Rosen hat's geregnet, Dornen auch

Rosen hat's geregnet, Dornen auch

Man kennt das von den Deutschen: Sie mögen keine Künstler, die bei ihnen groß geworden sind, das Land verlassen und woanders auch Erfolg haben. Oder möglicherweise noch mehr Erfolg. Marlene Dietrich ist es so gegangen; sehr viel später dann Ute Lemper.

Man kennt das von den Deutschen: Sie mögen keine Künstler, die bei ihnen groß geworden sind, das Land verlassen und woanders auch Erfolg haben. Oder möglicherweise noch mehr Erfolg. Marlene Dietrich ist es so gegangen; sehr viel später dann Ute Lemper. Selbst der Österreicherin Romy Schneider haben es die "Piefkes" übelgenommen, dass "ihre Sissy" nach Frankreich geflohen ist und dort ein Weltstar wurde. Interessanterweise sind es nur die Frauen, denen in solchen Fällen die kalte Schulter gezeigt wird. Horst Buchholz beispielsweise, Hardy Krüger oder Mario Adorf hatten diese Probleme seltsamerweise nicht. Aber die waren ja auch nicht wirklich Weltstars, was man schließlich nicht nur deshalb wird, weil man überall in der Welt vor der Kamera oder auf der Bühne steht. Ein Leben wie auf der Achterbahn

Hildegard Knef hatte in dieser Hinsicht weniger Probleme mit ihren Landsleuten. Zwar ist auch ihr achterbahngleicher Lebensweg von Schlagzeilen gesäumt; viele von ihnen bissig, böse und brutal. Aber mit ihr sind die Deutschen alles in allem immer gut zurecht gekommen, haben sie geliebt, bewundert, verehrt, nahmen ihr sogar die "Bild"-Schlagzeile "Ich hasse die Deutschen" nicht übel, wohl wissend, dass sich diese Zeitung dem Wahrheitsgehalt ihrer Balken-Überschriften nicht immer buchstabengetreu verpflichtet fühlt. Wie wechselvoll das Verhältnis der im Grunde ihres Herzens ewigen Berlinerin zu ihrem Land und dessen Bewohnern war, das ist freilich nur ein Aspekt, den Christian Schröder in seiner Biografie über Hildegard Knef analysiert. Es ist der erste monografische Lebensbericht über die Künstlerin, der nicht von einem engen Vertrauten oder Ehemann stammt, und deren Presseartikel, Interviews und Homestorys gut und gern ein paar Hundert Aktenordner füllen. Schröder konnte also auf reichhaltiges Quellenmaterial zurückgreifen, auf Aussagen von Freunden und Weggefährten und nicht zuletzt auf drei Bücher, die Knef selbst geschrieben hat und von denen der "Geschenkte Gaul" die an Verkaufszahlen und positivem Medienecho bis heute erfolgreichste deutsche Künstlerautobiografie ist. Zudem durfte er für sein Buch erstmals den im Filmmuseum Berlin aufbewahrten Nachlass der Schauspielerin einsehen. Hildegard Knef, 1925 in Ulm geboren, 2002 in Berlin gestorben, war in jeder Hinsicht eine facettenreiche, ja schillernde (Künstler-)Persönlichkeit. Vom zwielichtigen Trümmermädchen mit Halbwelt-Odeur zur gefeierten Diva bis zur glitzernden Schwulenikone spannt sich ihre professionelle Laufbahn. Und dazwischen: "Hildegard Knefs Leben besteht aus lauter Reprisen, es ist ein biografisches Muster von schnell aufeinanderfolgenden Erfolgen, Abstürzen und Neuanfängen, das sich in Variationen ewig zu wiederholen scheint", bilanziert der Autor ihre 76 Jahre. Ein Stachel im Fleisch der Selbstzufriedenheit

Ein halbes Jahrhundert lang hatte sie ihre treue Gefolgschaft, die die Andersartigkeit der Knef zu schätzen wusste. Ihr Typ war einzigartig im deutschen Nachkriegsfilm: provozierend, störrisch, störend, selbstbewusst, sexuell offensiv. Kein Heimchen am Herd, keine treu ergebene Gattin und fürsorgliche Mutter, wie es das Frauenbild der gerade aus den Trümmern auferstehenden Wirtschaftswunderrepublik vorgab. Hildegard Knef hat sich über die frühen Nachkriegsjahre hinaus bewahrt, was ihren Geschlechtsgenossinnen nur kurzfristig vergönnt war: das Heft in die Hand zu nehmen, als die Männer von den Schlachtfeldern nicht beziehungsweise nur als Wracks zurückkamen, das Über- und Weiterleben zu organisieren, sich selbst aus dem Schlamassel zu ziehen, in das andere sie hineinmanövriert hatten. Als die Bundesrepublik am 8. Mai 1949 gegründet wurde, endete die kurze Phase der Emanzipation, lange bevor dieser Begriff von Alice Schwarzer populär gemacht wurde. Mit Adenauer begann die Phase der Verdrängung: In seiner katholischen Regierungsmannschaft konnten ehemalige Nazi-Funktionäre nahtlos an ihre braunen Jahre anknüpfen; und da die Menschen vollauf mit der Wiederaufnahme ihres Lebens beschäftigt waren, hielt sich der Protest gegen diese Figuren in überschaubaren Grenzen. Hildegard Knef freilich blieb ein Stachel im Fleisch der zunehmendem Selbstzufriedenheit und des wachsenden Wohlstands. Nicht, dass sie eine glühende Anti-Nazi-Kämpferin gewesen wäre (zu ihren frühen Freunden, noch zu Kriegszeiten, gehörte der Produktionschef der Tobis Filmkunst, Ewald von Demandowsky. Solche Positionen bekam man kaum, wenn man gegen das Regime war). Auch nach 1949 interessierte sie sich mehr für die eigene Karriere als für die Befindlichkeiten der jungen Republik. Darin unterschied sie sich in nichts von Millionen anderer Menschen, die froh waren, der Hölle entkommen zu sein und sich nun im Frieden häuslich wie beruflich einrichten wollten. Aber da sie ihr Anderssein in ihren Filmrollen öffentlich auslebte und dafür von vielen bewundert, vielleicht auch beneidet wurde, musste sie schnell zur Ordnung gerufen werden: "Nicht mehr sehen will man den Typ ,mit Vergangenheit‘: Zarah Leander und Hildegard Knef", verkündete eine Zeitung. Besonders perfide war es, ausgerechnet diese beiden Frauen in einem Atemzug zu nennen, hatten die wuchtige Film-Ikone der Nazis und das verhärmte Trümmermädchen - abgesehen davon, dass sie für eine kurze Zeit vom selben Arbeitgeber bezahlt wurden - nichts miteinander gemein. Doch der Artikel spiegelte die Stimmung im Lande wider: Mit dem Vergangenen wollte man nichts mehr zu tun haben, und nichts im Gegenwärtigen sollte an die Geschichte und deren Konsequenzen erinnern. Und da die Knef für Heimatfilme eine absolute Fehlbesetzung gewesen wäre, sondern ein Charakter "Zwischen gestern und morgen" war, wie einer ihrer frühen Erfolge hieß, musste sie sich, als die Trümmerfilme aus der Mode kamen, nach neuen Sujets umsehen. Ihre rasche Heirat mit Kurt Hirsch, Filmoffizier und Dolmetscher der US-Militärregierung und eine spätere Affäre mit dem Regisseur Anatole Litvak interpretierten die Zeitungen denn auch dahingehend, dass sie mit Hilfe des ersten nach Amerika und mit Unterstützung des zweiten ihre Karriere in Hollywood befördern wollte. Derlei Artikel sollten symptomatisch bleiben für das fast lebenslang zwiespältige Verhältnis zwischen Presse und Künstlerin, die ihrerseits die Journalisten ebenso für ihre Zwecke zu instrumentalisieren verstand, wie die Chefredakteure mit dem Namen Knef in der Schlagzeile die Auflage steigern konnten. Übrigens fanden beide Seiten nichts dabei, den Voyeurismus ihrer Klientel zu befriedigen. Mit der Zeit hatte die Knef ohnehin gemerkt: "Je größer die Missgunst wurde, die ihr in der Presse entgegenschlug, desto stärker wurden auch die Zuneigung und Solidarität, die ihr die Fans entgegenbrachten." Schröder ist, obwohl unverhohlener Bewunderer, objektiv genug, die dunklen Seiten der Künstlerin ebenfalls auszuleuchten: ihre Unbeherrschtheit, ihre Unberechenbarkeit, ihre - zum größten Teil - krankheitsbedingte Drogenabhängigkeit, die das Leben mit ihr für die ihr Nahestehenden zur Qual machte. Gerade darin erkennt er aber den Grund, warum Hildegard Knef Zeit ihres Lebens der Bewunderung ihrer Fans sicher sein konnte: "Nicht ihre Siege, sondern ihre Niederlagen machten sie zum Vorbild gleich mehrerer Nachkriegsgenerationen, denen sie zeigte, was man aus dem Scheitern lernen konnte: niemals aufzugeben, trotzig weiterzukämpfen. Sie eignete sich nicht unbedingt zum Idol, aber umso stärker zur Identifikationsfigur." Bei seiner Trauerrede am 7. Februar 2002 erhob Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit die Künstlerin sogar zur "Stimme Berlins". Vermutlich hätte Hildegard Frieda Albertine Knef über soviel Pathos nur spöttisch gelächelt. Aber gefreut hätte sie sich doch. Rainer Nolden Christian Schröder: "Hildegard Knef. Mir sollen sämtliche Wunder begegnen", Aufbau-Verlag Berlin, 447 Seiten, zahlr. Abb., 34,90 Euro.