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USA
Rodeo im Südstaaten-Gefängnis

Tunica Hills (Louisiana). Angola war einmal der gefährlichste Knast der Vereinigten Staaten. Ein Rodeo sollte helfen, den schlechten Ruf loszuwerden. Dabei lässt es an die Gladiatoren einer römischen Arena denken. Von Frank Herrmann

Eine Chance haben sie nicht, die vier Männer, die am Pokertisch sitzen. Nicht den Hauch einer Chance. Über ihrer gestreiften Sträflingskleidung tragen sie kugelsichere Westen, als wären sie Soldaten in Krisengebieten. Nur dass diese Westen hier extra dick gepolstert sind. Ihre Köpfe sind durch Helme geschützt, mit Gittern vor den Gesichtern, so dass der Anblick an Eishockey-Torhüter denken lässt. Das mit dem Pokern ist nicht wörtlich zu nehmen. Keiner der vier hält ein Blatt in der Hand, an Spielen ist sowieso nicht zu denken. Der hochbeinige Tisch steht mitten in einer Arena, auf deren Rängen zehntausend Schaulustige dem Höhepunkt des Rodeos entgegenfiebern. Gleich kommt der Stier.

Es dauert zwei, höchstens drei Sekunden, da liegen die Pokerspieler im Sand. Kaum hat sich das Tor einer Stahlbox geöffnet, ist der 700 Kilogramm schwere Koloss auf den Tisch zugerast, hat ihn mit den Hörnern aufgespießt und weggeschleudert. Von den Plastikstühlen, auf denen das Quartett saß, sind nur traurige Fragmente geblieben. Rodeo-Profis in der grellbunten Kleidung von Clowns eilen herbei, um den wutschnaubenden Bullen abzulenken. Unterdessen versucht ein Schiedsrichter zu ermitteln, wer von den vier Männern am längsten auf seinem Stuhl saß und damit die hundert Dollar Siegprämie bekommt. Hoch zu Ross, ein Mikrofon in der Hand, reitet er durchs Stadion, halb Referee, halb Entertainer. Über das Quartett, das sich todesmutig rund um den Pokertisch versammelt, erfährt man dann so gut wie nichts. Die vier sind Gefangene. Häftlinge eines Knasts, der einmal als einer der schlimmsten in ganz Amerika galt.

Angola. Louisiana State Penitentiary, wie es korrekt heißen müsste, sagt auf den Rängen so gut wie niemand. Angola: Der Name geht zurück auf eine Plantage, auf der aus dem Südwesten Afrikas verschleppte Sklaven Baumwolle pflückten. Anfang des 20. Jahrhunderts erwarb der Staat Louisiana das Areal, um es zur Haftanstalt umzufunktionieren. An einer Biegung des Mississippi gelegen, ist es auf drei Seiten von Wasser umgeben, auf der vierten von der grünen Hölle der Tunica Hills. Bis zur nächsten Ortschaft sind es vierzig Kilometer, wer flieht, riskiert tödliche Schlangenbisse im Unterholz. Rund fünftausend Männer sitzen hier hinter Gittern. Zu 85 Prozent sind es „Lifer“, entweder zu lebenslänglich ohne Bewährung verurteilt oder zu einer so langen Freiheitsstrafe, dass es praktisch auf dasselbe hinausläuft – Louisiana hat die härtesten Strafgesetze des Landes. Das Alcatraz des Südens, so hat der Volksmund Angola genannt. Das Rodeo, zweimal im Jahr veranstaltet, im Frühjahr und im Herbst, sollte das Image aufbessern, als es 1964 Premiere feierte.

Draußen dreht sich ein Kinderkarussell, Kirmesstimmung vor Stacheldraht. Es gibt Hamburger und sehr süße Limonade, man kann sich in eine Zelle sperren und von einem Gefangenen fotografieren lassen. Am Eingang Metalldetektoren wie am Flughafen. Weder Kameras noch Handys dürfen mit hinein. Drinnen in der Arena reiten Hasardeure in Blue Jeans und Sträflingsjacken auf Bullen, deren Weichteile man mit einem Seil abgeschnürt hat, um sie aggressiver zu machen. Wer mindestens acht Sekunden durchhält, ohne abgeworfen zu werden, kassiert Punkte. Bei „Guts & Glory“ („Mut und Ehre“) gewinnt, wer eine am Schädel eines Stiers befestigte Münze in seinen Besitz bringt. Dann wären da noch die „Rough Riders“, die versuchen, sich so lange wie möglich auf dem Rücken sich wild aufbäumender Pferde zu halten.

Warum überhaupt jemand bereit ist, des Spektakels wegen seine Gesundheit zu riskieren? Daniel  ­Bergner, Autor eines Buches über Angola, hat die Frage so beantwortet: „Die Männer werfen ihre Körper in die Waagschale, und indem das Publikum ihnen dabei zuschaut, erkennt es an, dass sie existieren“. Am Rodeo Day spürten die Gefangenen, dass sie noch dazugehörten zu dieser Welt. Dass es sich um Gefangene handelt, von denen die meisten lebenslang einsitzen, schreibt Bergner, trage zusätzlich bei zum Nervenkitzel. Und falls der Kitzel auf den Zuschauerrängen Schuldgefühle aufkommen lasse, würden sie schnell wieder verdrängt, „schließlich handelt es sich bei den Männern um Mörder“. Mehr als drei Viertel der Insassen haben dunkle Haut, auf den Rängen sitzen zu mindestens drei Vierteln Weiße. Auch das lässt an die Gladiatoren einer römischen Arena denken.

Eldridge Stewart verkauft Schmuck, fein ziselierte Ohrringe,

etwa das markante Lilienwappen der Stadt New Orleans. Ungefähr zwanzig Schritte in beide Richtungen, so weit darf er sich auf dem Basar vorm Rodeo-Stadion bewegen, ohne dass Aufpasser eingreifen. Im Alter von 26 Jahren hat Stewart einen Mord begangen, in New Orleans, wo er in einem rauen, von Drogenbanden beherrschten Viertel aufwuchs. Heute ist er 46, Vater dreier erwachsener Töchter, die ihn regelmäßig besuchen, im Idealfall zweimal pro Monat. Mit der Mutter der drei, geheiratet hatte er sie damals noch nicht, stehe er in Kontakt, erzählt Stewart, lächelt verlegen, wechselt das Thema und erzählt von seinen Hoffnungen.

Die haben mit dem Gouverneur Louisianas zu tun, einem Demokraten namens John Bel Edwards. Ein Gnadenerlass des Gouverneurs, für „Lifer“ wie Stewart ist es der einzige Weg in die Freiheit. „Es sieht nicht schlecht aus“, spricht sich der 46-Jährige Mut zu. Immerhin ist er bereits ein „Trusty“, ein Privilegierter, dessen gute Führung ihn in eine Vertrauensposition aufsteigen ließ. Das mit dem Schmuck soll dazu beitragen, den Bewährungsausschuss freundlich zu stimmen, auf dass er dem Gouverneur seine Begnadigung empfehle. „Wenn Sie so wollen, bin ich Unternehmer, nur eben hinter Gittern“, sagt Stewart. Als Burl Cain Passionsspiele organisierte und Gebetskreise förderte, suchte auch er Trost in der Religion. Vor seiner Brust baumelt an einer selbst gebastelten Kette ein Kreuz.

Anfang der Siebziger banden sich Insassen dicke Versandhauskataloge vor die Brust und auf den Rücken, während sie schliefen, um sich gegen Messerstiche zu wappnen. In Angola war der Tiefpunkt erreicht, allein zwischen 1972 und 1975 wurden 40 Häftlinge mit Messern getötet. Ein Sträfling namens Wilbert Rideau hat das Rodeo damals, in einer Zeitungskolumne, tatsächlich mit einem Gladiatorenschauspiel verglichen. Zur Strafe kam er in eine Einzelzelle. Man habe ihn vor dem Zorn der anderen schützen müssen, lautete die Begründung. Erst als 800 Insassen eine Petition unterschrieben, in der sie sich für seine Sicherheit verbürgten, durfte er zurückkehren in die Gemeinschaftsunterkünfte. Kurz darauf wurde Rideau Chefredakteur des Gefängnisblatts The Angolite, der erste Afroamerikaner auf diesem Posten. Nach seiner Entlassung ließ er seine 44 Jahre in Angola in einem Roman Revue passieren. „Als mir meine Bewacher Fußfesseln anlegten und mich in ein Auto setzten, hatte ich vor dem Gefängnis mehr Angst als vor der Todesstrafe“, schrieb er.

Den Angolite gibt es noch immer. 88 Seiten Hochglanzpapier. John Corley hat ein paar Exemplare übereinandergestapelt, um sie am Rande des Rodeos unter die Leute zu bringen. Eine uniformierte Aufpasserin registriert Wort für Wort, was er sagt. Weshalb Corley, der stellvertretende Chefredakteur des Magazins, einen verbalen Slalomlauf höchsten Schwierigkeitsgrads absolviert. Die Direktion, erzählt er, prüfe jedes Heft, bevor es erscheine. Wie er mit der Zensur leben könne? „Nein, nein, zensiert wird hier nicht, nur überprüft“, wiegelt Corley ab. Dass die Rodeo-Abenteurer praktisch nie trainieren könnten, sagt er irgendwann, erhöhe das Risiko ganz erheblich. „So ein Rodeo ist immer gefährlich. Hier ist es das reinste Glücksspiel.“