Schweizerdegen jagen Schusterjungen

Schweizerdegen jagen Schusterjungen

Das Druckerei-Museum in Monschau informiert eindrucksvoll über die Geschichte des Buchdrucks

E s war "Schwarze Kunst", und die Tatsache, dass die Druckkunst im Mittelalter mit der Magie und der Alchemie in einem Atemzug genannt wurde, unterstreicht ihre Bedeutsamkeit. "Wir sollten unser Augenmerk auf die Kraft, die Auswirkungen und die Folgen von Erfindungen richten, die nirgends auffälliger waren als im Fall jener drei, den Alten unbekannten Errungenschaften, nämlich dem Buchdruck, dem Schießpulver und dem Kompass. Diese drei Erfindungen haben das Erscheinungsbild und den Zustand der ganzen Welt verändert," befand auch Francis Bacon im Jahre 1620 in den Aphorismen seines Werkes "Novum Organum" und brachte den weitreichenden Einfluss des Buchdrucks auf die technische und geistige Entwicklung des neuzeitlichen Menschen damit zum Ausdruck. Sich auf die Spur Gutenbergs zu begeben und die Geschichte des Buchdrucks mit ihrer imposanten High-Tech-Weiterentwicklung nachzuvollziehen, ist in Monschau-Imgenbroich möglich. Das im Jahr 2002 anlässlich des 125-jährigen Firmenjubiläums der Druckerei Weiss eröffnete Druckerei-Museum zeigt mit eindrucksvollen Exponaten die Einrichtung früherer und heutiger Druckereien. Auf 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche erfährt der Besucher alles über die Entwicklung der Schrift und des Druckens und er erhält beispielsweise Informationen über "Zwiebelfische" (Buchstaben aus einer anderen Schrift, die fälschlich im Satz erscheinen) oder "Schusterjungen" (letzte Zeile einer Seite, wenn diese die erste Zeile eines neuen Absatzes ist). Erläuterungen zu verschiedenen technischen Verfahren, wie dem Hand- und Maschinensatz oder der Buchbinderei, sind auf drehbaren Litfasssäulen angebracht und die Bedeutung der Erfindung Gutenbergs, der beweglichen Lettern, und ihre technische Weiterentwicklung werden gut nachvollziehbar. "Rotation" ist das Stichwort, das beim Betrachten der beeindruckenden Druckmaschinen in den Sinn kommt, und die Architektur des Museums, eine ästhetisch gelungene Verbindung von Glas- und Stahlelementen, greift diesen zentralen Aspekt mit ihrem runden Gestaltungsprinzip auf. Auf seinem Rundgang präsentieren sich dem Besucher die verschiedenen Entwicklungsstufen des Druckens bis hin zu moderner computergesteuerter Satzherstellung. Dass diese Geschichte des Druckens dabei mit der Geschichte von vier Generationen der Familie Weiss verbunden ist, macht den musealen Streifzug umso lebensnaher. So kann eine Stoppzylinderpresse der Firma Koenig & Bauer aus dem Jahre 1855 bewundert werden, eine Rarität, die der Firmengründer Peter Weihs erwarb, als er im Jahre 1875 die Druckerei mit Verlag von C. L. Hermanns in Monschau kaufte. Hier wurde die seit 1848 in Monschau und Umgebung viel gelesene Zeitung, der "Stadt- und Landbote", gedruckt. Neben der Stoppzylinderpresse ist eine "Johannisberger" Schnellpresse aus dem Jahre 1890 aufgebaut. Jakob Weiß, der Sohn des früh verstorbenen Peter Weihs, schaffte diese Maschine 1921 an, und sie diente der Firma bis etwa 1957. Neben ihrer Schnelligkeit von 1200 Bogen pro Stunde bestand der enorme Fortschritt vor allem in der Bedienung: Es war nur noch ein Drucker notwendig. Ersetzt wurde sie durch die REX-II-Schnellpresse (Bj. 1950), die mit 5000 Umdrehungen in der Stunde dem gestiegenen Bedarf nach Gedrucktem entsprechen konnte. Zu diesem Zeitpunkt Anfang der 60er Jahre hatte die Druckerei von Hans Georg Weiss etwa zwanzig Mitarbeiter an der Rotation, darunter solche Allroundfachleute wie die "Schweizerdegen", die Handsetzer und Drucker mit Abschluss gelernt hatten, die aber auch in der Fertigung eingesetzt wurden, wenn eine rasche Auslieferung der Druckerzeugnisse dieses erforderte. Die technischen Weiterentwicklungen entsprachen der immer weiter steigenden Nachfrage nach Gedrucktem und bewirkten letztendlich einen Wandel im Druckverfahren. Auf der im Museum ausgestellten MAN-Rotationsdruckmaschine von 1926 wurden die Zeitungen noch im so genannten Buchdruckverfahren gedruckt, einem Hochdruck, bei dem die Buchstaben erhaben wie Stempel gesetzt werden. Heutige Zeitungen werden im Offsetverfahren gedruckt, einem Flachdruck, bei der eine belichtete Druckplatte mit Wasser befeuchtet und dann mit Farbe eingewalzt wird, wobei nur die Wasser abstoßenden, belichteten Stellen die Farbe aufnehmen. Der Druck erfolgt zunächst auf einem Gummizylinder, im Weiteren wird so die Farbe auf das Papier übertragen. Konnten so anfangs 22 000 Exemplare in der Stunde gedruckt werden, gibt es jetzt Maschinen, die mit 60 000 Umdrehungen pro Stunde laufen. Der Zeitungsdruck erlebt mit Georg Weiss in der vierten Generation der Familie Weiss aber auch die rasante Entwicklung der globalen Kommunikation, indem die digitale Satzherstellung es beispielsweise ermöglicht, Texte und Bilder über ISDN oder Internet direkt per Computer auf die Druckplatte zu übertragen. Längst hat die "digitale Revolution" die Nachfahren Gutenbergs erreicht, doch trotz der modernsten Technik, mit der der Besucher auch im Multimediaraum des Museums die Geschichte der Druckkunst nachvollziehen kann, steht das "gute alte" Buch und seine Herstellung im Mittelpunkt: "Wir möchten insbesondere den jüngeren Besuchern die große Bedeutung der Erfindung Gutenbergs vor Augen führen," erläutert Peter Jakobs, der Geschäftsführer der Stiftung Druckerei-Museum als Trägerin des Museums das Ausstellungskonzept und ergänzt: "Auf ihrem langen Weg bis ins heutige Internet-Zeitalter hat die Buchdruckkunst zwar manchen Wandel erlebt, doch die Intention Gutenbergs ist nach wie vor aktuell: Die schnelle Verfügbarkeit von Wissen für Jedermann." So kann sich der Interessierte einlassen auf die "Welt der Buchstaben", die beispielsweise im ältesten Schriftsetzregal aus der Gründerzeit aufbewahrt wird, und die kleine Druckpresse "Boston" vermittelt noch die Atmosphäre von Handarbeit. Imposant sind aber auch die ausgestellten Offsetmaschinen, Schnellpressen und Setzmaschinen, die neben der Firmengeschichte einen eindrucksvollen Einblick in die Technikgeschichte des Druckens geben. Dass diese Druckkunst sich ihrer mittelalterlichen Wurzeln noch bewusst ist, mag dadurch belegt sein, dass in der Druckerei Weiss der alte Zunftbrauch, das Gautschen, noch heute gepflegt wird: Der "Ausgelernte" wird auf einen triefnassen Schwamm gesetzt und anschließend in eine Wasserbütte getaucht, bevor er in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Birgit Nolte-Schuster Information: Das Druckerei-Museum Weiss in Monschau-Imgenbroich, Am Handwerkerzentrum 16, ist erreichbar über die B 258 Richtung Aachen, Ausfahrt Gewerbegebiet. Die Öffnungszeiten sind Samstag und Sonntag 10.30 bis 16 Uhr, für Gruppen an allen Tagen nach Vereinbarung. Tel: 02472 - 982-982, oder Fax: 02472 - 982-785. www.druckereimuseum-weiss.de

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