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Mit Gesprächen aus der Tabuzone

Manfred Schneider (links) und Hans-Ludwig Folscheid mit einer selbstgebastelten Puppe mit Stomaversorgung. TV-Foto: Christina Bents
Manfred Schneider (links) und Hans-Ludwig Folscheid mit einer selbstgebastelten Puppe mit Stomaversorgung. TV-Foto: Christina Bents
Wittlich/Bitburg. Wenn ein künstlicher Darmausgang oder eine künstliche Harnableitung krankheitsbedingt notwendig wird, sitzt der Schock bei den Betroffenen erst einmal sehr tief. Die Menschen schon früh aufzufangen und ihnen dann im Alltag zu helfen, hat sich die Ilco-Selbsthilfegruppe zur Aufgabe gemacht. In Wittlich kommen 30 Personen durchschnittlich zu den Treffen, in Bitburg-Prüm 20. Christina Bents

Wittlich/Bitburg. Wenn Hans-Ludwig Folscheid, Regionalsprecher der Ilco-Gruppe Bitburg/Prüm, von seiner "Tupperdose auf dem Bauch spricht, die ihm das Leben gerettet hat", zeigt das, wie offen und positiv er mit seinem künstlichen Darmausgang umgeht, mit dem er seit über 25 Jahren lebt. Auch Manfred Schneider, Regionalsprecher der Ilco im Kreis Bernkastel-Wittlich, spricht mit viel Sachverstand und Einfühlungsvermögen über das Thema.
Bundesweit gibt es die Selbsthilfegruppe seit über 40 Jahren. Die Regionalgruppe Eifel-Mosel-Hunsrück, zu der auch eine Gruppe in Daun gehört, die von Jakob Blum betreut wird, feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Das Aufgabenfeld ist dabei vielfältig. Eines sind die Besuche der Patienten im Krankenhaus. Hans-Ludwig Folscheid sagt: "Wenn die Menschen zu Hause sind, realisieren sie oft erst, welche Veränderungen mit dem Stoma einhergehen, und fallen in ein Loch. Wir wollen dann helfen, die Leiter anzustellen und die Leute wieder da herauszuholen. Und wenn sie uns dann schon einmal im Krankenhaus kurz gesehen haben, fällt der weitere Kontakt leichter." Ähnlich sieht es Manfred Schneider: "Was vor allem wichtig ist, ist, dass wir selbst alle ein Stoma haben. Mit einem außenstehenden, selbst Betroffenen kann man manchmal besser über die Probleme sprechen als mit den Angehörigen." Gruppentreffen finden in Wittlich alle zwei Monate statt und in Bitburg/Prüm einmal monatlich. Oft sind Mediziner, Vertreter des Sozialrechts oder Stomatherapeuten dabei, die über spezielle Themen informieren. "Wir kreisen aber nicht nur um die Krankheit, oft geben wir einander auch praktische Tipps und unternehmen viel zusammen, beispielsweise schwimmen, wandern oder treffen uns zu Ausflügen", berichtet Manfred Schneider.
Daneben ist die Regionalgruppe bei vielen Gesundheitsmessen vertreten, bei der sie auch eine selbst gebastelte Puppe mit einem Stoma dabei haben. Hans-Ludwig Folscheid sagt: "Da merken wir immer noch, dass das Thema ein Tabu ist, wenn die Leute Informationsmaterial für den Nachbarn oder die Schwägerin mitnehmen." Zudem treffen sie sich mit Landtagsabgeordneten, um ihre Sicht auf gesundheitspolitische Themen zu schildern, sprechen mit Pflegeschülern in Krankenhäusern und haben Kooperationsverträge mit den Krankenhäusern in Wittlich und Daun.
Dass das Engagement der Gruppe vorbildlich ist, zeigt sich auch darin, dass Hans-Ludwig Folscheid im vergangenen Jahr den Deutschen Bürgerpreis als "Alltagsheld" erhalten hat.
Extra

1972 wurde in Wiesbaden die erste Selbsthilfegruppe von Professor Dr. Konrad Arnold und seinen Patienten gegründet. Insgesamt gibt es über 8500 Mitglieder bundesweit, davon sind über 7000 Personen betroffen. Es gibt acht Landesverbände, 91 Regionalverbände und 296 Ilcogruppen mit insgesamt 800 ehrenamtlichen Mitarbeitern. chb