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Was vom Krieg sichtbar bleibt

Liegt versteckt: Wittlichs Ehrenfriedhof ist der zweitgrößte im Landkreis. TV-Foto: Klaus Kimmling
Liegt versteckt: Wittlichs Ehrenfriedhof ist der zweitgrößte im Landkreis. TV-Foto: Klaus Kimmling
Wittlich. Wittlichs Geschichte als Soldatenstadt begann am 11. November 1938: Eine neue Infanterie- und eine Panzer-Abwehr-Kaserne wurden einzugsbereit dem Militär übergeben. Sieben Jahre später waren viele Soldaten tot. Ihrer wird im großen Stil nur am Volkstrauertaggedacht. Dabei ist der Friedhof, auf dem auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter beerdigt sind, ein äußerst geschichts trächtiger Ort. Sonja Sünnen

Wittlich. Die Kriege und ihre Toten. Dafür gibt es manchmal Orte: vom anonymen Massengrab bis zur individuellen letzten Ruhestätte mit Namen, Lebensdaten. Auch in Wittlich gibt es mitten in der Stadt seit 55 Jahren einen Platz am Friedhof Burgstraße, der ein Ort für Kriegstote ist, hauptsächlich Soldaten.
Widmung an 462 Menschen


Wer das schmiedeeiserne Tor der städtischen Anlage hinter sich lässt und dann den Hauptgang wählt, für den ist diese besondere Gedenkstätte unübersehbar: Erst stehen links und rechts des Weges steinerne Kreuze mit Namen von Gefallenen des Ersten Weltkriegs, dann erheben sich drei riesige Stelen aus Kyllsandstein, auf deren Rückseiten unzählige Namen eingemeißelt sind. Die Namen sind geordnet. Über ihnen steht etwa: 1914 in Burgund gefallen, 1917 im Westen gefallen, in Russland 1944 vermisst, in Schlesien 1944 gefallen, durch Bombenangriff auf Wittlich am Heilig Abend 1944: Auch toter Zivilisten wird gedacht.
Hier stand vor einem Jahr Ministerpräsident Kurt Beck: Das Ehrenmal war Ort der landesweiten zentralen Feier am Volkstrauertag, ansonsten ist er jährlich an diesem Novembertag der Platz für die städtische Gedenkfeier.
Wer ein paar Meter weitergeht, kommt zu einer Grenze, einer Steinmauer, in der sich ein Rundbogen öffnet. Neben ihm hängen Überreste von einem aus dem Stadtbild verschwundenen Kriegerdenkmal. Es stand am Schlossplatz nahe dem Alten Bahnhof. Vier schwarze Platten sind übrig, auf denen zu lesen ist, dass der damalige "Kreis Wittlich seinen tapferen Kriegern" (1866, 1870/71) gedenkt und "Enthüllt am 100jährigen Geburtstag Kaiser Wilhelms des Großen". Hinter dem Rundbogen liegt ein Rasenstück mit vereinzelten Kreuzen. Zwischen dem Gras liegen Plaketten: "Unbekannt" steht darauf oder ein vollständiger Name, manchmal mit Geburts- und Todesdatum: Das ist der zwischen 1954 bis 1957 entstandene Soldatenfriedhof.
Gelände gehörte Naziopfern


"Wir gedenken unserer Gefallenen und Vermissten 1939 - 45" kann man auf zwei Tafeln an der Mauer lesen: Gestiftet von der Panzer-Jäger-Abteilung 34 Wittlich und vom dritten Infanterie-Regiment 105 (III./IR 105) Wittlich: Das Militär war 1938 in die beiden neuen Kasernen nach Wittlich gekommen. Schätzungsweise 1500 Soldaten hatte die Garnisonsstadt, die nach dem Krieg vom französischen Militär übernommen wurde und heute Einkaufs- und Wohngebiet Vitelliuspark ist: An die Militärgeschichte erinnern allenfalls Straßennamen wie "Alte Garnison".
Auf dem Ehrenfriedhof (nach Plänen des Architekten Karnatz) ist das anders. 462 Menschen sind als Kriegstote in Wittlich beerdigt: überwiegend Soldaten, aber auch Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Opfer des Bombenangriffs an Weihnachten. Schon im Kriegsjahr 1945 wurde ein Soldatenfriedhof angelegt.
Die heutige Anlage, wohin dann umgebettet wurde, machte aber erst ein Grundstückskauf der Stadt 1950 von Max Ermann, damals in Amerika lebend, möglich: Die jüdische Familie Ermann aus Wittlich war unter den Nazis enteignet worden, musste fliehen: Otto Ermann starb in Auschwitz, Al fred Ermann und seine Frau wurden in Sobidor ermordet. Ihre vier Söhne überlebten in einem Versteck in den Niederlanden. Auf ihrem früheren Grundstück wird seit 2000 auch der Verfolgten und Geschundenen des KZ-Außenlagers 879 Wittlich und aller Opfer des Nationalsozialismus gedacht: Ein Mahnmal von Jürgen Waxweiler steht am Rand des Rasenstücks. Es war gar nicht für den Soldatenfriedhof gedacht. Dort, wo das Lager war, in der Sankt-Rochus-Siedlung, sollte es stehen. Weil nicht alle damit einverstanden waren, kam es vor zwölf Jahren auf den Ehrenfriedhof. Kein unbelasteter Ort: So gehört er zur tragischen Geschichte des jungen Maurice Gould, von Gestapo und SS misshandelt, im Außenlager Wittlich gestorben und auf dem Friedhof beerdigt. Jahrzehnte später wurde er exhumiert und in seine Heimat Jersey überführt. Ein Zitat seiner Familie ist überliefert. "Er soll nicht auf einem deutschen Militärfriedhof begraben sein, umgeben von Deutschen, von denen einige bei der SS waren. Wir sind dankbar, dass er nicht vergessen wurde und dass er am Ende nach Hause kommen wird." Auch das gehört zur besonderen Geschichte der Wittlicher Erinnerungsstätte.Extra

Im Kreis befinden sich 1380 anerkannte Kriegstote als Einzelgräber (EG) sowie eine unbestimmte Zahl von Toten in elf Quadratmetern Sammelgrabflächen. Zu den größeren Kriegsgräberstätten zählen der Ehrenfriedhof (EF) Himmerod (577 EG) und vier Quadratmeter Massengrabfläche, EF Wittlich (462 EG), Platten (62), Bernkastel-Kues mit drei Kriegsgräberstätten: Kues (40), alter evangelische Friedhof (29), Bernkastel (15) sowie Traben-Trarbach (15 und 22) sowie Enkirch (29) und Thalfang (22). Anerkannte Kriegsgräber befinden sich auch in Graach (2), Kleinich (7), Longkamp (3), Maring-Noviand (3), Monzelfeld (1 EG und zwei Quadratmeter Sammelgrab), Ürzig (2), Bengel (1), Kröv (4), Manderscheid (4), Bettenfeld (3), Großlittgen (7 EG und drei Quadratmeter Sammelgrab), Laufeld (2), Meerfeld (1), Niederöfflingen (2), Niederscheidweiler (2), Pantenburg-Bucholz (4), Hinzerath (1), Hundheim (1), Wederath (1), Neumagen-Dhron (8), Piesport-Niederemmel (13), Minheim (6), Malborn (2), Büdlich (8), Bergweiler (1), Heidweiler (7) , Hupperath (4). sos Quelle: ADD TrierExtra

Pflege der Anlage: Die Stadtwerke Wittlich kümmern sich um die Anlage und erhalten 10 164 Euro im Jahr für die Pflege der 2400 Quadratmeter. Dazu erklärt Raimund Schneider, ADD Trier: "Durch das Gesetz zum Schutz und zur Sicherstellung der Gräber von Opfern von Gewaltherrschaft und Krieg sind bundesweit Kriegsgräberstätten mit einem dauerhaften Ruherecht belegt." Dafür gibt es eine Pflegepauschale vom Bund. Unterstützt werden soll das Gedenken an die Kriegstoten (Soldaten, zivile Bombenopfer, Vertriebene, Zwangsarbeiter Euthanasieopfer) sowie die Mahnung für eine friedliche Zukunft. "Nach meinem Dafürhalten hat auch heute, oder gerade in der jetzigen Zeit, die zweite Säule - Bausteine für den Frieden - nach 67 Jahren ohne Krieg in Westeuropa eine außerordentlich wichtige Bedeutung", sagt Raimund Schneider. sos