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Wiedersehen und Kennenlernen bei der Signierstunde mit Wittlicher Künstler Tony Munzlinger

Signierstunde mit Toni Munzlinger. TV-Foto: Klaus Kimmling
Signierstunde mit Toni Munzlinger. TV-Foto: Klaus Kimmling FOTO: Klaus Kimmling
Wittlich. Heimspiel für Tony Munzlinger: Der Wittlicher und Wahl-Italiener besucht zur Signierstunde seines "Wittlich einmal anders"-Plakates seine Heimatstadt, der er auch einen Großteil seines künstlerischen Erbes vermacht hat. In der Alten Posthalterei wird im Juli die "Casa Tony M." mit seinen Werken öffnen. Offensichtlich eine vielversprechende Idee. Der Andrang zeigt: Der Maler und Zeichner hat einen Riesen-Fanclub. Sonja Sünnen

Künstler Tony Munzlinger kommt, alle wollen ein Autogramm und ihn persönlich treffen. Bevor mehr als 200 Menschen im Obergeschoss der Alten Posthalterei in Wittlich mehr als eine Stunde plaudernd Schlange stehen, um seine Signatur zu bekommen, hat der Künstler Zeit für ein Interview. Ein Gespräch mit ihm ist wie seine Bilder: überraschend, ironisch, menschlich, klug, speziell, auf keinen Fall vorhersehbar oder gar langweilig. Die Themen:

Das Plakat: "Ich habe mir da die kuriosen Sachen ausgesucht. Ich habe die Stadt ja noch gekannt, bevor sie zerbombt wurde. Dazu hatte ich auch alte Fotos. Daraus habe ich dann alles zusammengewürfelt und gefärbt." Das Originalwerk ist im Besitz von Thomas Weinsberg. Der sagt: "Das war damals ein Geschenk meiner Mutter zu unserem Hochzeitstag. Es vereint ja sämtliche Baustile. Da sind sonst bei uns alle dran vorbeigelaufen. Jetzt hatten wir Kommunion. Das war schon komisch, als da die ganze Kommunionsgesellschaft plötzlich das Bild bewundert hat."

Der Andrang: "Sind die wahnsinnig? Ist dat hier ein Fußballspiel?", sagt Tony Munzlinger, als er sieht, wie viele Menschen kommen und: "Das ist die größte Belastung, die es für mich gibt, so viele Menschen. Ich lebe in Italien ja ganz allein und rede manchmal zwei Wochen mit keinem Menschen. Wenn zur Vernissage im Juli so viele kommen, werde ich wahrscheinlich verstorben sein oder mir ein Bein gebrochen haben."

Der Ort: In der Alten Posthalterei am Marktplatz soll auch am 3. Juli die Eröffnung der "Casa Tony M." sein: In den beiden Obergeschossen werden dann Munzlingers Werke gezeigt, die er der Stadt per Schenkung vermacht hat. "Meine erste Erinnerung ist noch von früher, als wir beim Säubrennerfest hier immer auf der Treppe gesessen haben. Das war unser fester Stammplatz. Dann habe ich jetzt vor ungefähr vier Jahren, als es spruchreif werden sollte, dass das restauriert wird, mit dem Achim Rodenkirch mal gesprochen, was hier denn hin soll. Da hat man die Idee entwickelt. Falls das ein Museum werden sollte, habe ich damals die Schenkung offeriert. Das Haus ist fantastisch schön geworden. Das Einzige: Da sollte man irgendwas anbringen, dass die Leute wissen, wo man reingeht. Das ist ja ein Labyrinth!"

Die Schenkung: "Das ist viel Zeug. Ich war froh, dass wir ohne Probleme über drei Grenzen kamen, ohne kontrolliert worden zu sein. Das hat mich schon gewundert. Es sind allein 3000 Zeichnungen, all die Sachen aus meinem Archiv: die Originale aus den satirischen Büchern über Jäger, Ärzte, Musiker, viele Gemälde. Sehr viel Totentanz! Da werden sich die Leute erschrecken! Sehr viel auch für Kinder. Bilder, die noch nie ausgestellt waren. Die Namibia-Sachen, die Originale zu den Filmen, die Radierplatten … Damit kann man immer wieder Wechselausstellungen machen. Es war mir wichtig, dass meine Kinder untergebracht sind und dass der ganze Querschnitt zusammenbleibt. Etwa der Totentanz. Da war die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf dran interessiert. Die haben ja die größte Totentanz-Sammlung der Welt."

Das Alter: "Ich gehe zum Beispiel nicht mehr gerne ins Restaurant, weil die Hände zittern. Ich habe mich auf Parkinson untersuchen lassen. Aber das ist normaler Alterstremor. Das habe ich, wenn ich schreiben muss, und bei der Suppe schlabbere ich. Aber wenn ich zeichne, ist die Hand absolut ruhig. Das ist wohl fest im Gehirn verankert. Darüber bin ich froh, sonst könnte ich mich ja erschießen oder müsste einen neuen Stil erlernen."

Die Kindheit: "Ich war immer viel draußen unterwegs, schon als Vier- und Fünfjähriger! Wenn wir später in der Schule eine Klassenarbeit geschrieben haben, bin ich lieber die Lieser hoch und habe mich frei gefühlt. Einmal habe ich Pech gehabt, und der Lateinlehrer sagte: ,Du kommst mir nicht davon.' Ich musste also die Arbeit über unregelmäßige Verben bei ihm zuhause nachschreiben. Da konnte ich noch zwei Tage pauken und hatte zum Glück das beste Ergebnis. Ich war gern draußen bis hoch zur Alten Pleiner Mühle oder über die Felder. Manchmal wurde es spät und ich habe mich dann bei Vollmond auf den Rücken auf eine Wiese gelegt. Meine Oma und meine Mutter waren natürlich immer entsetzt."

Die Heimat: "Wittlicher Motive? Natürlich das Wittlicher Dreigestirn: Türmchen, Rathaus, St. Markus. Es hat sich natürlich viel verändert. Und wenn ich heute die farbenfreudigen Häuser hier sehe, das sieht ein bisschen italienisch aus, wie in Ligurien. Ansonsten liebe ich hier die Landschaft. Ich stelle sie ja dann nicht so wie in Wirklichkeit dar, sondern lasse zum Beispiel Häuser oder Stromleitungen weg. Oder aus einem Zaun werden dann Buchstaben oder Buntstifte. Es kommt ja darauf an, wie das Gleichgewicht im Bild ist. Und das Lebensgefühl aus der Heimat das kriegste nicht weg. Das ist eine Mischung aus Eifeler Sturkopf und moselanischer Frohmensch. Das ergibt dann einen typisch Wittlicher Schizophrenen. Und ich bin der absolute Eifelliebhaber. Eifelbilder male ich immer noch. Ich schätze die Stimmung, weil die sehr variabel ist."

Das Glück: "Dass ich Künstler geworden bin, war nicht nur Glück. Das ist auch die Frage, wie stark der Wille ist. Ich wollte immer Maler werden, auch wenn es hieß: ,Das kannste nebenher machen'. Dann wurde ich der jüngste Air-France-Direktor und habe trotzdem alles hingeschmissen. Ich weiß gar nicht, wie ich das vorher ausgehalten habe. Na, mit hinreichend Alkohol ging das."

Die Satire: "Satire entsteht aus Verzweiflung. Das ist meiner Ansicht nach die beste Satire, die aus der Ohnmacht gegenüber der Verzweiflung entsteht. Das ist ein Rettungsventil, wenn du dich satirisch äußern kannst. Ich habe ja keine Hoffnung für die Zukunft der Menschheit. Ich sage mal: Hoffentlich kommt der Komet bald! Ich kann das Gottseidank in Satire umbauen in meinem Gehirn. Denn da brauchst du einen guten Weg, wie du da raus kommen willst. Mit Satire kannst du dann die schlimmen Sachen ins Positive umsetzen."

Das Tagebuch: "Ich zeichne jeden Tag Tagebuch. Auf die Rückseite kommen Angaben zum Tag, Wetter, wo ich bin oder war. Damit habe ich angefangen wegen Streitereien mit der Frau, was da und da war. Da bin ich selber unsicher geworden, und ich habe ein gutes Gedächtnis! So kann ich feststellen, wer recht hat, meist mein Tagebuch oder ich. So habe ich schon 25 000 Zeichnungen nur für mich gemacht. Ich habe ja so schöne Dummies von den Verlagen bekommen, diese Bücher mache ich voll. Ich bin ja natürlich ein Bibliomane. Und wenn mal Besuch kommt, da kann ich fragen: ,Wann biste geboren?' Und dann guckt man nach, was ich denn da gemacht habe ."