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Justiz
Ein Fehler führt zur Haftstrafe

Wittlich. Weil er mit einer Nachbarin anbandeln wollte, bombardierte ein 55-Jähriger die Frau mit Handymitteilungen und einmal mit Pornodateien. Wegen eines Missverständnisses wurde er verurteilt.

() Der schmale Mann auf der Anklagebank des Amtsgerichts wirkt einfach strukturiert, führt ein hartes Arbeitsleben auf dem LKW, und in seiner 30-jährigen Ehe knirscht es. Am 23. Juni 2017 soll der 55-Jährige per Handy ein Pornovideo und zwei Pornofotos an eine damals 16-Jährige verschickt haben. Dafür wirft ihm nun Oberstaatsanwalt Thomas Grawemeyer die Verbreitung pornografischer Schriften an Minderjährige vor, für die das Gesetz bis zu einem Jahr Haft oder Geldstrafe androht.

Als Zeuginnen begrüßt Richterin Silke Köhler am Amtsgericht Wittlich, wo der Fall verhandelt wird, die betroffene Jugendliche und deren Mutter. Die Mutter und der Angeklagte wohnen im selben Ort in der Verbandsgemeinde Wittlich-Land und kennen sich flüchtig. Die Tochter kann den Mann auf der Anklagebank nicht identifizieren – sie kennt ihn nur als Schreiber von Handymitteilungen, bei denen er seinen Vornamen angab.

Den Vorwurf, die Mitteilungen und die Dateien geschickt zu haben, räumt der 55-Jährige sofort ein. Allerdings sei er einem Irrtum aufgesessen. Der Angeklagte: „Das Verhältnis mit meiner Frau war schlecht, da habe ich versucht, mit der Nachbarin in näheren Kontakt zu kommen und wollte mich mit ihr treffen. Ich weiß nicht, wie das gelaufen ist, dass ich an die Handyadresse der Tochter geraten bin.“ Und so ganz glaube er bis heute nicht, dass er es damals mit der Jugendlichen statt ihrer Mutter zu tun hatte. Und niemals hätte er das gemacht, wenn er gewusst hätte, dass die Sachen „an so ein junges Ding gehen“.

Wie er denn zu dieser Nummer gekommen sei? Der Bruder des Mädchens habe ihm wohl mal eine genannt und er dachte, es sei die Adresse von der Mutter. Die ständigen Angebote, sich mal zu treffen, wurden stets zurückgewiesen. Dann erklärt die Mutter (50) als Zeugin, dass sie nicht wusste, wer hinter den Mitteilungen stecke. Da habe sie ihre Tochter um Hilfe gebeten, denn vielleicht habe die das über WhatsApp herausfinden können.

Wie auch immer: Der Angeklagte muss in jenen Junitagen 2017 dann vorwiegend mit der Tochter kommuniziert haben. Die berichtet nun als Zeugin, wie sie den ihr Unbekannten immer wieder darauf verwiesen haben, dass sie nicht die Mutter, sondern die Tochter sei und er aufhören solle. Bis er dann die Pornodateien schickte. Was er sich dabei eigentlich gedacht habe, fragt ihn die Richterin. Antwort: „Eigentlich nichts.“ Für die Mutter jedenfalls war bei der Pornozusendung Schluss. „Das hat alles ans Rollen gebracht, da bin ich zur Polizei gegangen“, sagt die Zeugin. Nach den Ermittlungen erfuhr sie erst, dass der Nachbar dahinter steckte. Dann wendet sie sich an den Angeklagten: „Wenn ich ich gewusst hätte, dass du das warst, hätte ich das ganz anders geregelt.“ Er versucht, sich zu entschuldigen.

Oberstaatsanwalt Grawemeyer beantragt zehn Monate Haft und 1000 Euro Geldbuße für einen guten Zweck. Der Angeklagte, so Grawemeyer, hätte erkennen müssen, dass er mit einer Jugendlichen kommunizierte. Verteidiger Oliver Gipp sieht es anders: Sein Mandant habe geglaubt, die Mutter anzusprechen. Zur Weitergabe pornografischer Schriften an Minderjährige fehle somit der Vorsatz. Sechs Monate Haft auf Bewährung und 600 Euro Geldbuße entscheidet am Ende die Richterin. Der Angeklagte habe zumindest billigend in Kauf genommen, eine Minderjährige sexuell zu belästigen. Und auch das Zuschicken von Pornomaterial an Erwachsene ohne deren Einverständnis sei strafrechtlich relevant.

Der Angeklagte nimmt das Urteil an. Es ist damit rechtskräftig.