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Wenn der Vater ins Gefängnis muss

Für die meisten Frauen kommt es wie ein Schock. Plötzlich fällt der Partner, der Vater ihrer Kinder und der Ernährer der Familie weg. Wenn ein Mann ins Gefängnis geht, bleiben seine Angehörigen mit ihren Problemen und den Alltagsfragen allein zurück. Seit Dezember haben sie in dem Modellprojekt "Rückenwind" in Wittlich eine Anlaufstelle, wo sich zehn ehrenamtliche Mitarbeiter unter der Leitung der Diplompädagogin Melanie Bonifas um sie kümmern. Von unserer Mitarbeiterin Sybille Schönhofen

Wittlich. "Das Angebot wird gut angenommen", zieht Melanie Bonifas eine Bilanz nach dem ersten Vierteljahr. Kontakte im kleinen dreistelligen Bereich könne das Projekt verzeichnen. "Aber es könnte besser sein", schickt sie hinterher. Daher plant sie mit ihren Mitarbeitern an den besucherstarken Samstagen einen Informationsstand am Haupteingang der JVA. "Die Hemmschwelle bei den Frauen ist noch sehr hoch. Wir müssen auf sie zugehen."

Einige unter den 600 Besuchern, die monatlich in die JVA kommen und den Weg zu "Rückenwind" gefunden haben, kommen immer wieder. Sie fühlen sich erleichtert, wenn sie nach dem Besuch in der JVA über das Erlebte sprechen können. Sie stellen Fragen über die Abläufe im Gefängnis, und sie suchen Unterstützung im Behördendschungel, beispielsweise, wenn es um finanzielle Fragen geht, mit denen die meisten Schwierigkeiten haben. Da viele Angehörige eine weite Anreise bis nach Wittlich hatten, sind sie auch froh, eine Toilette benutzen zu können. Eine große Erleichterung bietet Familien die Möglichkeit der Kinderbetreuung im Aufenthaltsraum von Rückenwind. So wie bei der holländischen Familie, die zu fünft anreiste, ohne zu wissen, dass nicht mehr als drei Angehörige zu dem Inhaftierten vorgelassen werden. Zwei der Kinder konnten im Aufenthaltsraum von Rückenwind warten, wo es Spiele, Bücher und Malsachen gibt.

Die eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeit mit ihrem Mann ist eins der größten Probleme für die Frauen, die bei "Rückenwind" Tipps erhalten, wie sie die Beziehung aufrecht erhalten können. Ist es möglich zu telefonieren? Lesen die Beamten persönliche Briefe? Wie erreichen Geburtstagspakete die Männer?, sind Fragen, die sie bewegen.

Ist der Mann erst hinter Gittern, bleiben nur 120 Minuten im Monat Besuchszeit, um sich zu sehen und zu besprechen, was die Familien bewegt. Besonders die Kinder leiden darunter, erzählt Bonifas. Häufig quält sie die Ungewissheit. Denn viele Mütter verschweigen ihnen, dass ihr Vater im Gefängnis ist. Wenn sie während der Besuchszeit im Spielzimmer von "Rückenwind" auf ihre Mütter warten, zeigen sie auf die gegenüber liegende Haftanstalt und erklären Melanie Bonifas, dass ihr Vater "in dieser Fabrik" arbeite. Warum er aber nie nach Hause komme, fragen sie sich. Misstrauen gegenüber der Mutter baut sich auf. "Wie sage ich es meinem Kind?", lautet daher eine Frage der Frauen, die Melanie Bonifas und die Erziehungsberaterinnen mit ihnen zu klären versuchen.

Diese Form der Hilfe muss weiterlaufen, fordert Hans-Peter Pesch, ehrenamtlich zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei "Rückenwind". Allerdings läuft die Finanzierung durch das Bistum und die Lotterie Glücksspirale Ende 2012 aus. Wie es dann weitergeht, ist noch ungewiss.

EXTRA RÜCKENWIND



Das Projekt Rückenwind hat seine Räume in der Hauptstraße 99 in Wittlich. Die Öffnungszeiten sind an die Besuchszeiten in der Haftanstalt angelehnt: Montag bis Freitag sowie an jedem zweiten Samstag im Monat 9 bis 12 Uhr und 12.30 bis 15.30 Uhr. Träger des Modellprojekts ist der SKM in Trier als Fachverband der Caritas. Kontakt: E-Mail: info@rueckenwind-wittlich.de Info: www.rueckenwind-wittlich.de, Telefon 06571/1472528. sys