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Gotteshaus ohne Dorf überdauert Jahrhunderte

Heimatforscher Erwin Schaaf (Zweiter von rechts) stellt sein Buch über die Kapelle Heinzerath bei Bausendorf-Olkenbach gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Stiftungsverwaltungsrats Pater Ludwig Eifler (Dritter von rechts), dem Stiftervertreter Winfried Görgen (rechts) und weiteren Mitgliedern der Stiftung vor. TV-Foto: Holger Teusch
Heimatforscher Erwin Schaaf (Zweiter von rechts) stellt sein Buch über die Kapelle Heinzerath bei Bausendorf-Olkenbach gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Stiftungsverwaltungsrats Pater Ludwig Eifler (Dritter von rechts), dem Stiftervertreter Winfried Görgen (rechts) und weiteren Mitgliedern der Stiftung vor. TV-Foto: Holger Teusch
Bausendorf. Zwei Jahrtausende Geschichte hat Erwin Schaaf in seinem Buch über die Kapelle des vor 400 Jahren ausgestorbenen Orts Heinzerath im Alftal zusammengefasst. Eine Stiftung setzt sich seit drei Jahren für den Erhalt von Kirche und Friedhof ein. Holger Teusch

Bausendorf. Wer das Kleinod im Alftal finden will, muss die ausgetretenen Wege, sprich die Hauptstraße von Wittlich nach Zell verlassen. In Bausendorf an der Kirche geht es auf die Kreisstraße 30 Richtung Niederscheidweiler. Wenige Hundert Meter hinter dem Ortsschild des Bausendorfer Ortsteils Olkenbach steht eine gedrungene Kapelle - hinter einer Mauer, nur durch ein schwer zu öffnendes Eisentor erreichbar, von einem Friedhof umgeben.
Es ist das einzige Gebäude, das von einem Dorf übrig geblieben ist, das bis vor 400 Jahren an dieser Stelle stand: Heinzerath. Der Heimatforscher Erwin Schaaf hat die Geschichte der Kapelle in einem 75-seitigen Buch zusammengefasst. "Schon als ich als junger Lehrer hier war, hat mich diese Kirche fasziniert", sagt der 80-jährige emeritierte Professor.
Der Ort sei schon vor der Christianisierung eine Kultstätte gewesen, erzählt Schaaf: "Zur Zeit der Kelten, vor Christi Geburt, war der Ort ein heiliger Bezirk, eine vierarmige Schanze, in deren Mitte sich zwei Wasseradern kreuzen." Als im elften und zwölften Jahrhundert an dieser Stelle die Rodungssiedlung Heinzerath entstand, wurde eine Kapelle errichtet. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1475. Für die damalige Zeit beachtliche 350 Menschen lebten zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Heinzerath und dem benachbarten Olkenbach. Dann kam der Dreißigjährige Krieg (1618-48) und mit ihm Seuchen. Mehr als 80 Prozent der Einwohner starben. "Heinzerath ist gänzlich ausgestorben und vom Erdboden verschwunden", erzählt Schaaf. Nur eine Legende sei, dass sich die Heinzerather aus dem Alftal bei Morbach im Hunsrück neu angesiedelt hätten, sagt Schaaf - auch wenn der dortige Sakralbau der Kapelle im Alftal ähnelt. Der Name Heinzerath deute nur darauf hin, dass an dieser Stelle ein Heinz die Rodung für die Ortsgründung vorgenommen habe.
Dass die Kapelle noch steht und nicht als Steinbruch genutzt wurde, ist ein Phänomen. Eine Erklärung dafür ist, dass die Kapelle dem heiligen Bartholomäus geweiht ist. Der Schutzpatron der Bauern, Winzer und Hirten zog bis vor einem halben Jahrhundert alljährlich am 24. August Tausende Pilger an. Pater Ludwig Eifler, der für die Alftalgemeinden zuständige Pfarrer, berichtet von einer Ausgabe des Wittlicher Tageblatts von 1898, in der von 4000 Menschen die Rede ist.
Die Wallfahrt gibt es immer noch. Weil aber nur noch die wenigsten Menschen direkt von der Landwirtschaft abhängig sind, kommen weitaus weniger Pilger. Die Kapelle Heinzerath ist aber keineswegs ein Museum. Im Sommer finden einmal wöchentlich Gottesdienste statt. Auch Hochzeiten sind möglich. Außerdem beerdigen die Diefenbacher und Olkenbacher auf dem Friedhof ihre Verstorbenen.
Das Buch von Erwin Schaaf gibt es am Sonntag beim Pfarrfest im Gemeindezentrum Bausendorf, beim katholischen Pfarrbüro, Dorfstraße, Kinderbeuern, Telefon 06532/2727, und künftig in den Läden in Bausendorf.
Extra

Stiftung Heinzerath: 26 Menschen haben am 24. August 2010 die Stiftung Kapelle Heinzerath gegründet. Das ursprüngliche Stiftungskapital von 17 810 Euro hat sich zum Stichtag Silvester 2012 durch Zustiftungen auf 44 711 Euro erhöht. Zweck der Stiftung sind Erhalt und Unterhalt des Gebäudes und des Friedhofes als historischen Ort und um christliche Gottesdienste abzuhalten. "Nachdem das Bistum den Rotstift angesetzt hat und nicht mehr alle Gotteshäuser bezuschusst werden, musste sich die Pfarrgemeinde Gedanken machen, wie es mit der Kapelle Heinzerath weitergeht", erklärt Pater Ludwig Eifler, wie es zur Gründung kam. Die Stiftung organisiert in der Kapelle Konzerte und beteiligt sich am 8. September am Tag des offenen Denkmals. teuExtra

Ute Braun (47) aus Bausendorf: "Bei einer Pilgerreise in Norwegen über den Olavsweg kamen wir an vergleichbaren Orten vorbei: schöne alte Kirchen mit Friedhof mitten in der Natur. Ich habe diese immer als Orte zum Kraftschöpfen, zum Zur-Ruhekommen, zum zurück-, aber auch in die Zukunft blicken empfunden. Mir liegt es am Herzen, so etwas auch in meiner Heimatgemeinde zu haben." Sissi Brüxius (76) aus Bausendorf-Olkenbach: "Die Kirche liegt mir seit Kindesbeinen am Herzen und deshalb unterstütze ich die Stiftung. Ich bin gebürtig aus Niederscheidweiler und wir sind mit der Schule hierher gewallfahrtet. Die Ruhe hat mir schon immer gefallen. Ich wollte auch hier heiraten. Durfte ich aber nicht. Man musste damals in der Pfarrkirche heiraten." Erich Thies (60) aus Kinderbeuern-Hetzhof: "Wir sind schon in den 1960er Jahren hierher gekommen. Die Geschichte um die Kirche hat mich als uraltes Relikt immer fasziniert. Als die Notwendigkeit aufkam, bei der Unterhaltung des Gebäudes zu helfen, da lag es nahe, mit einzuspringen. Die Bevölkerung hängt sehr an der Kirche. Hier sind immer Leute." (teu)/TV-Fotos (3): Holger Teusch