| 16:01 Uhr

Geschichte
Der Tag, der Wittlich veränderte

 So marschierten die SA und SS-Soldaten durch Wittlich. Hier das Ende des Zuges in der Bahnhofsstraße (Schlossstraße) in Wittlich. Auf dem Schild steht „Der Jude ist unser Unglück, keinem Pfennig mehr diesem Blutsauger“.
So marschierten die SA und SS-Soldaten durch Wittlich. Hier das Ende des Zuges in der Bahnhofsstraße (Schlossstraße) in Wittlich. Auf dem Schild steht „Der Jude ist unser Unglück, keinem Pfennig mehr diesem Blutsauger“. FOTO: TV / Archiv/Matthias Mehs
Wittlich . Angst, beleidigende Schilder und ein wirtschaftlicher Boykott: Der 1. April 1933 verschlechterte das Leben der Juden in Wittlich dramatisch. Der Arbeitskreis jüdische Gemeinde hat nun auf seiner neuen Homepage zahlreiche Erinnerungen veröffentlicht. Von Christian Thome

Trude rennt. Wie von Angst getrieben versucht die 12-Jährige, nach Hause zu kommen. Die Ursulinen, die eine Privatschule für Mädchen in der Kurfürstenstraße betreiben, haben sie heute früher nach Hause geschickt. Dort, wo Burg- und Neustraße in Wittlich zusammentreffen steht sie still. Sie lauscht. Trommeln. Die Männer der  Sturmabteilung (SA) kommen näher. Sie marschieren in Richtung Marktplatz, in ihren Händen Plakate. Die 12-Jährige Trude Wolff und die Männer haben das gleiche Ziel, denn das Mädchen wohnt am Marktplatz, wo ihre Eltern ein Geschäft unterhalten. Ihr Herz pocht, sie läuft weiter die Neustraße hinunter, in der Hoffnung, dass sie vor den Marschierenden zu Hause sein würde.

Vergeblich. Die Männer sind schon da. Sie halten ihre Schilder über die Eingänge der jüdischen Geschäfte. „Hier wohnt ein Jude, meide seine Bude!“, „Die Juden sind an unserm Unglück schuld“ und „Blutsauger“ steht auf den Plakaten. Über dem Schuhgeschäft der Wolffs steht „Meidet jüdische Geschäfte“.

Eine Erzählung, die klingt, wie aus den damaligen Hochburgen Berlin oder München. Doch sie spielte sich direkt vor der Haustür ab. Oft scheint die Vergangenheit des Nationalsozialismus so weit entfernt. Doch das ist sie nicht. Trude Wittner-Wolffs Erzählungen hat der Arbeitskreis jüdische Gemeinde Wittlich nun in einem Internetauftritt veröffentlicht. Mit vielen anderen Geschichten. Gegen das Vergessen. Da sind Schilderungen über das Novemberpogrom 1938, die jüdische Schule und ein Gedenkbuch,  in der die jüdischen Wittlicher Bürger ihren Platz finden.

Und eben Geschichten über jenen Tag, an dem die kleine Trude voller Angst durch Wittlich läuft. Der 1. April 1933 war ein Tag, der in Erinnerung bleibt. Damals rief SA zum Boykott aller jüdischen Geschäfte auf. Dieser Tag prägte das Leben der jüdischen Bürger in Wittlich entscheidend. 268 Juden lebten und arbeiten lebten zu dieser Zeit in der Stadt. Zwar hatte es schon in den Monaten zuvor immer wieder Kundgebungen und Veranstaltungen mit Nazibeflaggung auf dem Marktplatz gegeben, doch nach dem 1. April 1933 verschlechterte sich das Leben der jüdischen Bürger zunehmend.

„Furcht kam über uns“, schreibt Trude Wittner-Wolff in ihren Erinnerungen. Sie berichtet von ihrem Wunsch danach, dass jemand ihr die Angst nehmen könnte. „Ist nicht einer da in der Menge, der sagt: Hab keine Angst, ich beschütze Dich! Ihr habt doch nichts Böses getan!“ Doch keiner sei da gewesen. Zuerst muss die kleine Trude durch die schaulustige Menge auf dem Marktplatz, dann nach Hause. „Ob sie wohl Vater verhaftet haben“, fragte sie sich. Sie habe bereits gehört gehabt, dass Männer von ihren Familien genommen worden seien.

 Rechts im Bild sieht man das Schuhhaus Wolff auf dem Wittlicher Marktplatz.
Rechts im Bild sieht man das Schuhhaus Wolff auf dem Wittlicher Marktplatz. FOTO: Archiv

In Angst nähert sie sich dem Haus. „Werden die Riesen in brauner und schwarzer Uniform mich schlagen?“, fragt sie sich. Unter dem Schild, zwischen den Männern, geht sie durch. Die Geschäftstüre öffnet sich. Trude geht hinein, die Türe schließt sich wieder. Vater und Mutter sind da. Die Familie weint und geht in die Wohnung oberhalb des Geschäftes, wo jemand Trudes fünf Jahre alten Bruder Werner betreut. Trude Wittner-Wolffs Erinnerungen an den Tag des Boykotts enden mit den Worten: „Das war nur der Anfang einer schlimmen Zeit.“

Doch nicht nur die Sichtweise der Juden ist beeindruckend. Auch Matthias Joseph Mehs hat diesen grausamen Tag erlebt. Er, der zu dieser Zeit Vorsitzender der Zentrumsfraktion im Wittlicher Stadtrat war, führte regelmäßig Tagebuch und dokumentierte seine Erlebnisse fotografisch. Auch seine Erinnerungen finden sich auf der Homepage des Arbeitskreises jüdische Gemeinde Wittlich. „Über die Juden ist heute morgen, Punkt 10 Uhr, der wirtschaftliche Boykott verhängt worden“, schreibt er.

Er bezeichnet dieses Handeln als das „menschenunwürdigste, dass ich je erlebt habe“. Um 10 Uhr seien SA-Männer vom Hotel Zahnen mit zehn oder zwölf großen Schildern in einem größeren Abstand voneinander in die Stadt marschiert. „Auf den Schildern standen Schriften wie etwa: ,,Rechtsanwalt Dr. Archenhold ist ein Jude. Meide ihn“, oder „Hier wohnt ein Jude, meide seine Bude!“  „Die Juden sind an unserm Unglück schuld“,,,Blutsauger“ und ähnliches.“ Nachdem die Männer diese Schilder durch die Stadt getragen hatten, stellten sie sie vor den Geschäften der Juden auf. Auch vor dem von Trudes Eltern.

Zwei SA-Männer blieben jeweils vor den Geschäften stehen, um die Leute vor dem Betreten jener abzuhalten. Nach Mehs Erzählungen sei Emil Frank der „anständigste Jude, den man sich vorstellen kann“, gewesen. Ausgerechnet vor dem Haus des Synagogenvorstehers sei ein Schild aufgestellt worden, auf dem das Wort „Blutsauger“ stand. Vor dem Haus Ermann-Tobias in der Himmeroderstraße, einem harmlosen Geschäftchen, hätte man zum Hohn einen kleinen Jungen, der noch nicht zur Schule ging, in SA-Uniform zum Aufpassen aufgestellt.

Der Boykott sollte nur einen Tag dauern. Mehs Erinnerungen vom 2. April besagen, dass auch an diesem Tag die Geschäfte durch SA-Männer bewacht wurden. Zwar ohne Plakate und Banner, aber dennoch bewacht. Warum Mehs Tagebuch schrieb? Um festzuhalten, was er bei diesem Anblick empfand. Und seine Meinung ist eindeutig: „Es ist ekelerregend. Es ist unmenschlich. Es ist unchristlich. Es ist ein Schandfleck an der deutschen Kultur.“ Matthias Mehs starb im Jahre 1976.  Er war es, der 1950 als Bürgermeister die Säubrennerkirmes ins Leben rief. Außerdem vertrat er den Wahlkreis Bitburg als Abgeordneter im ersten deutschen Bundestag. Durch eine Hinhaltetaktik verhinderte er, dass Adolf Hitler zum Ehrenbürger der Stadt Wittlich ernannt wurde. Er blieb seiner Stadt auch nach den schlimmen Zeiten treu.

Die kleine Trude konnte das nicht. Sie, ihre Eltern und ihr Bruder waren 1937 gezwungen, nach Palästina zu fliehen. Nachdem ihr Vater 1953 in Haifa starb, zogen Mutter und Kinder weiter in die USA. Dort heiratete Trude Wolff den aus Berlin stammenden Fred Wittner, dessen Eltern im Holocaust ermordet worden waren. Viele Jahre später besuchten die beiden Wittlich, bevor Trude Wittner-Wolff schließlich am 28. April 2007 im Alter von 86 Jahren in New York starb. Ihre Erinnerungen an jenen Tag, an dem sie voller Angst durch Wittlich lief, leben bis heute weiter. Und werden es hoffentlich noch lange tun.