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Stadtgeschichte
Geografin zweifelt an Wittlichs Wahrzeichen

Das restaurierte Wittlicher Türmchen im April 2018.
Das restaurierte Wittlicher Türmchen im April 2018. FOTO: Klaus Kimmling
Wittlich. Die Geschichte des ältesten erhaltenen Bauwerks der Stadt, des Türmchens, muss nach Meinung von Elisabeth von den Hoff umgeschrieben werden.

Seit langer Zeit leben viele Wittlicher in einem historischen Irrglauben, sagt die Wittlicherin Elisabeth von den Hoff (91). „Dieser hat sich schon richtig in den Köpfen festgesetzt.“ Nach Ansicht der promovierten Geografin und Hobbyhistorikerin, die ihre Pension genießt, muss die Geschichte zu Wittlichs ältestem Kulturdenkmal und Wahrzeichen, dem Türmchen, umgeschrieben werden. Das Türmchen an der Ecke Burgstraße/Kurfürstenstraße gilt als der letzte große Rest der von 1300 bis 1317 erbauten historischen Stadtbefestigung. „Doch das Türmchen war gar kein Eckturm des östlichen Stadttores“, sagt die Geografin, „wie viele Wittlicher bis heute irrtümlich glauben.“

Wer das 2017 restaurierte und zum Museum umgewidmete Baudenkmal betrete, der bekomme über eine Audioanlage genau diese „falsche Information“ zur Geschichte des Wahrzeichens vermittelt, sagt von den Hoff. So heißt es auch in einem Comic-Film zur Historie der Stadt, der auf der Internetseite des Kulturamtes zu sehen ist: „Die alte Stadtmauer trug man zum Beginn des 19. Jahrhunderts Stück für Stück ab, übrig blieb nur ein Teil des Burgtores, das Türmchen.“ Nach von den Hoffs Einschätzung ist diese Darstellung allerdings unkorrekt.

Von den Hoff: „Dieses mickrige Ding kann kein Teil unseres Stadttores gewesen sein, an dem man 17 Jahre gebaut hat.“ Das wahre Burgtor müsse weit aus größer und mächtiger gewesen sein. „Hier Zahlen zu nennen, wäre jedoch reine Spekulation.“ Wenn das Türmchen aber gar kein Teil des Burgtores gewesen war, was war es  dann?

These Elisabeth von den Hoff rollt dazu auf ihrem Wohnzimmertisch eine Karte aus, eine Kopie des preußischen Ur-Katasters aus dem Jahre 1828.  Auf dieser Karte hat sie ihre Vorstellungen dazu, was das Türmchen war – beziehungsweise nicht war,  eingezeichnet.

Was direkt auffällt: Das Stadttor hat sie auf der Karte etwa 30 Meter unterhalb des Türmchens verortet. „Wir hatten nicht nur niedrige Türmchen, sondern ein richtig großes Stadttor“, sagt von den Hoff.

„Das Türmchen war nur ein Teil vom Vortor des Burgtores.“ Nach ihrer Darstellung lag das Stadttor etwa auf der Höhe des Friedhofes, „wo entlang der Kegelbahn auch die Reste der Stadtmauer zu sehen sind. Und ein Stadttor ist immer ein Tor in der Stadtmauer, nicht außerhalb des Stadtgrabens auf freiem Gelände“, ergänzt von den Hoff. „Von diesem Stadttor, von dem heute nichts mehr zu sehen ist, führte ein etwa 30 Meter langer Zwinger, eine von beiden Seiten mit hohen Mauern eingefasste Straße, bis zum Türmchen, wo das kleinere Vortor stand.“

Der Sinn eines solchen Befestigungswerks, erklärt von den Hoff, habe darin gelegen, dass die Wittlicher das Haupttor so besser gegen Feinde hätten verteidigen können. Ein oberer Teil der Zwingermauer direkt am Türmchen, sagt von den Hoff, habe noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg gestanden und sei erst 1947 niedergelegt worden.

Doch wie kommt die Geografin eigentlich zu ihrer These, das Türmchen sei kein Teil des Haupttores? Auf ihre Idee zu einer Doppeltoranlage habe sie das besser erforschte Trierer Tor gebracht, sagt von den Hoff. Den Bautyp des Trierer Tores mit Vortor, Zwinger und Haupttor habe sie auf das Burgtor übertragen. „Dort stand ebenfalls eine dreiteilige Doppeltoranlage.“

Stadt Doch wie kommen Elisabeth von den Hoffs Thesen, welche sie im Kreisjahrbuch 2018 veröffentlicht hat, im Rathaus an? Der TV hat nachgefragt. Die Stadt hat mit Dr. Joachim Hupe von der Generaldirektion kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz einen renommierten Archäologen bemüht, zu von den Hoffs Position Stellung zu beziehen. Seine Antwort fällt kurz und knapp aus. „Die These von Frau von den Hoff ist diskussionswürdig“, sagt Hupe. Heißt: Möglich ist das.

Grabungen Gewissheit können wohl nur archäologische Grabungen bringen. „Man müsste gegenüber des Türmchens auf der anderen Seite der Burgstraße nach  Überresten des zweiten Türmchens suchen“, sagt von den Hoff. Ebenso aufschlussreich wären Erkenntnisse darüber, ob auf der Höhe des Friedhofes Überreste des dort von ihr vermuteten Haupttores zu finden wären. Da niemand mal eben die Straße aufreißt, um einfach nachzuschauen, wird die Gewissheit darüber jedoch noch auf sich warten lassen. Von den Hoff: „Wenn die Stadt die Straße nochmal öffnet, muss sie Archäologen hinzuziehen.“ Bei Bauarbeiten Ende der 1990er Jahre seien dort am Friedhof Fundamente entdeckt worden, die zum Burgtor gehört haben könnten, sagt die Geografin. „Aber warum hat man damals nicht die Experten aus dem Landesmuseum informiert?“

Weitere interessante Neuigkeiten zu dem Bauwerk aus dem Jahr 1300 werden im TV schon in der nächsten Woche zu lesen sein.

Elisabeth von den Hoff hat in einer alten Karte die Position einer Doppeltoranlage eingezeichnet. So soll das Türmchen bloß ein Eckturm (rot markiertes Rechteck links oben) eines kleineren Vortores gewesen sein. Ein imposanteres Haupttor (rosa markiertes Rechteck unten) soll etwa 30 Meter unterhalb in der Burgstraße auf Höhe des Friedhofes gestanden haben.  Dazwischen (blau markiert) soll ein Zwinger gestanden haben.
Elisabeth von den Hoff hat in einer alten Karte die Position einer Doppeltoranlage eingezeichnet. So soll das Türmchen bloß ein Eckturm (rot markiertes Rechteck links oben) eines kleineren Vortores gewesen sein. Ein imposanteres Haupttor (rosa markiertes Rechteck unten) soll etwa 30 Meter unterhalb in der Burgstraße auf Höhe des Friedhofes gestanden haben.  Dazwischen (blau markiert) soll ein Zwinger gestanden haben. FOTO: Klaus Kimmling