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Schulen
Schulessen: Eltern prellen Zeche

In Ganztagsschulen im Kreis Bernkastel-Wittlich gibt es für Schüler ein warmes Mittagessen.
In Ganztagsschulen im Kreis Bernkastel-Wittlich gibt es für Schüler ein warmes Mittagessen. FOTO: dpa / Hauke-Christian Dittrich
Wittlich. Ein Schuldenberg aus unbezahlten Essensrechnungen der Schüler hat sich bei den Ganztagsschulen im Landkreis Bernkastel-Wittlich angesammelt. Der Kreis reagierte mit einem neuen Zahlungssystem. Von Julia Nemesheimer

Gesundes Essen für Schüler ist wichtig, doch das hat seinen Preis. Den sind allerdings nicht alle Eltern bereit zu zahlen. Im Laufe der Jahre haben sich 104 137 Euro Schulden angesammelt, auf denen der Kreis, Träger von 14 Ganztagsschulen mit Mittagessen für die Schüler, sitzen bleibt.

Altes System Wie konnte es so weit kommen? Bisher wurden die Kosten für das Essen bei den Eltern abgebucht oder per Rechnung bezahlt. Dabei war die Handhabe der Essensbestellung an den einzelnen Schulen unterschiedlich. Bei etwa einem Drittel bestelle man das Essen pauschal für alle, wobei es nicht nachvollziehbar sei, inwiefern das Essensangebot angenommen wurde, erklärt die Kreisverwaltung. An diesen Einrichtungen gehört das gemeinsame Mittagessen für alle zum pädagogischen Konzept. „Man kann keine Verpflichtung zur Teilnahme am Essen für Ganztagsschüler festlegen“, heißt es vom Kreis weiter.

 Im Schuljahr 2017/18 waren 1440 Ganztagsschüler angemeldet. Durchschnittlich wurden pro Tag 774 Essen ausgegeben. Der Kostenbeitrag liegt bei 3,23 Euro pro Mahlzeit, Sozialhilfeempfänger müssen mit bewilligten Anträgen einen Euro zahlen.

„Bei uns ging man montags immer durch die Klassen. Die Kinder, deren Eltern ein Lastschriftmandat erteilt hatten, konnten sich für das Schul­essen der Woche eintragen“, berichtet Nicole Koziol. Sie ist Sekretärin an der Realschule plus in Manderscheid und erste Anlaufstelle für Eltern, wenn mit dem Schulessen etwas nicht funktioniert. „Wenn das Konto nicht gedeckt ist, kann man auch nichts abbuchen“, erklärt Koziol, wie die Rückstände zustande gekommen sind.

„Spitzenreiter“ ist die Liesertal-Schule in Wittlich mit 32 744 Euro. Bei vielen Schulen haben sich jeweils zwischen 2000 bis 6500 Euro angesammelt. Auch höhere Beträge von rund 10 000 Euro kommen zustande, etwa bei der Rosenberg-Schule in Bernkastel-Kues oder der Clara-Viebig-Realschule plus in Wittlich.

Neues System Zeit für den Schulträger, den Kreis Bernkastel-Wittlich, durchzugreifen und etwas zu ändern. Im Oktober 2017 wurde an sieben kreiseigenen Ganztagsschulen ein Prepaid-Bezahlsystem eingeführt. Auf Antrag der Eltern und gegen zehn Euro Pfand bekommen die Kinder einen sogenannten Radio-Frequency-Identification(RFID)-Chip. Der kleine, elektronische Anhänger kann mit einem Guthaben aufgeladen werden. Im Internet und an den Terminals in der Schule kann dann das Essen noch bis 8.30 Uhr des gleichen Tages bestellt oder auch abbestellt werden. Ohne Chip oder ohne Guthaben darauf gibt es allerdings keine Mahlzeit. Die Systemumstellung wurde vollständig vom Kreis finanziert. Die Laufzeit ist auf mindestens 60 Monate angelegt und kostet mit Ankauf, Betriebskosten und Wartung 46 528 Euro und damit rund 97 Euro pro Monat und Schule.

Auswirkungen Finanziell scheint diese Maßnahme jedenfalls zu fruchten. Nach einem Jahr Laufzeit ist die Tendenz bei den Prepaid-Schulen sinkend, hier kommen keine neuen ausstehenden Posten mehr hinzu. Die Kreiskasse ist dabei, die existierenden offenen Rechnungen einzutreiben. Besonders drastisch wird klar, dass die Rückstände beim alten System weiter steigen, wenn man sich die Liesertal-Schule ansieht. Von Februar 2017 bis Oktober 2018 stiegen die offenen Rechnungen um 6514 Euro.

Ein Nebeneffekt ist, dass die Essensbestellungen abnehmen. Die Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich teilt mit, dass die Bestellungen um etwa ein Drittel zurückgegangen seien, teilweise gar um 50 Prozent pro Schule. Die Gründe dafür sieht die Verwaltung allerdings nicht ausschließlich in der Systemumstellung, wonach im Voraus gezahlt werden muss. Es wird in klaren Zahlen deutlich, wie viele Kinder tatsächlich das Mittagsangebot in Anspruch nehmen. „Damit können wir sicher sein, dass das bestellte Essen definitiv abgenommen wird. Das Problem der Überproduktion löst sich damit auch“, meint Manuel Follmann von der Kreisverwaltung. Die Gründe für diesen Rückgang sieht die Kreisverwaltung auch darin, dass die Kinder abends zu Hause essen, selbst ihre Verpflegung für den Schultag mitbringen oder einfach keine Lust auf das Essen haben.

„Bei uns sind die Zahlen der Kinder, die hier essen, etwa gleich geblieben“, berichtet Mario Cossé von der Friedrich-Spee-Realschule plus in Neumagen-Dhron. Der Rektor sieht vielmehr, dass die Anzahl der Schüler, die überhaupt das Ganztagsangebot nutzen, sinkt. „Zu Hochzeiten war ein Drittel der Schüler zur Ganztagsschule angemeldet. Heute sind es vielleicht noch 15 Prozent der 400 Schüler in unserem Haus“, erzählt Cossé.

Dass das System zu kompliziert oder unpraktisch sei, kam bei keinem Gesprächspartner zu Wort. Nach kleinen Anfangsschwierigkeiten scheinen sich die meisten Eltern und Schüler damit gut arrangiert zu haben. „Mit dem neuen System hat man mehr Eigenverantwortung, aber auch mehr Flexibilität“, berichtet Nicole Koziol. In den kommenden Jahren soll auch bei den restlichen sieben Ganztagsschulen das Prepaid-System eingeführt werden. Der nächste Kandidat ist das Gymnasium Traben-Trarbach.