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Regionales
TV-Serie Heimat-Genuss: Hinterm Gartenzaun geht’s weiter: Zurück zu den Wurzeln mit altem Saatgut

Annette Fehrholz hat eine Leidenschaft für alte Samen und alte Sorten entwickelt. Die gebürtige Wupperatlerin ist die größte Fürsprecherin der Bengeler Zuckererbse Simon, die seit über 50 Jahren in Bengel angebaut wird.
Annette Fehrholz hat eine Leidenschaft für alte Samen und alte Sorten entwickelt. Die gebürtige Wupperatlerin ist die größte Fürsprecherin der Bengeler Zuckererbse Simon, die seit über 50 Jahren in Bengel angebaut wird.
Bengel.. Zu einem modernen Lebensstil gehört für viele Menschen zurückzublicken. Wir gehen in Bengel der Frage nach, warum altes Saatgut und alte Sorten wieder so gefragt sind. Von Birgit Markwitan

Zurück zu den Wurzeln. Dieser Satz passt hier wie kaum sonst. Wir haben uns mit der Samenexpertin Annette Fehrholz aus Bengel (Kreis Bernkastel-Wittlich) getroffen. Es ging unter anderem um die Hunsrücker Puffbohne und um die Bengeler Zuckererbse Simon. Das sind nur zwei von vielen alten regionalen Nutzpflanzen, deren Erhalt ihr und anderen am Herzen liegt. Es geht um ein Lifestyle-Thema wie Urban Gardening oder Bio einzukaufen. Aber die Zeit lässt sich nicht einfach zurückdrehen.

Wer sich mit Annette Fehrholz unterhält, fühlt sich schnell an seine Kindheit erinnert. Wenn man damals für etwas gebrannt hat, wollte man es sofort ausprobieren. Die junge Frau weckt Begeisterung für das, was sie tut, als hätte sie in ihrem Leben noch nie etwas anderes gemacht als sich ehrenamtlich für den Erhalt und die Pflege regionaler Nutzpflanzen einzusetzen. Wenn sie erklärt, wie sie Pflanzen selbst bestäubt, – unglaublich, woher weiß sie das alles?

Das sei alles keine Kunst und lernbar wie ein Handwerk, beruhigt die 39-Jährige. Für ihr Know-how habe sie, das Stadtkind ohne jegliche Vorkenntnisse, auch viel Lehrgeld bezahlt, als sie vor rund zehn Jahren in Bengel (Verbandsgemeinde Traben-Trarbach) mit dem Gärtnern begonnen hat. Inzwischen ist die gebürtige Wuppertalerin die Vorsitzende des Bengeler Obst- und Gartenbauvereins und die größte „Fürsprecherin“ der Bengeler Zuckererbse Simon, die seit 1918 in Familienbesitz ist und seit mehr als 50 Jahren in Bengel angebaut wird.

Schon während des Gesprächs mit Annette Fehrholz hätte man gerne ein kleines Papiertütchen mit Simon-Samen an sich genommen, um ihn sofort wie einen Schatz daheim einzubuddeln und zu warten, was passiert, – wie damals als Kind. Offenbar empfinden viele Menschen diese neue Lust auf eine alte „Handwerkskunst“. Sie möchten wieder lernen zu pflanzen und zu ernten, möchten ihr eigener Gartenherr sein – auch in den Städten.

Der Pflanz-Effekt: Annette Fehrholz spricht, als sei sie gewöhnt, von ganz vorne zu beginnen, wenn es um alte Sorten und Saatguterhaltung geht. Sie unterrichtet auch an Schulen und hat die Geduld derer, denen die Sache am Herzen liegt. Sie weiß, dass die moderne Arbeitswelt keine Zeit für die Pflege eines großen Nutzgartens mehr lässt, und denkt auch nicht, dass nur der gut leben könne, der seine Kartoffeln und Erbsen selbst anbaut und auch, dass das Rad nicht zurückgedreht werden kann, aber sie sagt: „Ich bin der Meinung, dass eine Rückkehr zu regionaler Landwirtschaft und eine intensivere Beschäftigung der Menschen mit den Nahrungspflanzen auch einen positiven Effekt auf unsere Gesellschaft hätte.“

Annette Fehrholz schwärmt von den Aromen vieler alter Sorten. Wer kennt schon den Geschmack der Trockenbohne Ahrtaler Köksje, des Hunsrücker Schnittmangolds, der Buschbohne Schwarze Kugel, der Monstranzbohne, der Trierer Zuckererbse Kristallglas oder der Tomate Lämpchen? Diese und noch viel mehr Pflanzen mit wohlklingenden Namen wachsen in dem Sortengarten, den der Verein seit dem vergangenen Jahr zusammen mit dem Demeterhof Breit in Wittlich betreibt. Die Saatgut-Aktivistin ist sich bewusst, dass sie über Ästhetik und Genuss mehr Menschen erreichen kann als mit Gesellschaftskritik: „ Wer sich in die bunten Farben, Formen und den tollen Geschmack verliebt hat, ist eher bereit, für den Erhalt der Sorten zu kämpfen …“

Die Erhaltung regionaler Nutzpflanzen ist aus ihrer Sicht inzwischen auch ein Lifestyle-Thema, für das sich viele Menschen interessierten. Das spürt auch der Bengeler Verein, dessen Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren auf mehr als 220 gestiegen ist. Die Szene sei vielfältig: Es gebe neben denen, die nie aufgehört haben zu gärtnern, Konsumverweigerer, Umweltaktivisten, vor allem Gesundheitsbewusste und eben die Genießer. Dazu gehört auch die Slowfood-Bewegung, die sich auch der Pflege regionaler Sorten verschrieben hat. Annette Fehrholz spricht von einer Sehnsucht nach Landlust und einer Art Neo-Biedermeier. Ein selbst gewählter Luxus. Unsere Vorfahren pflanzten, um zu (über-)leben.

Der Vielfalt wegen: Aber warum ist der Erhalt von alten Nutzpflanzen und deren Saatgut überhaupt nötig? An den Ständern mit den bunten Samentütchen in den Geschäften herrscht doch eine größere Vielfalt denn je. Hobbygärtner können aussäen, was das Herz begehrt: Radicchio, Zucchini oder Tomaten-Sorten wie diese, gab es hier früher gar nicht. Für eine Saatgut-Aktivistin wahrscheinlich ein naiver Einwand, aber Annette Fehrholz lässt sich nichts anmerken. „Drei Viertel aller Kulturpflanzen sind in den vergangenen 100 Jahren verschwunden. In den Industriestaaten sind es sogar 90 Prozent“, sagt sie. Es herrsche eine vermeintliche Vielfalt, global seien viele Sorten zurückgedrängt worden. Die Saatgutindustrie züchte moderne Hochertragssorten nach für sie wichtigen Kriterien. „Dazu gehören die Transportfähigkeit, gute Lagerung, Haltbarkeit und gleichmäßige Reifezeit“, zählt sie auf.

Der Saatguterhalter-Szene gehe es auch um Beständigkeit: Wer wie die Industrie eine Sorte für alle Standorte züchte, riskiere, dass sie nicht überall funktioniere, meint Annette Fehrholz. Die alten Sorten aus der Region wie die Hunsrücker Stangenbohne zum Beispiel seien den klimatischen Verhältnissen im rauen Mittelgebirge besser angepasst und demnach robuster. Der Klimawandel mache eine regional typische, robuste Pflanze immer wichtiger, meint die Vorsitzende des Bengeler Vereins und spricht von „Saatgut-“ und „Ernährungssouveränität“ in schlechten Zeiten als einem demokratischen Gut.

Samenfest oder nicht: Aber warum gibt es die alten Sorten wie die Bengeler Zuckererbse und die Hunsrücker Stangenbohne dann überhaupt noch? Warum sind sie noch nicht ausgestorben? „Es haben einige Sorten auf dem Land bei den Bauern und Gärtnern überlebt“, sagt Annette Fehrholz, „das Saatgut wurde in vielen Gärten gewonnen und in den Dörfern untereinander getauscht, so erhielt man einen breiten Genpool.“

Die Sorten, deren Samen Jahr für Jahr wieder ausgesät werden können, werden samenfest genannt. Das gelte jedoch lange nicht für alle Pflanzen. Die Expertin erklärt: „Moderne Sorten lassen sich in der Regel nicht gut vermehren, denn die sogenannten F1-Hybride (siehe Extra) prägen die besonderen sortentypischen Eigenschaften nur einmal aus und geben sie nicht über das Saatgut an ihre Nachkommen weiter. Es muss also jedes Jahr neuer Samen gekauft werden. Traditionelle, samenfeste Sorten muss man nur einmal kaufen und kann sie dann immer weiter vermehren und sich so auch seine eigene Haus- und Hofsorte züchten.“

Tauschen und teilen: Auf Initiative des Bengeler Vereins ist eine Saatgutsammlung für die gesamte Region Mittelmosel-Eifel-Hunsrück mit über 300 Sorten von Zier- und Nutzpflanzen entstanden. Drei Dutzend Gärtner kümmern sich gemeinsam um die Vermehrung. Man kennt sich, und es gibt einen regen Kontakt auch mit Mitstreitern in der Region und darüber hinaus. Die Szene tauscht und teilt.

Denn das Verkaufen nicht zugelassener Sorten ist in Deutschland nicht erlaubt. Das sieht das Saatgutverkehrsgesetz (siehe Extra) so vor, das zum Schutz der Landwirtschaft vor minderwertigen Sorten gedacht sei, erklärt Annette Fehrholz.

Der Text ist bereits in der Frühjahrsausgabe von glanzvoll, einem Magazin des Trierischen Volksfreunds, erschienen.