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Zeit zu lesen, Zeit für Bewährtes

Interview mit Norbert Scheuer : Zeit zu lesen, Zeit für Bewährtes

Tipps vom Bestsellerautor: Der Eifler Norbert Scheuer erklärt, warum er während des Schreibens nicht zu aktuellen Romanen greift, und empfiehlt den Volksfreund-Lesern fünf Bücher.

Auf die Frage, ob er schon einmal seinen Wikipedia-Eintrag angeschaut hat, antwortet er kurz „Nein.“ Das passt. Norbert Scheuer wirkt am Telefon sehr „uneitel“. Er ist 1951 in Prüm in der Eifel geboren und lebt in Kall, im nordrhein-westfälischen Teil der Eifel. Bis zu seinem Ruhestand vor ein paar Jahren war der Diplom-Ingenieur und studierte Philosoph als Programmierer tätig und hat einige vielbeachtete Bücher geschrieben.

Hat sich sein Schreib-Pensum erhöht, seit er nicht mehr arbeitet? „Ich kann noch gar nicht genau sagen, ob ich mehr produziere“, antwortet er. Sein Roman „Winterbienen“ ist 2019 erschienen, der neue, an dem er gerade arbeite, komme im Frühjahr 2022 heraus, wieder bei CH. Beck und werde voraussichtlich „Mutabor“ heißen. „Mutabor“ stamme aus dem Märchen „Kalif Storch“ und bedeute „Ich werde verwandelt sein.“ Es ist das erlösende Zauberwort, das dem in einen Storch verwandelten Kalifen wieder seine Menschengestalt zurückgeben soll. Das Buch sei der Entwicklungsroman eines Mädchens, das in einem Eifelstädtchen lebt und versucht, etwas über seine Familie herauszufinden, erzählt Norbert Scheuer. Aber was liest der Autor selbst gerne und wie? Wir haben nachgefragt und ihn gebeten, den Volksfreund-Lesern fünf Bücher zu empfehlen.

Welche Genres lesen Sie als Romanautor selbst gerne?

Norbert Scheuer: Immer wenn ich mich in der letzten Phase eines neuen Romans befinde, lese ich wenig Belletristik. Sollte ich mit einem schönen Roman beginnen, klappe ich ihn doch nach zwei Sätzen wieder zu und hänge wieder an meinem eigenen Text. Ich lese normalerweise gerne Sachbücher, Gedichte, selten einen Krimi und Literatur bestimmter, ausgesuchter Autoren.

Haben sich Ihre Lesegewohnheiten während der Pandemie geändert? Es gibt Menschen, die gerade gerne auf fiktionale Fantasiewelten zurückgreifen.

Norbert Scheuer: Wenn mir das
gelingen würde, wäre das wunderbar. Das kann ich aber leider nicht. Deshalb lese ich momentan wegen der aktuellen politischen Lage meist soziologische oder psychosoziale Themen. Ich lese eigentlich viel lieber Sachbücher als Romane. Romane schreibe ich mir selbst (lacht). Ich war bis zur Pandemie ein eingefleischter Zeitungsleser und jedes Frühstück hat damit angefangen. Mittlerweile lese ich vermehrt auch alternative Medien auf dem IPod.

Ihr Roman „Überm Rauschen“ stand 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2019 schaffte das auch Ihr letzter Roman „Winterbienen“. Was fühlen Sie dabei? Das ist doch für einen Autor wie ein Ritterschlag.

Norbert Scheuer: Als ich zum ersten Mal auf der Shortlist stand, habe ich es, wie Sie sagen, als einen Ritterschlag empfunden. Aber wenn man es zwei oder drei Mal mitgemacht hat, merkt man, dass es nichts ändert, außer dass die Verkaufszahlen hochschnellen. Es ist, als würde man ein Examen machen. Man denkt, wenn ich das Examen endlich geschafft habe, wird alles anders, aber schon zwei Wochen später, spielt es eigentlich schon gar keine Rolle mehr. Das Leben ändert sich nicht. Es ändert sich nichts daran, dass man weiter schreibt und weiter versucht, schöne Geschichten zu erschaffen und versucht, dabei vollkommen unabhängig zu sein. Natürlich bringt es auch einen Schub, man wird bestätigt. Letztlich ist es schön und es wäre auch nicht richtig zu sagen, dass es vollkommen unwichtig ist und man es nicht schätzt. Aber es ist nicht das Entscheidende in der Literatur.

Papier oder E-Book?

Norbert Scheuer: Ich ziehe Papier auf jeden Fall vor. In gewisser Weise definiert man sich ja auch durch die Bücher, die man gelesen hat. Sie stehen im Regal im Zimmer, sie sind immer irgendwie da, und man wird so immer wieder an die früheren Lektüren erinnert. Lesen ist auch ein sinnlicher Vorgang – das haptische des Papiers und der Geruch der Druckerschwärze.

Welche Lieblingsautoren begleiten Sie schon lange?

Norbert Scheuer: Ja, es gibt einige Lieblingsautoren, in deren Bücher ich immer wieder hineinschaue, und die sich jedes Mal wieder anders lesen. William Faulkner, James Joyce, Virginia Woolf und William Carlos Williams – bei Letzterem aber eher die Gedichte.

Greifen Sie regelmäßig zu den
Büchern befreundeter Autoren und Kollegen – oder nicht unbedingt?

Norbert Scheuer: Man sollte vielleicht nicht mit zu vielen Autoren befreundet sein, denn sonst kommt man vor lauter Lesen nicht mehr zum Schreiben. Die aktuelle Literatur wird von vielen Kollegen eigentlich gar nicht so beachtet. Ich
gehöre auch dazu. Die meisten gehen mindestens fünf Jahre zurück und lesen, das, bei dem sich die Spreu vom Weizen getrennt hat. Wenn ein neues Buch gehypt wird, liest es jeder. Andere Bücher setzen sich dagegen viel langsamer durch.

Das würde ja umgekehrt bedeuten, dass neue Bücher, die gehypt werden, perse die schlechteren sind. Das stimmt ja nicht.

Norbert Scheuer: Nein. Die guten Bücher sind aber auch nach fünf Jahren noch gut. Meine Erfahrung ist, dass Autoren, dazu gehöre ich auch, die aktuelle Literatur nicht lesen. Sie müssen sich vorstellen, wenn ich einen Roman schreibe, lebe ich in meiner eigenen Welt. Würde ich einen aktuellen Roman finden, der meinem ähnlich ist, käme ich aus meiner Geschichte heraus und würde mich fragen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Das könnte dazu führen, dass, nur weil jemand zufällig über das gleiche Thema schreibt wie man selbst, man gar nicht weitermacht. Es ist im Grunde eine Art Selbstschutz, nichts Aktuelles zu lesen.

Müssen Autoren zwangsläufig gerne und viel lesen? 

Norbert Scheuer: Es gibt unterschiedliche Phasen im Leben eines Autors. Ich glaube, dass jeder Mensch, bevor er sich entscheidet, so was Verrücktes zu machen wie Bücher zu schreiben, viel gelesen haben muss. Irgendetwas muss ihn ja zum Schreiben bewogen haben. Und Schreiben ist, unter anderem, auch ein Handwerk, das man erst einmal erlernen muss. Wenn man seinen eigenen Stil und ein Thema gefunden hat, kann man sich dann seine eigenen Romane schreiben. Das Lesen ist nicht mehr unbedingt erforderlich, aber man hat sich dann dran gewöhnt.

Die Fragen stellte Birgit Markwitan.