sind“, sagt Heribert Wilhelmi. Heißt: In diesem Fall wurden viele Helferstellen und Jobs ohne Fachkraftniveau geschaffen.

 Arbeitslosengrafik April22
Arbeitslosengrafik April22 Foto: TV/Typoserve

Allerdings: Bislang gibt es zur Agentur keine Kontaktaufnahme von Seiten der Frasers Group. „Das wäre bei einem deutschen Unternehmen sicher etwas anders verlaufen“, sagt der Agenturchef nachdenklich und nennt das Beispiel Globusansiedlung in Trier: „Die waren schon deutlich vor der derzeitigen Vertragslage in Bitburg bei uns. Wir haben persönlich darüber geredet, wie die Ausbildungs- und Arbeitnehmerlage in Trier und der Region aussieht.“

Arbeitsagentur, aber auch viele Wirtschaftsexperten, stochern derzeit noch im Nebel, wie die konkrete Ansiedlung und Geschäftstätigkeit der Frasers Group aussehen könnte. „Ich sehe jedenfalls eine Firmenansiedlung dieser Größenordnung in unserer Region als großen Gewinn für den Wirtschaftsstandort und die Attraktivität der Region, habe aber auch Sorgenfalten auf der Stirn“, gesteht der Agenturchef.

Und Matthias Schmitt, Geschäftsführer des Bereichs Standortpolitik und Unternehmensförderung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier und selbst aus Rittersdorf im Eifelkreis stammend, ergänzt: „Aus unserer Sicht ist die Ansiedlung ein positives Zeichen und zeigt, wie attraktiv die Region als Investitionsstandort ist.“ Er geht fest davon aus, dass „sich der Investor Gedanken darüber gemacht hat, wie er seine Beschäftigten rekrutieren kann“.

Allerdings sieht auch Schmitt im „intensiveren Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt eine echte Herausforderung“. Schon jetzt könnten etwa Logistiker ihren Bedarf an Berufskraftfahrern nicht decken. „Der Fachkräftemangel ist DAS Thema in den Betrieben. Da braucht man auch nichts schön zu reden!“ Zudem werde sich das Problem noch zuspitzen, wenn die Baby-Boomer-Jahrgänge bald in Rente gingen.


Letzte Reserven und neue Chancen
: Schaut man sich die Zahlen für den Eifelkreis Bitburg-Prüm an, dann wird schnell klar, dass allein der Personalbedarf für den neuen Handelsriesen Frasers Group nicht von den  derzeit 1195 Arbeitslosen gedeckt werden kann. Denn davon passen mit insgesamt rund 480 im Bereich Verkehr, Logistik, inklusive  Schutz und Sicherheit mit 375 und im Bereich der Unternehmensorganisation mit Buchhaltung und Verwaltung rund 102 zu wenig Kandidaten in das Branchenbild. „Wir gehen davon aus, dass wir an allen Stellschrauben drehen müssen“, sagt IHK-Chefvolkswirt Schmitt. So könnten ausländische Berufskraftfahrer gewonnen, Zuzug attraktiv gemacht und die stille Reserve aus Teilzeitarbeit motiviert werden. Schmitt und Wilhelmi sehen auch gleichermaßen eine Chance darin, womöglich Luxemburg-Pendler wieder nach Deutschland zurückzuholen – je nach finanzieller Attraktivität des deutschen Jobs. Denn mit der Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland auf zwölf Euro in der Stunde verliert eine Helferstelle mit unqualifiziertem Mindestlohn von 13,05 pro Stunde in Luxemburg, erhöhten Benzinpreisen und längeren Fahrzeiten immer mehr an Attraktivität. Wilhelmi: „Wir haben die Chance, über die Work-Life-Balance Arbeitskräfte zurückzugewinnen.“