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Zentralverband des Deutschen Handwerks: So sieht die Situation im regionalen Handwerk aus, erklärt Generalsekretär Schwannecke

Interview mit Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks : Ist eine handwerkliche Ausbildung wenig attraktiv? „Das ist ein fataler Irrtum“

Holger Schwannecke ist seit zwölf Jahren Deutschlands oberster Handwerksfunktionär: Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) fordert im Interview mehr Wertschätzung für die berufliche Bildung.

Mit dem Trierischen Volksfreund hat Schwannecke (Jahrgang 1961) anlässlich seines Besuchs zur Einweihung des neuen Bildungscampus des Handwerks in der Handwerkskammer (HWK) Trier über die aktuelle Lage im Handwerk gesprochen.

Das Handwerk hat nicht nur goldenen Boden, sondern scheint derzeit noch nicht konjunkturell beeinträchtigt zu sein. Worauf führen Sie das zurück?

HOLGER SCHWANNECKE: Es ist wohl wahr, dass das Handwerk weiter stark gefragt ist, doch die konjunkturellen Beeinträchtigungen, die sich allgemein bemerkbar machen etwa durch die Preisexplosion vor allem bei Energie und durch nicht lieferbare Rohstoffe und Materialien, die gehen natürlich auch am Handwerk nicht spurenlos vorbei. Die Folgen der Corona-Pandemie, Material- und Lieferengpässe, drastische Preissteigerungen, Inflation, fehlende Fachkräfte und seit Ende Februar die Auswirkungen des brutalen russischen Angriffs auf die Ukraine setzen unseren Betrieben – mittlerweile auch denen im Baubereich – zu.

Woher wollen Sie all die Fachkräfte nehmen, auf die das Handwerk auch angesichts der Rentenreife der Babyboomerjahre angewiesen ist?

SCHWANNECKE: Klar ist schon jetzt, dass das aktuelle Fachkräftereservoir in Deutschland in Zukunft nicht ausreichen wird, um die Bedarfe aller Branchen zu decken. Aus Sicht des Handwerks braucht es ganz klar noch wesentlich stärkere Anstrengungen, um die Attraktivität der beruflichen Bildung zu steigern und sie gleichwertig zur akademischen Bildung zu unterstützen und zu fördern. Es braucht ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, damit handwerkliche Berufe endlich die Anerkennung erfahren, die sie verdienen.

 Angesichts von 30 neuen Werkstätten mit 412 Werkstatt- und 182 Unterrichtsplätzen möchte Rudi Müller, Präsident der Handwerkskammer Trier, „selbst noch mal gern Lehrling sein – wenn ich dafür nicht noch mal 50 Jahre arbeiten müsste“. Der neue Bildungscampus soll zum „Magneten“ werden.
Angesichts von 30 neuen Werkstätten mit 412 Werkstatt- und 182 Unterrichtsplätzen möchte Rudi Müller, Präsident der Handwerkskammer Trier, „selbst noch mal gern Lehrling sein – wenn ich dafür nicht noch mal 50 Jahre arbeiten müsste“. Der neue Bildungscampus soll zum „Magneten“ werden. Foto: Andreas Sommer

Sie kämpfen um jeden Azubi angesichts von Akademisierung und Digitalisierung: Warum ist es so schwierig, das Handwerk als krisensicher zu verkaufen?

SCHWANNECKE: Die Gründe für den Nachwuchsmangel im Handwerk liegen zum einen in der demografischen Entwicklung und zum anderen im weiter anhaltenden Trend zu Abitur und Studium. Das Bildungsmantra der vergangenen Jahrzehnte, wonach vor allem ein akademischer Abschluss beruflichen Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung bringen werden, hat für viele Jugendliche und vor allem auch deren Eltern eine Ausbildung wenig attraktiv erscheinen lassen. Dass dies ein fataler Irrtum ist, muss in den Köpfen erst einmal ankommen. Dafür brauchen wir ein gesellschaftliches Umdenken hin zu mehr Wertschätzung für das Handwerk. Und wir brauchen eine neue Bildungspolitik, die den akuten Ausbildungsmarkt- und Arbeitsmarktherausforderungen gerecht wird.

Was sind inhaltlich die größten Herausforderungen fürs Handwerk?

SCHWANNECKE: Seit dem 24. Februar hat die Energiepolitik – besonders die Bereiche Energieeffizienz und Erneuerbare Energien – eine noch stärkere Bedeutung gewonnen. Denn seither ist klar: Die Zukunftsaufgaben, die wir vor der Brust haben, müssen wir nicht allein aus ökologischen Gründen unbedingt bewältigen, sondern auch aus gesellschafts-, geo- und wirtschaftspolitischen Gründen. Das bietet Chancen für das Handwerk, stellt aber gleichzeitig auch eine enorme Herausforderung dar. Die größten Risiken für unsere Betriebe sind die weiter wachsenden Lieferengpässe und die deutlichen Preissteigerungen – gerade im Energiebereich.

Lieferengpässe und hohe Preise/Inflation könnten dazu führen, dass einige Auftraggeber ihre Bauaufträge und Vorhaben in die Zukunft verschieben. Inwiefern könnten wir nach dem Handwerksboom einen Einbruch erleben?

SCHWANNECKE: Die zunehmenden Schwierigkeiten gerade im Baubereich sind deswegen beunruhigend, weil sich der Bau bislang über die Pandemie hinweg stets als stabilisierender Konjunktur-Anker erwiesen hat. Die Politik ist in dieser Lage aufgefordert, baustabilisierende Maßnahmen zu ergreifen und vor allem einen verlässlichen Förderrahmen zu gewährleisten.

Wie schätzen Sie die zweite Jahreshälfte und das kommende Jahr ein?

SCHWANNECKE: Allgemein – und erst recht in diesen Tagen – gleichen Konjunkturausblicke dem sprichwörtlichen Blick in die Glaskugel. Wir sind vorsichtig optimistisch, dass die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte wieder an Fahrt aufnimmt. Die Risikofaktoren bleiben aber enorm: Die hohen Preissteigerungen bei Materialien und Energie – nicht zuletzt durch den Ukraine-Krieg – beeinträchtigen die Produktion in den Betrieben und dämpfen die Nachfrage nach handwerklichen Waren und Dienstleistungen. Und was der Corona-Herbst bringt, wissen wir heute auch noch nicht.

Vor allem öffentliche Auftraggeber geben Zahlungsziele vor, müssen Ausschreibungen europaweit tätigen und sind auf pünktliche Ausfertigung angewiesen. Einige Handwerksbetriebe können angesichts schwankender (Tages-)Preise, fehlender Lieferungen und Mangel an Personal solche Ausschreibungen gar nicht mehr annehmen. Was muss hier geschehen?

SCHWANNECKE: Für den Baubereich hat der Bund – gerade auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Lieferprobleme – für öffentliche Bauvergaben eine breite Nutzung von Preisgleitklauseln vorgegeben, wie auch die Möglichkeit, dass bestehende Bauverträge gegebenenfalls an neue Preisverhältnisse angepasst werden können. In diesem so schwierigen konjunkturellen Umfeld ist es umso wichtiger, dass die Politik unseren Betrieben unterstützend unter die Arme greift: in Reaktion auf die Lieferengpässe und die damit verbundenen Preissprünge durch flexiblere Vertrags- und Preisgestaltungen bei öffentlichen Aufträgen auf wirklich allen staatlichen Ebenen; zum Energiepreisausgleich durch unbürokratische und unsere Betriebe nicht zusätzlich belastende Regelungen; und mit Blick auf die Fachkräftesicherung durch eine deutliche Fokussierung darauf, berufliche Bildung stärker wertzuschätzen und finanziell zu fördern.


DIE FRAGEN STELLTE
SABINE SCHWADORF.