| 11:59 Uhr

Saar-Riesling an die Spitze

Mit seiner Art, Wein herzustellen hat Roman Niewodniczanski im kleinen Wiltingen an der Saar für viel Aufsehen gesorgt. Aber nicht nur dort. Der Quereinsteiger-Winzer mit Leidenschaft wird von der Fachwelt in den höchsten Tönen gelobt. Der „Gault Millau Weinguide“ kürte ihn zur „Entdeckung des Jahres 2002 in Deutschland“ und das Internet-Weinportal „wein-plus.de“ ehrte ihn für das beste Sortiment des Jahres aus dem Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer mit der Auszeichnung „Kollektion des Jahres 2004“. Kürzlich zitierte der „Stern“ den Riesling-Kenner Stuart Pigott, der über Niewodniczanski gesagt hat: „Es ist wahnsinnig, gigantisch, was dieser Kerl geschaffen hat.“

Dabei ist der "Kerl", den die meisten wegen seines schwer auszusprechenden Namens einfach "Herr Niewo" nennen, Weinbau-Autodidakt: Sein gesamtes Wissen und Können hat er sich in wenigen Jahren selbst angeeignet. Weinberge bewirtschaftet er gerade mal seit fünf Jahren. Aber das mit einem Einsatz und Eifer, der seinesgleichen sucht. "Mein Job ist für mich keine Arbeit, sondern Leidenschaft".

Schnell sprechender "Wein-Verrückter"

Und wenn die mit ihm durchgeht, hat man Mühe, dem schnell sprechenden "Wein-Verrückten" mit seinen inhaltsschweren Sätzen zu folgen. Dabei entstammt er noch nicht mal einer Winzerfamilie. Ganz im Gegenteil: Der Ururgroßvater von Roman Niewodniczanski gründete 1817 die heutige "Bitburger" Brauerei. Sein Bruder Matthäus arbeitet dort als Geschäftsführer. Aber das Herz von Roman schlägt weniger für den Gerstensaft, sondern mehr für Wein und ganz im Besonderen für den Riesling von der Saar. Erste Bekanntschaft mit dem Saarwein machte er in Kindheitstagen: "Zu besonderen Anlässen öffneten meine Großeltern immer eine Flasche "Scharzhofberger". An der Art, wie der Wein ausgeschenkt wurde, wie ihn mein Großvater probierte, spürte ich, dass es sich um etwas ganz Besonderes handeln muss." Später, als er in Trier Wirtschaftsgeographie studierte, wunderte er sich, dass der Moselwein unter Kommilitonen ein schlechtes Image hatte. Das beschäftigte ihn so sehr, dass er sich im Studium intensiv mit dem Thema auseinander setzte. "Ich bin damals durch unzählige Weinberge an Mosel, Saar und Ruwer geklettert und habe fast jeden bekannten Winzer besucht:" Dabei wurde ihm zum ersten Mal klar, welch hohes Qualitätspotential die Region hat.

Gleichzeitig wurde auch sein Interesse an der Weinherstellung geweckt. In der Folge besuchte er Weingüter in der ganzen Welt. Unter anderem in Australien, den USA, Südafrika, Neuseeland, Frankreich und Italien. Seine Begeisterung für den Rebensaft ist in dieser Zeit so stark gewachsen, dass er in seiner Diplomarbeit die Erfolgsstrategien der Mosel-Region mit anderen Anbaugebieten verglich. Nach seinem Studium arbeitete er bei verschiedenen Unternehmensberatern wie "Ernst & Young". Wieder zurück in Trier, jobbte er zunächst beim Europäischen Tourismus Institut ETI.

1998 rief er zusammen mit Freunden das "Wein und Gourmet Festival Mosel" ins Leben, mit dem Ziel, das Image des Moselweines zu verbessern. Damals kam ihm erstmals die Idee eines eigenen Weingutes. "Ich konnte mich mit nichts anderem mehr beschäftigen". Also machte er sich auf die Suche und entschied sich im Jahr 2000 für "Van Volxem" in Wiltingen an der Saar. Ein ehemaliges Klosterweingut, das Luxemburger Jesuiten 1743 errichtet hatten. Nach dem Einmarsch der Franzosen wurde es um 1800 säkularisiert. Später übernahm der Trierer Bierbrauer Gustav Van Volxem das Anwesen und baute es zu einem repräsentativen Weingut aus. Zuletzt gehörte es einem Münchner Unternehmer und hieß "Jordan & Jordan". Seit Roman Niewodniczanski Eigentümer ist, wurde das Gut gründlich restauriert und um viele Weinberge erweitert. Mittlerweile ist die Anbaufläche auf eine Größe von rund 20 Hektar gewachsen, etwa 100 000 Flaschen werden pro Jahr abgefüllt. Zum Gut gehören ausschließlich Schiefersteillagen. "Sie sind extrem mineralstoffreich und geben dem Wein einen besonderen Kick, einen unverwechselbaren Geschmack, den es nur hier in der Region gibt." Damit der "mineralische Kick" besonders ausgeprägt ist, schneiden seine Mitarbeiter mehrmals intensiv Trauben heraus. Die verbleibenden Früchte nehmen so besonders viele Aromastoffe auf. Später werden sie besonders schonend gepresst, und beim Ausbau im Keller sind sämtliche chemischen Hilfsmittel und Reinzuchthefen tabu. Bei der Herstellung orientiert sich Niewodniczanski konsequent an den Methoden seiner Winzerkollegen von vor 100 Jahren. Nicht ohne Grund, damals gehörten Moselweine zu den besten weltweit. "Ein Wein aus den renommierten Wiltinger Lagen war um die Jahrhundertwende nicht selten dreimal so teuer wie ein französischer Grand Cru", sagt er. Wenn Roman Niewodniczanski mit leuchtenden Augen erzählt, wird man unweigerlich in seinen Bann gezogen. Der charismatische Riese artikuliert mit einer solchen Inbrunst und Begeisterung, dass man den Eindruck gewinnt, er wäre zu nichts anderem geboren worden als zum Wein machen. Aber er wirkt keineswegs abgehoben. Ganz im Gegenteil. Wer sich für seinen Wein, sein Weingut oder seine Methoden interessiert, für den nimmt er sich sehr viel Zeit. Demjenigen kann es unter Umständen passieren, dass Niewo ihn kurzerhand im "Land Rover" mit in die Weinberge nimmt und dort ausführlich die Charakteristika der verschiedenen Lagen erklärt. Die Weine von Van Volxem werden unter anderem im Berliner "Adlon", dem "Vier Jahreszeiten" in Hamburg oder der "Ente" in Wiesbaden getrunken. Und was kommt als Nächstes? "Ich möchte eines der führenden deutschen Weingüter aufbauen und ich möchte, dass die Mosel wieder als eine der international bedeutendsten Weinbauregionen anerkannt wird", beschreibt Niewo seine Vision. Der Preis, den er für seinen eigenen Erfolg zahlt, ist vor allem Schweiß.

Die Hälfte seiner Weinberge sind so steil, dass sie nur von Hand bearbeitet werden können. Damit verbunden sind extrem hohe Personalkosten. Zur Zeit arbeitet er mit 18 Mitarbeitern. Mehr als jeder andere Betrieb in dieser Größenordnung. "Es gibt kein Weingut in Deutschland, das so personalintensiv arbeitet". Für den Chef selbst beginnt der Arbeitstag in der Regel schon um 7.30 Uhr. Arbeitsende ist nicht selten erst um Mitternacht. Aber das gehört für den begeisterten Winzer dazu: "Leidenschaft heißt leiden und schaffen können", sagt er und fügt hinzu: "Qualität kommt von Qual". Gernot Ludwig