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Wie Fans die Sekunden mit dem WM-Pokal erleben

Gebanntes Warten: Viele Fußballfans warten darauf, den WM-Pokal zu sehen. TV-Fotos (7): Klaus Kimmling (4), Florian Schlecht (3)
Gebanntes Warten: Viele Fußballfans warten darauf, den WM-Pokal zu sehen. TV-Fotos (7): Klaus Kimmling (4), Florian Schlecht (3) FOTO: klaus kimmling (m_kreis )
Wittlich-Neuerburg. Da ist das Ding! Einen Tag lang hat der Kreisligist SV Wittlich-Neuerburg den WM-Pokal ausgestellt. Ja genau, die Trophäe, die im vergangenen Jahr die Fußball-Nationalspieler gewonnen haben. Viele Fans genossen den Tag. Florian Schlecht


Bericht: Florian Schlecht, Kamera/Schnitt: Stefanie Braun

Wittlich-Neuerburg. Er ist nur 36,8 Zentimeter hoch, fast 6,2 Kilogramm schwer und hält ein ganzes Dorf auf Trab. Einen Tag durfte der SV Neuerburg den WM-Pokal ausstellen, den die deutsche Nationalmannschaft vor einem Jahr in Rio de Janeiro gewonnen hat. Wo die Fußballer ansonsten in der Kreisliga C kicken, da gehörte ihnen nun für einen Tag lang die Trophäe, bei der nicht nur Kinderaugen leuchten. Ebenso viele Erwachsene pilgerten auf die Anlage und kletterten in einen großen Truck, um den darin aufgestellten begehrten Pokal zu sehen. Wenn auch nur für wenige Sekunden. Ein kurzer Blick, ein Blitz, ein Foto - dann war der Moment schon vorbei.

Den Besuchern war\'s egal. Sie genossen die Zeitreise zurück in das vergangene Jahr, als Mario Götze durch sein Siegtor im Finale gegen Argentinien ein ganzes (Fußball-)Land in Freudentaumel versetzte. Gebannt starrten sie auf die Leinwand, auf der die Bilder rauf und runter liefen. Und auch zum Lachen gab es was. An einem Kleiderhaken hing das Dirndl, das Nationalspieler Thomas Müller tragen musste, weil er eine Wette verloren hatte. Und egal, ob Fans, die Begleiter oder Vereinsmitarbeiter - sie alle hatten dem TV ihre Geschichte von dem Tag zu erzählen.

Die Fans: Als Mario Götze das Tor zum Weltmeistertitel schoss, fiel die Bierflasche von Christoph Metzger auf den Boden. Sein Sohn Connor hatte sie beim Jubeln umgestoßen. "Mein Papa war aber nicht böse", sagte der Zehnjährige aus Starkenburg, als er vor dem Truck wartete und ganz nervös auf seinem Handy tippte. Neben ihm lächelte Emily Feldmann in Dauerschleife. Die Zwölfjährige aus Traben-Trarbach durfte früher raus aus der Schule. Um den Pokal zu sehen. "Ich bin richtig aufgeregt. Thomas Müller hat den in der Hand gehalten." Müller ist ihr Idol. Dann steigen beide in den Truck. Sie hören durch Lautsprecher die wichtigsten Fernsehkommentare zum WM-Sieg. Das Tor von Mario Götze. Den Abpfiff. Den Jubel. Und dann durften sie ihn endlich sehen, den Pokal. "Das war toll", sagte Emily Feldmann. "Auch wenn er anders ist, als ich ihn mir vorgestellt habe. Irgendwie kleiner."

Christoph Metzger, der Vater von Connor, stand daneben und grinste. "Die DVD mit dem WM-Sieg sehe ich mir bestimmt noch einmal im Monat an", sagte der Fan, der den 4:0-Vorrundensieg gegen Portugal sogar im Stadion sah. Fröhlich zeigte er die Bilder, die er auf dem Smartphone gespeichert hat. Dann ging es raus aus dem Truck. Eine Bierflasche hat diesmal in der Euphorie nicht geklirrt. Doch ein Lächeln hatten beide wieder im Gesicht - wie vor einem Jahr.

Die Begleitung: Wo die Kinder in der Grundschule Bombogen ansonsten Deutsch und Mathe lernen, da konnten sie einen Tag lang nur an Fußball denken. Lehrerin Katharina Thull stiefelte mit ihrer Klasse nach Wittlich-Neuerburg, um den WM-Pokal zu sehen. "Die 40 Minuten Fußmarsch bei der Hitze haben den Kindern in diesem Fall nichts ausgemacht", erzählte sie lachend. Schon in der Schule war die Aufregung groß. "Die Kinder haben geklatscht und gesungen." Und zwar das Lied "Auf uns" von Andreas Bourani, das zum großen WM-Hit avancierte. Den Pokal aus nächster Nähe zu sehen, war für ein Kind ein ganz besonderes Erlebnis, wie Thull berichtete. "Ein Junge sagte zu mir: Das ist der schönste Tag meines Lebens."

Der Vorsitzende: So ein Mist, dachte Markus Jungbluth, der Vorsitzende des SV Neuerburg, am Morgen des großen Tages. Ein Stromaggregat war ausgefallen. Und das nur wenige Minuten, bevor der Truck mit dem WM-Pokal anrollte. Wochenlang hatten die Mitglieder des Vereins ehrenamtlich geackert, um auf das Ereignis vorbereitet zu sein. Und nun das. Nach einem kurzen Telefonat mit der Stadt war aber schnell der Strom da. Die Mühe lohnte sich. Das spürte Jungbluth spätestens, als er den WM-Pokal aus nächster Nähe sah. Ein Wort fällt ihm ein, mit dem er seine Gefühle beschreibt: "Gänsehaut."

Und so ging es vielen Mitgliedern des Vereins. 60 Helfer packten mit an, damit nichts schief geht. Dass der SV Neuerburg überhaupt zu der Ehre mit dem Pokal kam, hat einen kuriosen Grund.
Die Bewerbung klappte, weil der Club zu dem Zeitpunkt in der Kreisliga B mit 100 Gegentoren und null Punkten Letzter war. Logisch: Bei so viel Pech hatten sie den Pokal einfach verdient. Jungbluth gefiel der so gut, dass er ihn auch daheim bei sich in die Vitrine stellen würde. Und als Vereinsvorsitzender wusste er um die historische Bedeutung des Tages: "Das ist der größte Moment in unserer Geschichte."Extra: Nachricht für Kinder

Ganz ehrlich: Welcher Fußballfan hat noch nie davon geträumt, den WM-Pokal in den Händen zu halten? Alle vier Jahre messen sich Sportler aus aller Welt, um den Titel zu gewinnen. Eins der erfolgreichsten Länder aller Zeiten ist Deutschland, das sich viermal als Weltmeister feiern lassen durfte - in den Jahren 1954, 1974, 1990 und 2014. Die erste Weltmeisterschaft gewann Deutschland aber nicht. Da jubelte Uruguay, ein Land in Südamerika. An diesem Turnier nahmen nur 13 Mannschaften teil, weil Menschen im Jahr 1930 nicht so einfach und günstig mit dem Flugzeug fliegen konnten wie heute. Sie mussten eine lange Schiffsreise auf sich nehmen. Darauf hatten viele Fußballer in Europa keine Lust. Mittlerweile beteiligen sich an den Weltmeisterschaften immer 32 Mannschaften. Und, ein kleiner Trost: Nicht nur wir träumen davon, den Pokal mal zu gewinnen. Lionel Messi und Cristiano Ronaldo gelten momentan als beste Fußballer der Erde. Weltmeister waren beide aber noch nie. florExtra: Besucherstimmen

Hans-Gerd Sartoris: Ich habe den WM-Pokal schon einmal in Trier gesehen, empfinde das aber für Neuerburg als eine ganz tolle Sache. Es wäre schön, wenn ich dem Pokal noch einmal in meinem Leben so nah kommen dürfte. Dann würde ich nämlich noch einen Weltmeistertitel erleben.
Thomas Brehl (Betreuer beim SV Neuerburg): Wir dürfen stolz darauf sein, dass wir unter Tausenden von Bewerbern ausgewählt wurden. Das ist was Besonderes und bedeutet für uns auch eine ganz neue Anstrengung. Ansonsten haben wir jedes Jahr ein Sportfest, bei dem wir einen Bierstand und eine Frittenbude aufbauen. Hier müssen wir schon mehr anbieten.
Jan Kohlei: Ich habe einfach nur eine Gänsehaut. Besonders gut gefallen hat mir die Beschallung mit dem Siegtor im Finale. Den WM-Pokal nur anschauen und nicht anfassen zu dürfen, empfinde ich nicht als tragisch. florExtra: WM-Pokal

Der WM-Pokal wird auf Tour durch ganz Deutschland geschickt. 63 Amateurvereine dürfen ihn einen Tag lang ausstellen. Sie haben sich beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) dafür beworben. Den wirklich echten Pokal, den Bastian Schweinsteiger & Co. vor einem Jahr in Rio de Janeiro bekommen haben, präsentieren sie den Fans aber nicht. Diesen dürfen die Fußballer nur nach dem WM-Finale in die Hände nehmen - und dann geht er wieder zurück in den Tresor des Verbandes Fifa. Immerhin bekommen die Spieler eine Kopie des Pokals mit nach Hause, die sie dann den Fans zeigen. Wie in Wittlich-Neuerburg. Anfassen durften Besucher diesen übrigens auch nicht - die Ehre ist nur Fußballern vorbehalten, die Weltmeister sind. flor

Da ist es, das Objekt der Begierde.
Da ist es, das Objekt der Begierde. FOTO: klaus kimmling (m_kreis )
Den Spaß, seinen Kopf in ein riesiges Mannschaftsfoto zu stecken, lassen sich auch die TV-Reporter nicht nehmen.
Den Spaß, seinen Kopf in ein riesiges Mannschaftsfoto zu stecken, lassen sich auch die TV-Reporter nicht nehmen. FOTO: klaus kimmling (m_kreis )
Den Startschuss zum Pokalgucken geben die Neuerburger Böllerschützen. In ihrer Reihe ist auch das Dirndl zu sehen, das Nationalspieler Thomas Müller beim Frühstück mit der Mannschaft getragen hat – weil er eine Wette verlor.
Den Startschuss zum Pokalgucken geben die Neuerburger Böllerschützen. In ihrer Reihe ist auch das Dirndl zu sehen, das Nationalspieler Thomas Müller beim Frühstück mit der Mannschaft getragen hat – weil er eine Wette verlor. FOTO: klaus kimmling (m_kreis )