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Keine Spur vom kostbaren Kanonenböller

Diese blitzblanke Böllerkanone der Neuerburger (links im Bild: Jürgen Eltges) ist ein Neubau. Das gestohlene Stück ist aus schwarzem Gußeisen und darf nicht mehr gezündet werden. Foto: TV-Archiv
Diese blitzblanke Böllerkanone der Neuerburger (links im Bild: Jürgen Eltges) ist ein Neubau. Das gestohlene Stück ist aus schwarzem Gußeisen und darf nicht mehr gezündet werden. Foto: TV-Archiv
Wittlich-Neuerburg. Drei historische Kanonenböller zeugen als rare Überreste von Wittlichs 1794 zerstörtem Schloss Philippsfreude. Sie galten als verschollen und gelangten 2006 in die Obhut der Neuerburger Böllerschützen. Eine der kostbaren Kuriositäten wurde aus dem neuen Vereinshaus des Stadtteils gestohlen. Von unserer Redakteurin Sonja Sünnen

Einfach weg ist eines der letzten historischen Stücke aus dem Wittlicher Schloss. Es geht um die legendären "Kaatzekepp". Kaatzekepp? So nannten die Wittlicher die gusseisernen Barockböller, die aussehen wie kleine Kanonen und es ordentlich krachen lassen können. Drei Stück existierten noch. Eins ist verschwunden.

Es wurde am Tag der offiziellen Eröffnung des Neuerburger Vereinshauses während des Discoabends gestohlen. Die Disco war im Zelt. Der Böller war Teil einer Ausstellung im Foyer des Vereinshauses, das geöffnet war, um einen Toilettenzugang zu ermöglichen. Das gestohlene Teil ist schwer: 80 Kilo. Geschätzter Wert: 8000 Euro, ideeller Wert: unbezahlbar, Anzeige wegen Diebstahls ist erstattet.

Das heutige Liebhaberstück krachte einst, um den Wittlichern zu signalisieren: "Der Kurfürst ist in der Stadt!" Insgesamt sechs Kanonenböller wurden für Schloss Philippsfreude gegossen, das 1794 zerstört wurde. Danach dienen sie als Warnsignal. Ab 1870/71 wurden die Böller zu Kaisers Geburtstag gezündet. Was man über ihr sonstiges Schicksal weiß: Einer explodierte zu Kaiserszeiten auf dem Wittlicher Schlossplatz, zwei wurden nach dem Ersten Weltkrieg an Eisenhändler verscherbelt, aber drei der heute seltenen Stücke rettete der ebenfalls legendäre Matthias Mehs, 1946 bis 1953 Wittlichs Bürgermeister.

Jürgen Eltges, Böllerschütze und Chronist, ist sozusagen Kaatzekepp-Fachmann. Er sagt: "Die lagen bei Mehs dann auf der Mauer im Tanzgarten. Schon damals fand ich die Dinger interessant. Später wusste kein Mensch mehr, wo sie waren." - Bis zum zwanzigjährigen Kirmesjubiläum der Böllerschützen 2006. Mehs Tochter erinnerte sich an die drei Kaatzekepp, die im Keller lagerten, und wünschte, dass die Neuerburger sie erhalten.

Ob man sie noch zünden könne? Das wollten die Neuerburger naturgemäß wissen. Sie transportierten die Stücke ins Beschussamt Mellrichstadt. Museumsreif, aber wunderschön lautete das Prüferurteil, denn anzünden sei zu gefährlich.

Ob das die Langfinger wissen, die eine der kleinen Kanonen nebst Gestell aus dem Holz der früheren Dorfeiche mitgenommen haben? Klar ist, ein Stück Stadtgeschichte ist verloren. Jürgen Eltges sagt: "Da gelten die Böller als verschollen, liegen jahrelang im Haus Mehs im Keller, und in Neuerburg werden sie geklaut. Am ersten Tag, an dem sie im Vereinshaus zu sehen waren! Das muss man sich mal vorstellen!" Er zeigt ein Foto in der Chronik der Böllerschützen, die er verfasst hat. Auf dem Bild sind die drei Kuriositäten noch vereint.

"Wir werden die anderen zwei der Stadt zurückgeben. Wir können die Sicherheit nicht mehr garantieren. Der Diebstahl ist eine Schweinerei", sagt der leidenschaftliche Böllerschütze und: "Der Dieb, das war ein Liebhaber, oder der hat das im Auftrag gemacht. Der Kanonenböller ist sehr selten. Den gibt niemand zurück, eher wird der ruckzuck weiterverkauft."

Die Kaatzekepp in Funktion, die hat Matthias Mehs 1927 so beschrieben: "Da plötzlich blitzte eine Stichflamme gen Himmel auf, und mit Donner, Erdbeben entlud sich dampfend der eherne Mund. Alles fuhr zusammen."

Hinweise: Polizei Wittlich, Telefon 06561/9260. Der Heimatverein Neuerburg setzt 500 Euro Belohnung aus.