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Gesundheit: Zweifel an den Grenzwerten

Gesundheit : Zweifel an den Grenzwerten

Drei Mediziner aus der Region gehören zu den über 100 Kritikern der Feinstaubdebatte. Trierer Lungenfacharzt warnt vor „gravierenden Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte“ durch nicht fundierte wissenschaftliche Daten.

Sechs Mal ist im vergangenen Jahr der Grenzwert für Feinstaubbelastung an der Messstation in der Ostallee in der Trierer Innenstadt überschritten worden. Das heißt im Tagesmittel wurden mehr als 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter  Luft gemessen. Maximal 35-mal pro Jahr darf dieser EU-weit gültige Grenzwert überschritten werten. An der einzigen Luftmessstation in der Trierer City war das laut Landesamt für Umwelt im vergangenen Jahr 18-mal der Fall. An der Station im Stadtteil Pfalzel gab es demnach keine Überschreitung. Dafür wurde dort aber 19-mal der Grenzwert für Stickstoffdioxid überschritten, in der Trierer Innenstadt 30-mal. Maximal erlaubt sind aufs Jahr gesehen 40 Überschreitungen.

Nach der Initiative von 112 Lungenärzten (Pneumologen) aus Deutschland, die die geltenden Grenzwerte für Feinstaub- und Stickoxid infrage stellen (der TV berichtete), wird über die Aussagekraft der Messungen diskutiert. Dabei geht es auch um Dieselfahrverbote, die mit der Überschreitung des Stickoxid-Grenzwertes in bestimmten Städten wie etwa auch Mainz begründet werden. Die Stellungnahme der Ärzte wurde auch unterzeichnet von drei Medizinern aus der Region: Joachim Vogt, Chefarzt der Pneumologie im Trierer Brüderkrankenhaus,  Albrecht Gebauer und Patrick Albrecht, die gemeinsam in einer Praxis in Bitburg praktizieren.

Albrecht ist Vorsitzender des Verbandes der Pneumologen. Mit seiner Kritik an den Grenzwerten stellt er sich damit gegen seinen Bundesverband, der am Mittwoch in einer Pressemitteilung noch mal betonte: „Eine Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftschadstoffen gefährdet die Bemühungen, Risiken und Gefahren von Luftverschmutzung zu minimieren“, teilte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Pneumologen, Frank Heimann, mit. Und weiter: „In Deutschland liegt die Krankheitslast durch Luftverschmutzung an zehnter Stelle der Risikofaktoren und ist damit auch hierzulande der wichtigste umweltbezogene Risikofaktor.“

Das langfristige Ziel, die Umweltbelastung „durch potenziell schädliche Stoffe zu minimieren“, bleibe durch die Initiative der Ärzte unberührt, sagt der Chefpneumologe des Trierer Brüderkrankenhauses. Er begründet seine Unterschrift unter die Stellungnahme damit, dass wissenschaftliche Daten, „aus denen potenziell gravierende Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte unserer Mitbürger resultieren“,  gut begründet sein sollten. „Dies trifft für die Studien, aus denen der Grenzwert für Stickstoffdioxid resultiert, nicht zu“, sagt Vogt.  Er hoffe, dass die Politik die Grenzwertproblematik akzeptiert und „gegebenenfalls gesetzgeberische Konsequenzen zieht“.

Bei Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) stößt die ­Initiative jedenfalls auf offene Ohren. „Wenn über 100 Wissenschaftler sich zusammenschließen, ist das schon mal ein Signal“, sagte er gestern. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) wies die Kritik der Lungenärzte allerdings zurück. Die Grenzwerte dienten dem Schutz aller Menschen, sagte sie.

Landesärztekammerpräsident Günter Mattheis, der zusammen mit Vogt das Lungenkrebszentrum am Trierer Brüderkrankenhaus leitet, begrüßt die Initiative der Mediziner. Eine Neubewertung der bisherigen Studien sei gerechtfertigt und notwendig, „um zu einer objektiven Bewertung möglicher Gesundheitsgefahren durch Feinstaub und Stickoxide zu gelangen“. Die Landesärztekammer nehme die Stellungnahme „sehr ernst“, sagte Matheis unserer Zeitung und ergänzte: „Schade, dass sich die Lungenfachärzte erst jetzt zu Wort melden. Sie hätten schon viel früher ihren medizinischen Sachverstand einbringen sollen.“

Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) sieht hingegen die Stellungnahme der Lungenärzte kritisch. Die Gefahren von Luftverschmutzung seien mit vielen verschiedenen Studien belegt worden, sagte sie unserer Zeitung. „Der Grenzwert für Stickstoffdioxid wurde von der EU festgelegt, basiert auf wissenschaftlichen Studien und darauf fußenden Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation.“ Zudem trage Stickstoffdioxid  zur Feinstaub- und Ozonbildung bei. Daher werde ein solcher Grenzwert nicht allein betrachtet. „Eine Absenkung der Stickstoffdioxid-Belastung führt auch zu einer Absenkung anderer Luftschadstoffe wie Ruß, Ozon oder Feinstäube“, so Höfken.

In Luxemburg, wo rund 247 000 Dieselfahrzeuge zugelassen sind, sind Fahrverbote trotz der hohen Verkehrsbelastung übrigens kein Thema. Im vergangenen Jahr hieß es aus dem dortigen Verkehrsministerium, dass es einen Aktionsplan für saubere Luft gebe. Dazu zähle der Bau der Tram, durch die ab 2021 weniger Busse in die Luxemburger Innenstadt fahren würden, und die Umstellung der öffentlichen Busse auf Elektroantrieb. Außerdem sind die in Luxemburg zugelassenen Dieselautos im Vergleich zu Deutschland im Schnitt viel neuer. Fast 60 Prozent der Fahrzeuge ist mit der neueren und damit weniger umweltschädlichen Abgastechnik unterwegs.