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Zeitzeugen-Berichte aus der Region Trier, Eifel, Mosel, Saar, Hunsrück

Kostenpflichtiger Inhalt: Geschichte und Geschichten : Lebertran, Sammeltassen und echte Winter - Volksfreund-Leser erinnern an die 50er Jahren

Das Leben in den ersten Jahre in der jungen Bundesrepublik war für die Menschen in der Region Trier durch viele Entbehrungen geprägt. Volksfreund-Leser erinnern sich dabei aber auch an viele schöne Erlebnisse.

Lebertran, Schnürschuhe, Sammeltassen, Zinkwannen, Beichtzettel, Klicker und echte Winter – TV Leser erzählen von ihrer Kindheit in den 50er Jahren:

Für Gerti Ziwes aus Sirzenich war 1950 das Jahr ihrer Erstkommunion: „Ich erinnere mich noch gut an meine Erstkommunion. Wir Kinder freuten uns sehr, denn man stand für einen Tag im Mittelpunkt. Der Kommunionsunterricht wurde vom Pfarrer allein abgehalten. Die Kinder aus den Filialen nahmen daran teil. Nach dem Unterricht gingen wir noch ein Stück gemeinsam. An der letzten Kreuzung trennten wir uns, was meistens mit einer Klopperei endete. Dabei wurde unser Beichtzettel für die Sünden automatisch immer länger. Einmal bekam ich nicht genügend Sünden zusammen, da schrieb ich bei einem anderen Mädchen noch in paar Sünden ab,

Bei uns nebenan wohnte eine Näherin, die einige Kommunionkleider für verschiedene Kinder anfertigte. Sehr oft musste ich diese anprobieren, weil die Kinder aus den anderen Dörfern den weiten Weg zur Anprobe scheuten. Wir waren eher dünn, es gab keine übergewichtigen Kinder. Daher stimmte die Kleidergröße zumindest ungefähr. Es kam auch nicht so genau darauf an.

Da werden Erinnerungen wach: Spielzeug, wie es früher mal war – ob Dilldopp oder Puppenwagen. Foto: Klaus Kimmling (kik)

Mein Kleid war mein ganzer Stolz, meine Schuhe jedoch ein Drama: hohe, braune Schnürschuhe. Leider gab es keine anderen. Viele Jungen trugen kurze Hosen und Kniestrümpfe, die Mädchen dünne Kleidchen, meist vererbt. Die weißen Strümpfe wurden an einem Leibchen festgemacht. Dabei blieb immer ein Stück Haut frei, wo sich dann Frostbeulen bildeten, die furchtbar juckten. So kamen wir zitternd und frierend in der Kirche an. Dort war es warm und festlich. Der Kirchenchor sang, alles glänzte und man fühlte sich dem Himmel ein bisschen nahe.

Nach der Messe machten wir uns auf den drei Kilometer langen Heimweg. Dort taten die hässlichen Schuhe ihren Dienst, denn es gab keine Straße, nur einen Pfad. An das Festessen kann ich mich nicht mehr erinnern, jedoch an den Nachmittagskuchen. Man nannte ihn „Kalter Hund“. Nachmittags ging es dann wieder drei Kilometer weit zur Andacht. Einige Kinder konnten bei Familien über Mittag in der Pfarrei bleiben. Die anderen liefen tapfer den langen Weg noch einmal. Es gab auch Geschenke. Ich bekam eine Sammeltasse und von meiner Tante aus Luxemburg, die schon besser gestellt war, eine Armbanduhr. Leider ging diese Uhr nie ganz richtig. Meine Eltern konnten vermutlich das Geld für eine Reparatur nie aufbringen. Als die Sammeltasse vor nicht all zu langer Zeit in die Brüche ging, tat es richtig weh.“

Beliebtes Spielzeug: ein Kaufmannsladen mit kleinen Miniaturpäkchen von Lebensmitteln hatten damals viele Kinder. Foto: Klaus Kimmling (kik)

Ursula Burckhardt aus Konz erinnert sich an Mullwindeln, Moselbahn, Lebertran, Klickerspiele und die Pflicht zum Knicks:

„Ich wurde im 1955 geboren. Ziel meiner Großmutter war es, mich so schnell wie möglich zur Sauberkeit zu erziehen. Es gab keine Pampers, sondern Mullwindeln, die mehrfach täglich gewechselt werden mussten. Jemand, der mich von klein auf begleitete war ein wunderschöner Teddy. Ihn liebte ich über alles und ihm hab ich auch immer alles erzählt.

Die Familie achtete darauf, dass ich als Kind früh ans normale Essen gewöhnt wurde, denn extra kochen, dafür war wenig Zeit. In der Küche befand sich ein Holzofen, auf dem gekocht und in dem gebacken wurde. Die Küchenmöbel bestanden aus Resopal, hochglanz poliert.

Da die Familie viele Mitglieder hatte, war auch immer jemand da, der auf mich als Kind aufpasste. Wir fuhren oft zu Verwandten, die in der Nähe lebten, damals noch mit der Straßenbahn. Ich freute mich immer darauf, denn das beinhaltete Abwechslung, Zuwendung und leckeres Essen.

Schon in frühen Jahren bekam ich Lebertran. Anfangs auf einem Löffel, stets mit den Worten „Augen zu, schluck schnell runter“, das war, glaube ich heute das Schlimmste in dieser Zeit. Ekelig! Aber es hieß, er diene der Abwehrkraft und unterstütze den Körper beim Wachsen. Erst Ende der 50ger Jahre gab es Lebertran in Kapseln, die waren deutlich besser zu schlucken.

Ausstellung Altes Rathaus Dilldopp, Klicker, Lebertran TV-Foto: Klaus Kimmling ***. Foto: Klaus Kimmling (kik)

Und dann Weihnachten, welch eine Freude. Vormittags geschäftiges Treiben mit Essenszubereitung und dann musste ich als Kind nach dem Mittagessen immer schlafen. Nach dem Mittagsschlaf war für die Familie baden angesagt. Danach hatte meine Mutter immer ein schönes Kleid an, mein Vater einen Anzug und wir als Kinder unsere guten Anziehsachen. Bis das Glöckchen läutete mussten wir Kinder in unserem Zimmer ausharren. Dann erst durften wir ins Wohnzimmer kommen, wo just immer bei unserem Eintritt das Christkind entflogen war.

Ein Gedicht und einige Lieder vor dem Tannenbaum waren Pflicht zur Freude der Erwachsenen an diesem Tag. Jahrelang gab es einen „Leckerteller“. Der war gefüllt mit selbstgebackenen Plätzchen , einer Orange, Schokolade und Nüssen. Zunächst waren es Haselnüsse, später auch Wal- und Paranüsse. Einige Jahre später kamen erste Mandarinen hinzu und Geschenke, die sich danach richteten, was gerade gebraucht wurde an Kleidung. Unterwäsche, Strümpfe, Leibchen. Die andere Kleidung wurde über die Kinder innerhalb der Familie weitergegeben, viele Jahre. Was der Cousine nicht mehr passte bekam die nächste.

Das Wetter stimmte noch in der Zeit. Der Winter begann immer Anfang Dezember und brachte stets an Weihnachten dicke Schneeflocken. So waren die nächsten Tage immer gesichert mit Schlittenfahren und Schneemann bauen. Überhaupt war ich als Kind viel draußen an der Luft zum Spielen.

Mit vier oder fünf Jahren bekam ich meine erste Puppe und ein Dreirad. Die Puppe hatte angedeutete Haare auf einem Porzellankopf und blaue Augen. Oma hatte ihr Kleider gehäkelt die ich auch wechseln konnte. Ich nannte die Puppe Lena.

Kleinere Arbeiten im Haus waren für mich als Kind normal. Abstauben helfen oder Geschirr wegräumen, den Tisch decken, aber auch putzen und bohnern. Das Essen der damaligen Zeit war eher kärglich, aber nahrhaft. Mein Vater aß damals gerne abgezogenes Gehirn, das meine Mutter mit Ei zubereitete. Am Martinstag im November gab es immer Dippekuchen. Ein Teig aus Kartoffeln, Ei und Gewürzen, die in einem Bräter lange gebraten wurde. Fleisch war kostbar und es gab nur sonntags einen Braten. Vieles wurde mit Kartoffeln gemacht, sie waren Hauptbestandteil des Essens. Beeren aus dem Garten wurden zur Marmelade verarbeitet und das Obst eingemacht. Überhaupt bot der Garten alles, was die Familie zum Essen brauchte.

Samstags wurde der Nudelteig gezogen, auf einem Besenstiel getrocknet und anschließend geschnitten als Nudeln für die Rindfleischsuppe am Sonntag. Die Milch gab es im Tante Emma Laden zu dem ich geschickt wurde mit einer Milchkanne. Diese wurde dann gefüllt mit Frischmilch. Wenn Besuch kam, wurde ich mit einer kleinen Schüssel dorthin geschickt frische Sahne zu holen für auf den Kuchen. Jahrelang gab es zu einem Geburtstag einen selbstgebackenen Marmorkuchen.

Die Straßen unseres Ortes waren noch nicht asphaltiert, sondern sehr steinig und staubig, aber ein Spielplatz für die Kinder. Es gab kein Badezimmer, sondern samstags war Waschtag für die ganze Familie. Nacheinander! Für uns Kinder wurde die Küche abends angeheizt, eine Zinkwanne zwischen zwei Stühle gestellt in der wir nacheinander geseift und gewaschen wurden. Nach dieser Prozedur wurden wir gleich für die Nacht angezogen, also Schlafanzug und Bademantel.

Da das Bett aus drei Matratzen bestand und einem dicken Plumeau, bekamen wir als Kinder manchmal im Winter einen Backstein ins Bett zum Anheizen. Heizung gab es noch keine. Ebenso gab es noch kein WC, sondern wir hatten ein Plumpsklo im Hof, oder einen Nachttopf unterm Bett. Wir kannten es ja nicht anders. Das Wohnzimmer wurde nur sonntags von der Familie genutzt, ansonsten war die Küche Treffpunkt für alle.

Rückblickend kann ich sagen, wir Kinder liefen mit innerhalb der Familie, wir funktionierten einfach wie man es erwartete. Noch an eines muss ich auch denken. Wir mussten vor den Leuten damals immer einen Knicks machen und dem- oder derjenigen einen guten Tag wünschen, in dem wir den Herrn oder die Frau mit Namen ansprachen. Das war Pflicht. Die Zeit war schön.

Für Gertrud Maus aus Üttfeld gehören zur Kindheit in den 50er Jahren die Moselbahn, der Hägin, Eisblumen, Kirschbäume und Blechspielzeug: „Mitte der 50er Jahre zwischen Weihnachten und Neujahr zu Hause geboren, beginnen die Erinnerungen etwa ab 1957. Eiskalte, schneereiche Winter und heiße Sommer, glückliche Kindertage, geprägt von Sehnsucht nach den Eltern und Großeltern.

Die Eisenbahn gehört fest zu den Erinnerungen, denn sie begleitete uns Geschwister täglich. Vater fuhr am Sonntag in den Bauzug nach Cochem, wo er am Aufbau der Moselbahn arbeitete. Erst am Samstag kam er nach Hause. In froher Erwartung lauschten wir, bis der Zug aus Richtung Pronsfeld in Höhe des alten Forsthauses hupte und seine Ankunft ankündigte. Nichts hielt uns mehr. Wir liefen querfeldein Richtung Bahnhof, krabbelten die Bahnböschung hinauf und überquerten noch vor dem Zug die Gleise. Was hatte er mitgebracht?

Mein Bruder erfreute sich am liebsten an einer Banane, die es aber nicht immer gab. Bei Hägin in Trier kaufte Vater vom kargen Taschengeld etwas für uns. An seiner Hand gingen wir stolz nach Hause. Leider war die Zeit mit ihm sehr kurz. In der Woche lebten wir mit Mutter und Großeltern (Godi und Pätter) im neuen Haus, ohne Badezimmer, Heizung oder warme Zimmer. Nur der Küchenherd war zum befeuern da. In der Küche spielte sich im Winter das Familienleben ab. Eisblumen am Fenster, glitzernde Wände in den Schlafzimmern und mit Spreu gefüllte Kopfkissen, die Wärmeflasche im Bett.

Wegen unzureichender Nahrung und häufiger Erkrankung verschrieb der Hausarzt uns ,Ossin-Lebertran’’. Eine dicke Glasflasche mit rotem Verschluss.

Im Radio kamen die neuesten Nachrichten. ,Zwischen Rhein und Weser’ war zum Beispiel eine häufig gehörte Sendung. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Geschwister unserer Mutter in Solingen, Duisburg und Dortmund wohnten. Telefon gab es nur in der Poststelle.

Ein besonderes Erlebnis waren die Bahnfahrten nach Nordrheinwestfalen. Vater hatte als Eisenbahner Vergünstigungen für Familienfahrten. Zweimal im Jahr besuchten wir Mutters Geschwister. Übernachtet wurde in Duisburg und Dortmund. Die Häfen standen immer auf dem Besuchsprogramm. Angst machte mir nachts das Feuer des Hochofens von der Zeche in Dortmund. Das Schlafzimmer war immer hell erleuchtet. Der Ruß überlagerte alles.

Die warmen Sommertage brachten ungeahnte Freiheiten. Da in fünf Häusern von 1949 bis 1957 gleich 16 Kinder geboren wurden, gab es keine Langeweile. Kühe hüten, Eier einsammeln, in der Nachbarschaft im Heu helfen, auf dem Heuwagen nach Hause fahren, Hasenbrote aus der Hand essen und Verstecken spielen. Unsere Cousins aus dem Ruhrgebiet verbrachten die Sommer oft bei uns in der Eifel. Sie brauchten die gute Luft zum Atmen.

Das Wort Scheidung kannten wir nicht. Wir Kinder hatten keine Angst davor, dass sich Eltern scheiden ließen. Nur das Versterben von Kindern und der älteren Generation lehrte uns, was Trennung bedeutet.

Unsere Muttersprache war Moselfränkisch, Hochdeutsch also die erste Fremdsprache und meist die einzige, lernte man oft mühsam in der Schule. Dabei war es hilfreich, dass der Lehrer Dialekt kannte.

Als Spielzeug dienten Klicker, bunte Glaskugeln oder Figuren, die es beim Einkauf von Margarine gab. Blechspielzeug war schon Luxus. Ein Fahrrad teilte man mit allen – ebenso den Schlitten.

Besonders beliebt war ein tragender Kirschbaum im Sommer. Wer klettert am höchsten? Niemand hatte Angst herunter zu fallen. Die Türen der Häuser waren unverschlossen und man musste sich nicht anmelden. Eigentlich war man überall ein bisschen zu Hause.“

Cäcilie Metzen aus Wittlich, wurde 1945 geboren und denkt gern an ihre große Familie zurück:

„Wir waren acht Geschwister, fünf Mädchen, drei Jungen. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, habe ich viele gute Erinnerungen. Mein Vater war Küster, Organist, Chorleiter und Musiklehrer. Ende der 40er Jahre gründeten meine Eltern ein Musikgeschäft, da das Gehalt meines Vaters nicht ausreichte, eine so große Familie zu ernähren. Meine Mutter war im Geschäft tätig (Verkauf, Buchhaltung und so weiter) und mein Vater belieferte sämtliche Musikvereine der Eifel mit Instrumenten. Dementsprechend hatten meine Eltern auch Hilfen im Haushalt, zwei Tanten, die sich auch um uns Kinder kümmerten.

Wir Kinder halfen aber auch im Haushalt mit, Wäsche aufhängen, Geschirr spülen, was wir äußerst ungern taten. Nach den Hausaufgaben (unter Aufsicht einer Tante), ging es jeden Nachmittag nach draußen zum Spielen. Wir hatten nie Langeweile, denn wir hatten immer Spielkameraden: Geschwister, Cousins, Cousinen und Schulfreunde. Unsere liebsten Spiele waren: Ballspiele. Wir dachten uns immer neue aus. Und Völkerball sowie Hüpfspiele auf der Straße, Seilspringen und Klicker-Spiele. Das alles füllte unsere Nachmittage aus. Im Sommer ging‘s zum Schwimmen, auch Radfahren, Rollerfahren und Rollschuhfahren machten viel Spaß. Kleine Streiche auch wie „Klingelmännchen“! Im Winter sind wir stundenlang Schlitten gefahren, kamen nass, aber glücklich heim. Mein Hobby war vor allem lesen, ich habe sämtliche Kinder-und Jugendbücher verschlungen, auch mit Taschenlampe unter der Bettdecke.

Die christlichen Feiertage waren immer etwas ganz Besonderes für uns Kinder, da wir in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen sind. Wir halfen unserem Vater auch viel bei seiner Arbeit in der Kirche. Geschenke gab es für uns zum Namenstag, zu St. Nikolaus einen Teller mit Plätzchen und kleinen Leckereien, zu Weihnachten nützliche Dinge, aber auch kleinere Herzenswünsche wurden erfüllt. In unserer Familie wurde viel musiziert: Klavier, Violine, Akkordeon, Flöte und mehr. So wurde in uns allen die Liebe zur klassischen Musik geweckt. Alles in allem: eine glückliche Kindheit, an die ich mich sehr gerne erinnere!“

Welche besonderen Erinnerungen haben Sie an die 50er Jahre? Schreiben Sie und senden Sie auch gerne Fotos per E-Mail an eifel@vollksfreund.de