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Integration
Praktikum bringt Jobs für ganze Familie

Nicht nur beim Arbeiten, sondern auch beim Feiern multikulturell: Beim Sommerfest der Firma ProContur spielen junge Menschen verschiedenster Nationalitäten zusammen Menschenkicker.
Nicht nur beim Arbeiten, sondern auch beim Feiern multikulturell: Beim Sommerfest der Firma ProContur spielen junge Menschen verschiedenster Nationalitäten zusammen Menschenkicker.
Wittlich-Wengerohr . Jeder dritte Mitarbeiter des Feinblechverarbeiters ProContur in Wittlich-Wengerohr hat einen Migrationshintergrund. Durch gezielte Aktionen versucht die Firma möglichst vielen Geflüchteten eine Chance zu geben. Auch ein junger Praktikant findet eine Anstellung – nicht nur für sich selbst.

Als Ferhat Yakimov an der Fräse steht, wird es ihm bewusst. „Das will ich machen!“, erklärt er der Personalreferentin Renata Zukaite-Schmitz. Alle anderen Abteilungen der Firma ProContur hat der bulgarische Flüchtling im Rahmen seines Schülerpraktikums bereits durchlaufen, die Richtige war nicht dabei. Bis jetzt. Zum Vorstellungsgespräch bringt er seinen Vater mit, der nur aus Interesse dabei ist. Zunächst. Denn als Ferhat die Zusage für eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer bekommt fragt Andrey ganz locker, ob auch noch für andere Stellen Arbeiter gesucht werden. Ein Gespräch später ist auch er Teil des ProContur-Teams. „Aller guten Dinge sind drei“, denkt er sich und fragt, ob auch Arbeit für seine Frau da  sei. Sie wird in der Kunststoffabteilung und als Reinigungskraft eingestellt. Eine gesamte Familie findet innerhalb weniger Tage Arbeit. Was klingt wie im Kinofilm ist tatsächlich so geschehen.

Die drei Bulgaren sind nur ein kleiner Teil der multikulturell aufgestellten Firma aus Wengerohr, die individuelle Produkte aus Feinblech herstellt. Von den 73 Mitarbeitern haben 26 einen Migrationshintergrund. „Wir wollen zeigen, dass als Betrieb Geld verdienen und Menschlichkeit zeigen sich nicht widersprechen“, erklärt Renata Zukaite-Schmitz. Die Personalreferentin ist gebürtige Litauerin und betont gleichzeitig, dass niemand „aus reinem Mitleid angestellt werde“. Bei der Einstellung werde von Anfang an klargemacht, welche Erwartungshaltung im Unternehmen herrscht. „Wir müssen natürlich Geld verdienen, diese Verantwortung haben wir.“ Dabei spielt auch eine wichtige Rolle, dass das Unternehmen nur Flüchtlinge einstellt deren Aufenthaltstitel sicher ist. Das sei notwendig, da in die Ausbildung der Geflüchteten eine Menge investiert werde. Alle ziehen an einem Strang, egal ob Führungskraft oder „einfacher“ Mitarbeiter.

Da ist das Beispiel des Werks­studenten, der Wurzeln im Libanon hat und dadurch immer wieder auch als Dolmetscher für Mitarbeiter mit Muttersprache Arabisch fungiert. Das ist nur ein Mittel, mit dem die Sprachbarriere überwunden werden soll. Momentan befindet sich ein Deutschkurs in der Planungsphase, er soll dauerhaft dafür sorgen, dass die Mitarbeiter nicht nur im Betrieb, sondern auch im Land integriert werden. Darüber hinaus soll ein Handbuch erstellt werden. „Darin wollen wir ganz grundsätzliche Begriffe, die für die tägliche Arbeit wichtig sind, erklären“, sagt Renata Zukaite-Schmitz. Gleichzeitig motiviere man die übrigen Mitarbeiter dazu, langsam zu sprechen und sich deutlich auszudrücken. „Redewendungen wie ‚Jetzt ist Schluss mit lustig’ können schnell falsch verstanden werden.“ Formulierungen wie „Flüchtling“, „Ausländer“ oder „Migrant“ sind bei ProContur tabu. „Nicht-Muttersprachler“ hat sich als Bezeichnung eingebürgert – auch in der Führungsetage. Die wiederum kommt alle paar Monate mit den Mitarbeitern zusammen. Bei einem gemeinsamen Frühstück tauschen sich die Neuen und diejenigen, die Geburtstag hatten, aus. „Da werden dann auch Geschichten von der Flucht erzählt. Das ist besonders, denn so etwas kennt man sonst nur aus den Nachrichten“, sagt Renata Zukaite-Schmitz. Auch das gemeinsame Sommerfest vor wenigen Wochen bietet neben einem Menschenkicker auch Raum für familiäre Gespräche. Wie sehen die Karrierechancen für die „Nicht-Muttersprachler“ aus? „Wenn jemand motiviert und bereit ist, dann ist er hier richtig“. Ein Syrer wird momentan zum Teamleiter ausgebildet, was laut der Personalreferentin nicht nur für ihn wichtig ist: „Dadurch sehen alle, dass es durchaus möglich ist, etwas zu erreichen.“

Ob Ferhat, sein Vater oder seine Mutter es in eine Führungsposition schaffen, bleibt abzuwarten. Zunächst sind sie froh,einen Job gefunden zu haben. Und das im gleichen Betrieb. Besser geht es für die bulgarische Familie nicht.