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Gedenken
Ein bewegendes Erlebnis

Beeindruckender Rundgang: Schüler erklären die Kunstwerke, die in der Innenstadt aufgestellt sind.
Beeindruckender Rundgang: Schüler erklären die Kunstwerke, die in der Innenstadt aufgestellt sind. FOTO: TV / Werner Pelm
Wittlich. Ein Gedenkprojekt von Schülern, das viele Menschen anspricht, ist in der Wittlicher Innenstadt zu sehen.

Auf Anregung und Bitte des Kulturamtes der Stadt Wittlich hat die Künstlerin und Kunsterzieherin Liane Deffert mit einer zehnten Klasse des Wittlicher Peter-Wust-Gymnasiums ein Gedenkprojekt zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in Wittlich entwickelt und künstlerisch umgesetzt, das vorab von 130 Bürgern gemeinsam besichtigt wurde.

An acht verschiedenen Orten in der Altstadt, dort, wo sich vor 1938 Geschäfte jüdischer Wittlicher befanden, wo die jüdische Schule stand, neben der Synagoge und dem ehemaligen Bahnhof wurden künstlerisch bearbeitete Alltagsgegenstände, die bei Flucht und Vertreibung eine Rolle spielten, aufgestellt. Einheitlich leuchtend blau inszeniert und auf Betonklötzen dezentral und temporär präsentiert, fallen die Arbeiten dem Besucher der Innenstadt direkt ins Auge. Wenige Worte auf einer Tafel untermalen das Objekt, das als Skulptur selbsterklärend ist. So steht unter „verlorenen“ Kinder- und Erwachsenenschuhen folgender Text: „Seit 1938 heißen wir ‚Israel‘ und ‚Sara ‘. Deutsche sind wir nicht mehr. Wir sind nur noch Juden. Ungeziefer. Unsere Familie lebte seit 200 Jahren in Wittlich“.

Die Eröffnung der Installation begann auf dem Ottensteinplatz, wo Dr. Marianne Bühler in das Projekt einführte. Sie bat die vielen Zuhörer, sich in das Jahr 1928 hineinzuversetzen. Sich vorzustellen, wie jüdische und katholische Wittlicher gemeinsam hier am damaligen Bahnhof standen, auf dem Viehmarkt Geschäfte machten und im Gasthaus Mehs zusammen ein Glas tranken. Normalität. Zehn Jahre später, 1938, drangsalierten, prügelten, demütigten und bestahlen die christlichen Wittlicher ihre jüdischen Nachbarn, Kollegen, Vereinsmitglieder, Freunde.

Wie unvorstellbar diese Geschichte anmutet, nahm Bürgermeister Joachim Rodenkirch in seinem Grußwort auf und stellte einen Bezug zum Jahr 2018 her, wo Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Religionskriege und Faschismus nicht überwunden seien, wo Autokraten in der Türkei, den USA, China, Russland, Saudi-Arabien und anderen Staaten damit beschäftigt seien, demokratische Strukturen und offene Gesellschaften abzuschaffen.

Liane Deffert erklärte die Arbeit mit ihren Schülern und ermutigte die jungen Leute, selbst das Wort zu ergreifen, was den Rundgang durch die Altstadt zu den einzelnen Objekten für die rund 130 Teilnehmer zu einem lebendigen und bewegenden Erlebnis werden ließ. Die jungen Leute verstummten dann vor der Synagoge, als Heinz Mertes berichtete, wie er als kleiner Junge am 10. November 1938 die Verwüstung der Synagoge durch die Nazis erlebte.

Noch bis zum 25. November stehen die acht Objekte in Wittlich. Informationen dazu gibt es bei den Veranstaltern, dem Arbeitskreis Jüdische Gemeinde Wittlich, dem Emil-Frank-Institut und dem Kulturamt der Stadt Wittlich.