| 20:34 Uhr

Wie aus einem Wasserturm eine Ferienwohnung wird

Dhronecken. Der Wasserturm Dhronecken versorgte früher die Dampflokomotiven der Hunsrückbahn. Während des Zweiten Weltkriegs fuhren dort sogar Züge mit V2 Raketen entlang, wie ein Zeitzeuge sich erinnert. Heute verbringen Touristen ihren Urlaub in dem imposanten Gebäude. Christoph Strouvelle

Dhronecken. Ruhiges Leben bestimmt das Ambiente rund um den historischen Wasserturm in Dhronecken. Auf den Weiden neben der kleinen Dhron grasen insgesamt 15 Pferde.
Nadja van Merwijk, die seit 2008 auf dem Gelände wohnt und dort in den nächsten Wochen mit dem Bau einer Reithalle beginnen will, fährt mit einer Schubkarre über das Gelände. Nur einige Hunde, die mit ihrem Gebell jeden Besucher melden, unterbrechen die friedliche Stimmung im Schatten des 24 Meter hohen Wasserturms.
Van Merwijk will dort oben Ferienwohnungen einrichten, sobald sie die erforderlichen Genehmigungen erhalten hat. "Es soll etwas Besonderes entstehen, mit Stil, für Leute, die etwas zu feiern haben", sagt sie.
Versorgung für Dampfloks


Ursprünglich war der Turm gebaut worden, um die Dampflokomotiven auf der Strecke von Simmern nach Türkismühle mit Wasser zu versorgen, sagt Manfred Paulus. Er wohnt in den ehemaligen Bahnhofsgebäuden auf der anderen Seite der stillgelegten Bahnlinie. Dort hatte er auch seine Kindheit verbracht. Zwei Wasserkräne hatten zur Verfügung gestanden, um die Dampflokomotiven mit dem Wasser aus dem Turm zu befüllen, erinnert er sich. Aus einem Brunnen ist das Wasser in den Turm gepumpt worden. An das Fassungsvermögen kann er sich nicht mehr erinnern, schätzt es aber auf 20 000 Liter.
Die Bahnhofsgebäude auf der anderen Seite der Gleise sind wie der Wasserturm um 1900 errichtet worden, sagt Paulus. Die drei Bauwerke bilden ein harmonisches Ensemble. Im ehemaligen Wohngebäude für die Bediensteten der Bahn lebt Paulus heute selbst. Daneben befindet sich in einem separaten Gebäude der ehemalige Petroleumraum. Der Brennstoff wurde für die Signallampen an dem Bahnhof benötigt. "Da musste jemand hochklettern, das Petroleum nachfüllen und anzünden, damit die Signallampen leuchteten", sagt Paulus.
Auf der Rückseite des Petroleumraumes befand sich der Stall für die Tiere des Bahnangestellten. Das eigentliche Hauptgebäude mit dem ehemaligen Stellwerk ist heute eine Ferienwohnung. Der 79-Jährige kann sich aus seiner Kindheit noch gut an die Zeiten erinnern, als etwa 100 Männer aus Hilscheid, Lückenburg, Burtscheid und Malborn vom Bahnhof Dhronecken mit dem Zug aus dem armen Hunsrück zur Arbeit in die Stahlhütten nach Völklingen und Dillingen im Saarland gefahren sind.
"Am Wochenende kamen Himmel und Menschen an den Bahnhof, um die Arbeiter abzuholen", sagt er. Denn die Männer brachten den wöchentlich in bar ausgezahlten Lohn mit, den ihre Familien zum Bestreiten ihres Lebensunterhalts dringend benötigten. Aber auch für die Menschen, die zu Hause geblieben sind, war der Bahnhof wichtig. "Die Bauern kamen mit Fuhrwerken, in die Kühe eingespannt waren, um ihre Güter abzuholen", sagt Paulus. Pferde konnten sich damals nur Wohlhabende leisten.
Als kleiner Junge hat er auch Transporte während der Hitler-Diktatur gesehen, die den Bahnhof passiert haben. Dazu gehörten Juden in Viehwaggons mit gelbem Stern sowie Kanonen, Geschütze und Soldaten, die zu Beginn des Krieges zur Front gefahren wurden und sich gegen Ende wieder per Bahn zurückgezogen haben. Raketen der Typen V1 und V2 sind abgeladen und weiter zum Erbeskopf transportiert worden, um dort gegen England abgeschossen zu werden.
Auf dem Berg unweit des Bahnhofs war seinerzeit ein zweiter Wasserbehälter gebaut worden, damit die Lokomotiven weiter versorgt werden konnten, falls der Wasserturm beschossen werden sollte. Der Ersatzbehälter existiert nicht mehr, im Gegensatz zum historischen Wasserturm, um den Kinder und Feriengäste heute entspannt reiten können.