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Strafvollzug
Kunst hinter Gittern: Wittlicher Häftlinge fotografieren, sprühen und malen

Der neue Kalender  ist da: Im Wittlicher Stadthaus präsentieren Melanie Begon, Rolf Richartz, Stefanie Löwen, Hans-Peter Pesch, Joachim Rodenkirch, Jürgen Thum und Jörn Patzak (von links) den Kunst Knast Kalender 2019 unter anderem mit fünf Kunstwerken aus Wittlich.
Der neue Kalender  ist da: Im Wittlicher Stadthaus präsentieren Melanie Begon, Rolf Richartz, Stefanie Löwen, Hans-Peter Pesch, Joachim Rodenkirch, Jürgen Thum und Jörn Patzak (von links) den Kunst Knast Kalender 2019 unter anderem mit fünf Kunstwerken aus Wittlich. FOTO: Julia Nemesheimer
Wittlich. In der Jugendstrafanstalt Wittlich setzt man auf Therapie und geht auch alternative Wege. Die dort entstandene Kunst ist Teil des „Knast Kunst Kalenders 2019“. Von Julia Nemesheimer

Raub, Betrug, Sexualstraftaten, Konsum und Verkauf von Drogen – die Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) und der benachbarten Jugendstrafanstalt (JSA) haben etliches auf dem Kerbholz. Doch aus den vermeintlich harten Kerlen werden im Kunstraum der JSA wahre Künstler. Ihre kreative Seite entdecken sie in der Kunsttherapie und in Workshops. Und das mit Erfolg: Die Knast-Künstler aus Wittlich stellen gleich fünf der zwölf Kalenderblätter des Knast Kunst Kalenders 2019.

Der Kalender wird unter anderem vom Katholischen Verband für soziale Dienste (SKM) und dem SKM-Diözesanverein Trier herausgegeben. In Wittlich stellen Rolf Richartz und Stefanie Löwen vom Diözesanverein den Kalender vor. Darin sind Kunstwerke von sechs Gefängnissen aus ganz Deutschland zu sehen. Der Erlös (siehe Extra) deckt die Druckkosten. Der Überschuss fließt als Spende in die Stiftung. Der SKM ist Träger des Wittlicher Vereins Rückenwind, der Angehörigen von Inhaftierten und insbesondere deren Kindern eine Anlaufstelle bietet. „Wir füllen mit unserer ehrenamtlichen Arbeit eine Lücke im System. Von staatlicher Seite her kümmert man sich viel zu wenig um die Angehörigen“, meint Hans-Peter Pesch. Er ist einer von zehn ehrenamtlichen Helfern und schon seit vielen Jahren dabei. In Deutschland ist dieser Verein einzigartig. Kunst spielt dabei eine Rolle, neben dem Engagement für den Kalender gestaltet Melanie Begon von Rückenwind auch ein Kinderbuch mit Gefangenen. Darin wird das Knastleben kindgerecht erklärt.

Für Jörn Patzak, Leiter der JVA Wittlich, und auch für den Kollegen Jürgen Thum von der JSA leistet der Verein wertvolle Arbeit. „Es ist enorm wichtig, dass Rückenwind existiert. Natürlich könnten wir so etwas auch versuchen anzubieten. Aber wir sind eben ‚das System’, da entsteht niemals das Vertrauen wie bei einer externen Stelle“, sagt Patzak.

Resozialisierung in der JSA Angebote wie der Knast Kunst Kalender sind für die JSA wichtig. „In unserem Haus versuchen wir, den Jugendlichen so viel Positives wie möglich mitzugeben“, meint Anstaltsleiter Thum. Es gibt dort sieben Wohngruppen.

Auf momentan 131 Inhaftierte im geschlossenen Vollzug kommen rund 150 Beamte, Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter, sodass eine intensive Betreuung möglich ist. Wichtig sei es dabei, einen geregelten Tagesablauf zu etablieren.

„Die Jugendlichen werden schon sehr gefordert und müssen viel leisten, auch emotional und geistig. Wir haben hier ein breit gefächertes therapeutisches Angebot. Dazu gibt es Einzel- und Gruppensitzungen von unseren vier Psychologinnen“, erläutert Thum. Aber was macht Kunst mit den jugendlichen Straftätern? Seit einem Jahr ist die Kunsttherapeutin Kristin Herrmann in Wittlich angestellt.

„Über Kunst kann man viel erreichen. Oft sind die Jugendlichen verschlossen und wenig reflektiert“, meint sie. Durch die Kunst könne man leichter zu ihnen vordringen und unterbewusste Probleme offenbaren. „Viele haben eine schwierige Kindheit hinter sich. Ihr Umfeld begünstigt das Abrutschen in die Kriminalität. Die Therapie insgesamt, aber auch die Kunst, ist immens wichtig, um den Jugendlichen eine Alternative zu ihrem bisherigen Leben aufzuzeigen“, so Herrmann weiter. „Daneben gibt es noch weitere Ansätze, die wir verfolgen. Seit neuestem haben wir einen Musikpädagogen, der musiktherapeutisch mit den Gefangenen arbeitet. Vielfältige Angebote zur Resozialisierung sind wichtig, um ihnen eine neue Perspektive zu geben“, meint Thum.