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"Ich bin vom Tanz besessen"

Wer als Jude weltweit den Familiennamen Dublon trägt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit seine familiären Wurzeln in Wittlich. Diese sephardischen Juden hatten 1808 den auf eine spanische Münzbezeichnung zurückgehenden Namen angenommen. Franz-Josef Schmit

Der Vater der 1906 in Montabaur geborenen Else Jeanette Dublon, Lazarus Dublon (geborene 1880), entstammte einer der ältesten jüdischen Familien Wittlichs. Im Gegensatz zu den meisten Dublons, die als Viehhändler tätig waren, wurde Lazarus Kaufmann und arbeitete auch als Dekorateur.
Seine Ehefrau Pauline fand der rührige Mann in der kleinen Gemeinde Kirberg bei Neuwied. Die beiden Kinder gingen schon früh eigene Wege: Tochter Else Jea nette bildete sich zur Tänzerin und Schauspielerin aus, während der 1914 in Mannheim geborene Sohn Kurt bei dem in der NS-Zeit als entartet gebrandmarkten Franz Xaver Fuhr in die Lehre ging, um Kunstmaler zu werden.
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Eigentlich wollte Else Jeanette Dublon nach ihrem Abitur Chemie studieren. In einem Beitrag für die "Jüdische Allgemeine" vom Dezember 1934 berichtet sie, dass vor allem ihr Interesse an jüdischer Religion und Kultur den Anstoß gegeben hat, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen.
Besonders die Mutter - sie war selbst Sängerin - unterstützte die noch recht vagen Pläne ihrer Tochter. Diese sagte einmal: "Ich war so erfüllt von dem Gedanken, einmal in einem Programm rein jüdische Tanzschöpfungen zu bringen, denen auch gänzlich abseits Stehende, durch die künstlerische Leistung bezwungen, ihre Anerkennung nicht versagen sollten."
Else Jeanette Dublon zieht es nach Dresden, wo Mary Wigman, Begründerin des in Deutschland noch jungen Ausdruckstanzes, viele Talente unterrichtet.
Mit Beginn der NS-Diktatur werden jüdische Tänzerinnen in diesem renommierten Ensemble nicht mehr geduldet. Noch für einige Monate kann Else Jeanette Dublon in Aachen und Cottbus auftreten. In Berlin gelingt ihr eine vorübergehende Zusammenarbeit mit Werner Fincke in dessen politischem Kabarett "Katakombe" und mit dem Regisseur Erwin Piscator an der Volksbühne. Doch Ende 1933 ist damit Schluss.
Else Jeanette Dublon besinnt sich auf ihre frühen Künstlerträume und geht für einige Wochen zu den Chassidim nach Amsterdam. Sie studiert intensiv Gebärden und Bewegungen dieser frommen Juden und erhält entscheidende Anregungen für ihr "jüdisches Programm". Damit tritt sie ab Oktober 1934 im "Kulturbund Deutscher Juden 1933" auf, meist zusammen mit anderen jüdischen Künstlern, denen die Nazis alle Betätigungsfelder im "arischen" Kulturleben entzogen hatten.
Als Tänzerin und Schauspielerin erhält Dublon in der anspruchsvollen jüdischen Presse hervorragende Kritiken: "Von Nummer zu Nummer steigerte sie die Ergriffenheit der Zuschauer, die zum Schluß bei dem Lied vom Rebbe begeistert mitwirkten und eine dreimalige Wiederholung erzwangen." Einen Riesenerfolg kann sie als Tanzparodistin verbuchen, und zwar mit einem Programm zur jüdischen Bankiersdynastie der Rothschilds: "Else Jeanette Dublon erfand Tänze, die das Glück und den Aufstieg des Hauses symbolisierten. Am besten gefiel der sarkastische Tanz, der die Unzahl der Trottel und Schmarotzer aus vornehmen Häusern in der Eselsmaske darstellte, die sich an die Sohlen der Rothschilds hefteten."
Bis zu seiner Schließung 1941 war der Kulturbund nicht nur künstlerisches und soziales Refugium für jüdische Künstler in Nazideutschland, sondern auch der einzige Rahmen, in dem deutsche Juden zumindest in den Großstädten überhaupt noch Kunst und Kultur erleben konnten. Als Selbsthilfeorganisation sorgte der Bund dafür, dass jüdische Künstler, die weniger erfolgreich waren, überhaupt überleben konnten. Else Jeanette Dublon unterstützt wiederholt die "Jüdische Künstlerhilfe" mit ihren beim Publikum geschätzten Programmen.
Mit den Jahren wird die Programmgestaltung, ohnehin von der NS-Zensur in engen Grenzen gehalten, immer schwieriger. Renommierte Künstler emigrieren aus Deutschland, so auch Else Jeanette Dublon im Jahr 1936. In Palästina lebt sie in einem Kibbuz in der Nähe von Jerusalem. Als dort nach siebenjähriger Suche endlich Wasser erbohrt wird, gelingt Dublon ihr größter künstlerischer Coup: Sie choreographiert 1937 anlässlich des Wasserfestes im Kibbuz den Volkstanz "Mayim, Mayim". Noch heute gehört dieser Tanz, dem ein Wort des Propheten Jesaja (12,2 "Und ihr werdet Wasser schöpfen mit Wonne aus den Quellen des Heils.") zugrunde liegt, zu den populärsten Volkstänzen in Israel. Else Jeanette Dublon hat sich im tanzbegeisterten Israel über viele Jahrzehnte große Verdienste um die Entwicklung von Volkstänzen erworben, die häufig an biblische Erzählungen und Motive anknüpfen.
Ihre Eltern Lazarus und Pauline waren am 22. Oktober 1940 von Mannheim in das Lager Gurs am Westrand der Pyrenäen deportiert worden. Mit viel Glück überlebten sie diesen Schreckens ort, der für die meisten Juden aus Südwestdeutschland nur Zwischenstation der späteren Deportation nach Auschwitz-Birkenau war. Erst nach zahlreichen medizinischen Behandlungen in Frankreich konnten die Eheleute 1947 nach Palästina ziehen, wo sie ihre inzwischen verheiratete Tochter Else Jeanette mit dem 1943 geborenen Enkelkind Michal-Fanny und Sohn Kurt wiederfanden.
Else Jeanette Dublon starb 1998 und ist in Israel bis heute zumindest in Tanzkreisen als Künstlerin und Choreographin zahlreicher Volkstänze unvergessen. Franz-Josef Schmit