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Sie essen nur bei Mondschein

Ab heute fastet er: Tahir Dogan (41), Wittlich, Dialogbeauftragter der Wittlicher Ditib-Moschee, spricht über den Ramadan. TV-Foto: Klaus Kimmling
Ab heute fastet er: Tahir Dogan (41), Wittlich, Dialogbeauftragter der Wittlicher Ditib-Moschee, spricht über den Ramadan. TV-Foto: Klaus Kimmling
Wittlich. Der Wirtschaftsstandort Wittlich zieht Arbeitskräfte an. Seit den 1960er Jahren kamen deshalb auch viele Türken in die Stadt. Sie sind die stärkste Gruppe der islamischen Gemeinde. Für sie beginnt heute der Fastenmonat Ramadan. Im Wittlicher Alltag sei das kein Problem, sagt Tahir Dogan, Dialogbeauftragter der Ditib-Moschee, der größten von dreien in Wittlich mit 1500 Gläubigen, aber es gebe immer wieder Fragen dazu.

Wittlich. Die Kreisstadt Wittlich spielt im Hinblick auf Anhänger des Islam eine landesweit besondere Rolle: Wittlich bekam etwa mit der Ditib-Moschee in der Schlosstraße das erste Minarett im Land. Denn viele Ex-Gastarbeiter, die vor über 40 Jahren kamen und bei großen Firmen wie Dr. Oetker, Ideal Standard, Goodyear-Dunlop ihr Auskommen fanden, sind geblieben. Deshalb leben heute viele in der dritten Generation in Wittlich, haben einen deutschen Pass. Ihr Glaube ist geblieben: Sie sind eine islamische Gemeinde. Genaue Zahlen über die Muslime gibt es nicht. Allein für die Ditib-Mosche in der Schlosstraße nennt Tahir Dogan 1500 Gläubige. Der 41-Jährige lebt seit 1977 in Wittlich und ist offizieller Dialogbeauftragter der Moschee.
TV-Redakteurin Sonja Sünnen hat sich mit ihm über die heute beginnende Fastenzeit unterhalten.
Wer gehört denn zum Einzugsgebiet Ihrer Moschee, und wie viele Gläubige davon fasten?
Tahir Dogan: Ich schätze, es sind 1500 Menschen aller Länder, aber hauptsächlich Türken. Schwer zu sagen, wer fastet, denn es wird ja nicht kontrolliert, und man sieht es nicht, genauso wie bei denn Christen. Aber ich denke, dass die Mehrheit fastet.

Wie macht sich denn Ihre Fastenzeit für alle anderen Wittlicher bemerkbar?
Dogan: Zum Beispiel auf der Arbeit: Wenn wir Pause haben und plötzlich keinen Kaffee trinken. Oder wenn Kinder in die Schule kein Frühstücksbrot mitnehmen. Ich wüsste nicht, wie das sonst auffallen sollte. Aber dann wird immer neugierig gefragt, warum wir nichts essen und trinken.

Und es gibt keine Probleme auf der Arbeit? Sie arbeiten beispielsweise im Schichtbetrieb, und bei einem frühen Ramadan wie jetzt Anfang August, ist der Tag ja besonders lang?
Dogan: Generell soll die Arbeit nicht darunter leiden. Wenn jemand das körperlich nicht ertragen kann, gibt es die Möglichkeit, sich vom Fasten befreien zu lassen. Ich hatte noch nie ein Problem und habe immer alle drei Schichten gefastet.

Was wissen Sie denn über die Fastenzeit der Christen?
Dogan: Viel. Sie sollen verzichten auf das, was sie am meisten haben - wie beim Autofasten - und 40 Tage mal Abstand nehmen, ebenso lange wie Jesus in der Wüste war.

Auch bei Ihnen gibt es ein Fastenopfer, Geld wird gespendet. Wer bekommt das?
Dogan: Manche geben es an Verwandte oder Bekannte, die bedürftig sind. Es wird auch gesammelt. Davon werden zum Beispiel Menschen nach Unglücken wie dem Tsunamie unterstützt. Wie viel in Wittlich gespendet ist, weiß ich nicht, weil viel privat weitergegen wird.

Und die muslimischen Frauen? Müssen die fürs späte Essen mehr kochen als sonst?
Dogan: Nein. Es wird ganz normal gekocht, wie sonst für das Mittagessen. Und um drei Uhr morgens wird ganz normal gefrühstückt.

Mitten in Ihrer Fastenzeit ist ja die Wittlicher Säubrennerkirmes mit gebratenen Schweinen. Gehen Sie trotzdem hin, obwohl Sie dann fasten und sowieso kein Schweinefleisch essen, und was gefällt Ihnen?
Dogan: Essen und trinken können wir ja dann nicht. Aber die Kinder haben zum Beispiel schon gesagt, dass sie nach dem Fastenbrechen, also nach Sonnenuntergang, auf den Rummelplatz wollen. Mir gefällt an der Kirmes auch der Rummel und auch, dass man immer viele Menschen treffen kann.Die Christen fasten 40 Tage vor Ostern, bei Muslimen ist der Zeitpunkt ein anderer: der neunte Monat des islamischen Mondkalenders, der sich jährlich verschiebt. Der Ramadan beginnt europaweit in diesem Jahr am heutigen ersten August. Muslime fasten vereinfacht gesagt solange Tag ist: Nur nach Sonnenuntergang bis zur Morgendämmerung dürfen sie essen und trinken. Das Fasten, das ab der Pubertät gilt - auch Erwachsene können ausgenommen werden-, gehört zu den sogenannten fünf Säulen des Islam wie beispielsweise die täglich fünf Gebete oder die Pilgerfahrt nach Mekka. Neben dem Verzicht auf Speis und Trank am Tag gilt: Fastende sollen im Ramdan an Bedürftige spenden. Zum Abschluss, dieses Jahr am 30. August, ist das große Fest des Fastenbrechens. Es beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück mit Festgebäck, dann werden die Familie und ältere Menschen besucht, man gratuliert sich gegenseitig und ist festlich gekleidet. sos