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Bildungssystem
Prävention statt Bestrafung: Elternbeirat reagiert auf Kinderpornos per Whatsapp an regionalen Schulen

FOTO: dpa / Jens Kalaene
Wittlich. Nach dem von einem Jugendlichen im Raum Wittlich/Trier in einer Whatsapp-Gruppe verschickten Kinderporno meldet sich nun der Elternbeirat zu Wort und fordert mehr Prävention. Von Christian Moeris

Im Fall des von Jugendlichen verschickten Kinderporno-Videos, woraufhin im Raum Wittlich mehrere Wohnungen durchsucht wurden (der TV berichtete), gibt es nun von Seiten der Eltern Einwände.

Das 18-sekündige Handyvideo, das Heranwachsende im Raum Wittlich/Trier in einer Whatsapp-Gruppe mit 214 Mitgliedern über ihr Smartphone verschickt hatten, zeigte ein zwölfjähriges Mädchen aus der Region in sexuell aufreizenden Posen. Die Polizei ermittelt.

Für Patrick Schenk, stellvertretender Sprecher des Regionalen Elternbeirates Trier, der den ehemaligen Regierungsbezirk Trier umfasst, ist dieser Vorfall aber gar nicht so aufsehenerregend. In seiner ehrenamtlichen Arbeit im Elternbeirat, wo er seit Jahren mit unzähligen Vorfällen und Missständen an den regionalen Schulen konfrontiert wird, habe er von dieser „gängigen Praxis unter Jugendlichen“ bereits mehrfach gehört, sagt Schenk. „Die Kinder, Jungs wie Mädchen, fotografieren und filmen sich nackt, entweder weil sie dazu von anderen Gruppenmitgliedern aufgefordert werden, oder sie machen das von sich aus, um dazuzugehören.“

Das komme an allen Schulformen vor, sagt Schenk, sei nur jetzt mit dem aktuellen Vorfall mal publik geworden. Er wisse bereits von mehreren Schulen in der Region, sagt Schenk, an denen so etwas unter Schülern in Whatsapp-Gruppen verbreitet worden sei.

Von den Schulleitungen und Lehrern werde das meist unter den Teppich gekehrt, sagt Schenk, weil es dem Image der Bildungseinrichtungen schaden könne.

„Einige Kinder finden das cool und begreifen gar nicht, was sie dort machen. Andere werden dazu erpresst und damit gemobbt. Die Kinder nutzen damit aber auch ganz einfach technische Möglichkeiten, die wir früher nicht hatten“, sagt der 55-Jährige, der selbst Vater von drei Kindern und auch Elternsprecher des Cusanus-Gymnasiums Wittlich ist.

„Wir ermöglichen unseren Kindern, die Handys zu kaufen, zeigen ihnen aber nicht, wie man damit umgeht“, kritisiert Schenk. „Ich kann nicht verstehen, weshalb wir unsere Kinder damit so alleine lassen und ihnen nicht helfen!“ Seiner Meinung nach müsse die Prävention, Aufklärung und Kompetenz im Umgang mit Smartphones und sozialen Netzwerken ein fester Bestandteil im Lehrplan sowie im Stundenplan werden. „Wir brauchen Lehrer, die sich dafür interessieren, und auch mehr Sozialarbeiter an unseren Schulen, welche die Schüler ansprechen können und die solche Probleme mit ihnen lösen, indem sie mit den betroffenen Kindern reden.“

Die aktuelle Polizeiaktion mit der Durchsuchung von Wohnungen und der Beschlagnahmung der Handys der Jugendlichen hält Schenk aus pädagogischer Sicht für wenig zielführend. „Da werden jetzt Schuldige gesucht. Die Kinder, auf denen jetzt rumgehackt wird, lernen aber nichts daraus“, sagt Schenk. Es sei das übliche Problem im Bildungssystem und der Erziehung, meint Schenk: „Misslingen wird dokumentiert, anstatt das Gelingen zu fördern.“ Denn schließlich würden tausende Jugendliche und Heranwachsende in der Region ihr Handy täglich verantwortungsvoll nutzen. „Wir müssen den Kindern beibringen, dass man ein Smartphone nicht nur zum Spielen und zum Versenden von Blödsinn benutzen kann. Die Polizeiaktion finden die Jugendlichen doch nach zwei Tagen wieder vollkommen uninteressant.“ Er habe das Bildungsministerium bereits im vergangenen Jahr über die ihm schon länger bekannten Missstände mit Nacktfotos in Whatsapp-Gruppen an den Schulen der Region informiert, sagt Schenk. Zur Dokumentation kann er auch ein Schreiben an Bildungsministerin Stefanie Hubig vorweisen. In dem auf den 30. August 2017 datierten Brief schreibt Schenk an Hubig: „Auch anzügliche Bilder oder Nacktfotos machen in unseren Schulen die Runde, diese sogar von Schülern unter 14 Jahren.“ Schenk schreibt auch: „Die Aufklärung über rechtliche und moralische Konsequenzen kommt oft zu altbacken und langsam daher, um die Schüler aufzurütteln. Die moralische, alters- und zeitgerechte Nutzung wird nicht dem Alter entsprechend vermittelt.“ Von der Reaktion der Ministerin war Schenk im vergangenen Jahr und auch bei den aktuellen Vorfällen jedoch enttäuscht: „Die Ministerin ist mit ihren Antworten den Problemen nur ausgewichen und wurde in keinem Satz konkret“, sagt Schenk. Auch im aktuellen Fall habe er eine Reaktion der Bildungsministerin vermisst. Schenk: „Es müsste viel mehr präventiv gearbeitet werden, damit die Hemmschwelle dafür, wie man nicht miteinander umgeht, wieder höher kommt.“