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Interview Thomas Boll
„Zufrieden alt werden ist möglich“

Auf dem Weg zum Rentnertreff? Soziale Kontakte haben auch im Alter ihre Bedeutung.
Auf dem Weg zum Rentnertreff? Soziale Kontakte haben auch im Alter ihre Bedeutung. FOTO: dpa / Caroline Seidel
Der Professor der Uni Luxemburg ist Experte für Alterspsychologie. Er empfiehlt, möglichst lange soziale Kontakte zu pflegen. Von Bernd Wientjes

Herr Boll, ist Alter immer gleich Alter?

THOMAS BOLL Der Eintritt in den Ruhestand, so um die 60 bis 65 Jahre, markiert für viele den Beginn der Lebensphase Alter. Die Forscher unterscheiden dann aber weiter zwischen den noch relativ gesunden ‚jungen Alten’, 60 bis 80 Jahre alt, und den ‚alten Alten’, 80 Jahre und älter, also den eigentlichen Alten. Diese leiden an etwa doppelt so vielen Krankheiten wie die ‚jungen Alten’, haben viel öfter Hör- und Sehprobleme, sind häufiger an Demenz erkrankt und etwa doppelt so häufig pflegebedürftig. Zudem lebt ein viel größerer Anteil von ihnen schon in einem Alten- oder Pflegeheim.

Wie unterscheiden sich die heutigen Alten oder Älteren von denen vor 30 Jahren? Würden Sie sagen, dass die Generation 60 plus heute generell fitter ist und länger gesund bleibt?

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Logo_Hallo_Alter_1sp.pdf FOTO: TV / Schmitz, Alexandra

BOLL Im allgemeinen ist das tatsächlich so. Es besteht sogar noch Raum für weitere Verbesserungen. Denken wir an die Jahre, die einer Person über 65 noch bei guter Gesundheit voraussichtlich verbleiben. Laut Europäischer Kommission lag 2015 diese sogenannte gesunde Lebenserwartung in Deutschland bei gut elf Jahren, in Norwegen und Schweden sogar bei gut 15 Jahren. Hier stellt sich natürlich die Frage, warum Deutschland noch zurückliegt und durch welche Maßnahmen etwa im Bereich von Arbeits- und Gesundheitspolitik weitere gesunde Jahre hinzugewonnen werden können.

Welche Vorteile hat das Altwerden?

Thomas Boll, Professor für Alterspsychologie an der Universität Luxemburg.
Thomas Boll, Professor für Alterspsychologie an der Universität Luxemburg. FOTO: Uli Boll

BOLL ‚Junge Alte’ haben den Vorteil, freier von beruflichen und familiären Pflichten zu sein. Sie sind im Ruhestand und die Kinder – sofern vorhanden – meist aus dem Haus. Und sie sind finanziell unabhängig. Es ergibt sich also mehr Freiraum, Dinge zu tun, die wegen der früheren beruflichen und familiären Verantwortung zu kurz kamen. Jetzt, solange die jungen Alten noch fit sind, können sie das nachholen: weit reisen, Hobbies pflegen, sich ehrenamtlich engagieren usw.

Kann man glücklich alt werden und zufrieden sein?

BOLL Zufrieden alt werden ist für viele Menschen möglich. Tatsächlich ist die Lebenszufriedenheit im Alter über weite Strecken erstaunlich hoch, trotz der Verluste, die das Alter mit sich bringt. Forscher sprechen hier von einem Zufriedenheitsparadox. Eine Erklärung dafür ist, dass Menschen im Alter ihre Wünsche und Ziele an das anpassen, was ihnen noch erreichbar ist. Auf diese Weise können sie die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit verringern und trotz Einschränkungen und Verlusten noch mit ihrem Leben zufrieden sein.

Kann man sagen, wer früher bereits zufrieden mit sich und dem Leben war, wird es auch im Alter sein?

BOLL Das gilt nur mit Einschränkungen. Zwar gibt es eine relativ stabile, an die Persönlichkeit des Einzelnen gebundene Tendenz zur Zufriedenheit über die Zeit hinweg. Jedoch kann sich die Lebenszufriedenheit dann stark ändern, wenn ein Mensch mit kritischen Lebensereignissen konfrontiert wird. Besonders belastend ist hier zum Beispiel der Tod des Partners. Dann bricht bei den meisten Menschen die Lebenszufriedenheit stark ein. Nur erst langsam kommt es zu einer Erholung. Oft wird aber der frühere Grad an Lebenszufriedenheit nicht wieder erreicht. Ein anderes gravierendes Ereignis ist der Eintritt einer Behinderung. Die Reaktion ist ähnlich: schwerer Einbruch der Lebenszufriedenheit, langsame Erholung, aber nicht mehr bis auf das frühere Niveau.

Im Alter spielt ja oft auch Einsamkeit eine Rolle. Hilft es, wenn man möglichst lange soziale Kontakte aufrechterhält?

BOLL Einsamkeit entsteht, wenn einem die sozialen Beziehungen fehlen, die man sich wünscht. Hier kommt es weniger auf die Menge als vielmehr auf die Qualität der Beziehungen an. Ja, gute Beziehungen sind es wert, sorgsam gepflegt zu werden. Leider werden direkte Kontakte mit vertrauten Personen im hohen Alter immer seltener. Wenn die eigene Beweglichkeit nachlässt, wird es schwieriger, geschätzte Freunde und Verwandte zu besuchen. Ebenso wird es auch für diese schwerer, zu mir zu kommen. Hier können die Betreuer den alten Menschen einen persönlichen Kontakt mit vertrauten Personen ermöglichen: Treffen arrangieren oder als Chauffeure dienen.

Was ist aus psychologischer Sicht besser: Möglichst lange zu arbeiten oder frühzeitig in den Ruhestand zu gehen und noch möglichst lange sein Rentnerdasein genießen zu können?

BOLL Es kommt sehr auf den Einzelfall an. Und zwar darauf, was einem ganz persönlich der Beruf bedeutet. Berufstätigkeit verschafft Einkommen, kann Spaß machen, den Einsatz eigener Talente erlauben, sinnvolle Aufgaben beinhalten, Kontakt zu anderen Menschen ermöglichen, dem Tag einen geregelten Ablauf geben. Wenn vieles davon auf einen selbst zutrifft und einem diese Dinge wichtig sind, so spricht das für längeres Weiterarbeiten. Allerdings kann der Beruf auch Mühsal, Stress, gesundheitliche Probleme und Konflikte mit sich bringen. Das spricht dann mehr fürs Aufhören. Tatsächlich ist der Beruf auch nicht der einzige Bereich, auf den es im Leben ankommt: Es gibt auch Familie, Freunde, Hobbys, Gesundheit, Engagement für die Gemeinschaft, auch Spiritualität und Religion. Wenn einem diese Dinge wichtiger und zugänglich sind, so spricht auch das mehr für einen frühzeitigen Ruhestand. Insbesondere dann, wenn der Verbleib im Beruf so viel Zeit und Energie verbrauchen würde, dass für die Pflege der anderen Lebensbereiche nicht mehr viel übrig bliebe.

Das Interview führte
Bernd Wientjes