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Die Römervilla: entdeckt, zerstört - und jetzt?

Das, was am Lieserufer aufgemauert und mit einem Schutzdach versehen wurde, ist nicht die römische Villa sondern nur ein Bruchteil der Anlage, die ab 1904 ausgegraben und später zerstört wurde. TV-Foto: Klaus Kimmling
Das, was am Lieserufer aufgemauert und mit einem Schutzdach versehen wurde, ist nicht die römische Villa sondern nur ein Bruchteil der Anlage, die ab 1904 ausgegraben und später zerstört wurde. TV-Foto: Klaus Kimmling FOTO: klaus Kimmling (m_wil )
Wittlich/Trier. Von Wittlichs Schloss ist nichts mehr da, von der römischen Villa ist auch viel verschwunden. Der Prachtbau ist durch den Autobahnbrückenbau in den 1970ern zu großen Teilen zerstört worden. Dr. Lars Blöck, Gebietsreferent für archäologische Denkmalpflege beim Landesmuseum Trier, schlägt vor, die Ausmaße der Anlage wieder kenntlich zu machen.

Wittlich/Trier. Lars Blöck ist beim Landesmuseum, Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, auch für die römische Villa bei Wittlich zuständig. Sie wurde erst vor etwas mehr als 100 Jahren in bester Erhaltung ausgegraben und später größtenteils durch die Autobahnpfeiler zerstört. Da viel von der einstigen Prachtanlage verloren ist, plädiert Blöck im TV-Interview für die Erforschung und Sichtbarmachung des Ausmaßes der Anlage als Ensemble in der Landschaft. Die Fragen stellte TV-Redakteurin Sonja Sünnen. Wann haben Sie zum ersten Mal von der Existenz der Römischen Villa bei Wittlich gehört und was hat Sie womöglich überrascht oder fasziniert an diesem Zeitzeugen?Dr. Lars Blöck: Ich kam mit der villa (siehe Extra) Wittlich erstmals während des Verfassens meiner Dissertation in Kontakt, die ich an der Uni Freiburg über die römerzeitliche Besiedlung im südlichen Oberrheingebiet geschrieben habe. Die villa stellt eine der wenigen römerzeitlichen Gutsanlagen in den gallisch-germanischen Provinzen des Römischen Reichs dar, in denen sich ein Pferdestall nachweisen lässt. Deshalb habe ich sie in meiner Arbeit als Beispiel dafür zitiert. Als ich dann vor etwas über einem Jahr bei der GDKE in Trier angefangen habe, gehörte Wittlich zu den ersten Projekten meiner neuen Stelle. Besonders fasziniert hat mich damals beim Verfassen meiner Diss. neben dem einzigartigen Befund mit dem Pferdestall und der Wagenremise die architektonische Einbindung der villa in die Landschaft, indem die römischen Architekten die Front der Anlage an der Lieser ausrichteten. Die Krönung stellte dann natürlich vor allem die fantastische Erhaltung der villa bei ihrer Ausgrabung zwischen 1904 und 1907 und 1940 dar. Negativ überraschend war für mich zu lesen, dass die villa in den 1970er Jahren für den Bau einer Autobahnbrücke teilweise zerstört wurde, obwohl sogar in der NS-Zeit der besondere Wert des Architekturensembles erkannt und trotz ursprünglich anderer Planung erhalten wurde.Was ist also das Herausragende an dieser Anlage, mit dem man heute noch punkten könnten?Blöck: Leider sind natürlich mit der Zerstörung des Südtraktes der villa durch den Autobahnbau auch zwei ihrer Alleinstellungsmerkmale - die hervorragende Erhaltung und das besondere Bauensemble des Südtraktes mit Stall - ebenfalls zugrunde gegangen. Ich würde daher vor allem die dritte Besonderheit der Anlage - die Einbeziehung der Landschaft in die Architektur der villa - herausstreichen. Schließlich eignet sich die villa Wittlich wie keine andere archäologische Hinterlassenschaft im Trierer Land, den Umgang mit Kulturdenkmalen im Laufe der Zeit und den Konflikt zwischen Denkmalpflege und Baumaßnahmen infolge von Infrastrukturmaßnahmen darzustellen.Apropos Öffentlichkeit: Die ist dank des engagierten Fördervereins hier ja gegeben: Inwieweit kooperieren Sie mit dem um die Kulturgüter engagierten Bürgern?Blöck: Die GDKE-das Rheinische Landesmuseum kooperiert auf verschiedenen Ebenen mit um Kulturgütern engagierten Bürgern: Diese sind wie in Wittlich häufig diejenigen, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich um den Erhalt und die "Bespielung" von, in kommunalem oder privaten Eigentum oder Besitz befindlichen, archäologischen Kulturdenkmalen kümmern. Als Denkmalfachbehörde sind wir für die fachliche Beratung zuständig, das heißt, wir stellen beispielsweise unser Fachwissen sowie Materialien wie Fotos, Pläne, Zeichnungen für Beschilderungen,Erklärungen zur Verfügung, stellen Kontakte zu Firmen her, die sich auf die Inwertsetzung von archäologischen Kulturdenkmalen spezialisiert haben, begleiten Inwertsetzungsmaßnahmen auf fachlicher Ebene. Besonders schätze ich die Begeisterung, mit der engagierte Bürger sich um ihr kulturelles Erbe kümmern und versuchen, die Denkmäler durch Römerfeste, Einbinden in Wanderwege mit Leben zu füllen. Da in der Regel die finanziellen Mittel knapp sind, ist immer wieder erstaunlich, mit welchem Herzblut und welchen kreativen Einfällen dies geschieht. In der Regel kennen sich die Bürger, die sich ja intensiv mit der Geschichte und den kulturellen Zeugnissen ihrer Orte beschäftigen, sehr gut mit der lokalen Topografie und den dortigen archäologischen Hinterlassenschaften aus und können mir häufig wichtige Hinweise geben. Da ich ja für ein größeres Gebiet zuständig bin, kann ich mich nicht überall gleich gut auskennen. Besonders wichtig für meine Arbeit ist, dass man durch die Bürger Ansprechpartner auf lokaler Ebene hat, die einem durch ihre Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten schnell und unkonventionell weiterhelfen können.Nun sind ja zumindest die Ausmaße des früheren Baus ausgemessen und sollen gekennzeichnet werden: Wie geht es danach weiter?Blöck: Ende Januar, Anfang Februar werden wir von der GDKE noch einmal mit Stadt und Verein einen Ortstermin ausmachen, um zu besprechen, welche Möglichkeiten es gibt, die Ausdehnung der villa im Gelände sichtbar zu machen, und um den Kontakt zu Firmen herzustellen, die solche Arbeiten übernehmen könnten. Dann sollte möglichst zeitnah die Sichtbarmachung erledigt werden, da die Ausdehnung der Anlage ja bereits abgesteckt ist. Allerdings liegt dieser Prozess nicht in unserer Hand, sondern muss vom Eigentümer - der Stadt Wittlich - angestoßen werden.Was wäre ein Wunschprojekt aus Ihrer wissenschaftlichen Sicht?Blöck: Aus wissenschaftlicher Sicht würde ich mir natürlich eine geophysikalische Prospektion des Umfelds des Hauptgebäudes wünschen. Zu der villa gehörten ja noch weitere Einrichtungen wie Nebengebäude, Zuwegungen und Gartenanlagen. Auch wenn beim Bau des Aldi-Zentrallagers wohl Teile davon zerstört wurden, müsste einiges im Boden noch erhalten sein. Eine Prospektion würde 2000 bis 3000 Euro kosten. Die Ergebnisse könnten dann in der Landschaft - durch Schautafeln, Pflanzungen oder sonstige Sichtbarmachungen - vermittelt werden, so dass die villa als Ensemble erkennbar ist. Wichtig wäre mir, dass vor Ort ein schlüssiges Konzept dafür entwickelt wird.Eifel-Mosel: Land der Römer: Was ist denn einer Ihrer Lieblingsüberbleibsel aus dieser Zeit in der Region, jetzt sagen Sie nicht der WeinBlöck: Die lateinischen und keltischen sprachlichen Hinterlassenschaften bei Ortsnamen und in der Sprache wie Viez und so weiter, das gibt einem das Gefühl, im Zentrum der Antike zu arbeiten. Ich komme aus dem Schwäbischen - das gehörte zwar auch zum Römischen Reich, da gibt's aber fast nur germanische Ortsnamen. Und natürlich der Wein. Und bitte vervollständigen Sie den Satz: Der Autobahnbau über der Römischen Villa bei Wittlich ….Blöck: … ist für mich noch immer ein unfassbarer, weil unnötiger Vorgang und hat ein einmaliges Kulturdenkmal weitgehend zerstört. sosExtra

Lars Blöck (Foto: Thomas Zühmer, Rheinisches Landesmuseum Trier) ist 1976 in Reutlingen geboren und hat in Freiburg und Rom Provinzialrömische Archäologie als Hauptfach und als Nebenfächer Alte Geschichte sowie Frühgeschichtliche Archäologie studiert. Seit Dezember 2015 ist Lars Blöck bei der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Trier als Gebietsreferent für Trier-Land und Numismatiker tätig. Davor hat er in der Archäologischen Denkmalpflege Baden-Württemberg in Freiburg und an der Universität Freiburg gearbeitet. sosExtra

Lars Blöck sagt zu der von ihm bevorzugten Schreibweise von "villa" ohne Großschreibung, damit werde der antike lateinische Terminus für eine ländliche Siedlung hervorgehoben, ohne dabei eine Wertung über Größe und architektonischer Qualität zu implizieren. Das Wort Villa in Großschreibung sei eher ein moderner Begriff für ein opulent ausgestattetes Gebäude. sos

Lars Blöck.
Lars Blöck. FOTO: Thomas Zuehmer (m_wil )