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Aus Santiago an die Mosel

Trier. Er ist gerade erst 18 Jahre alt geworden, aber aus dem Kader der Gladiators nicht mehr wegzudenken: Sebastian Herrera. Der TV hat ihn getroffen und mit ihm über seine Ziele, seine Hassliebe zum Turnen und seine Verbindung zum kleinen Ort Kernscheid gesprochen. Marek Fritzen

Trier. Dass er dann irgendwann mal am Barren in der Turnhalle des Trierer Max-Planck-Gymnasiums scheitern würde, hatte Sebastian Herrera bei seiner Ankunft in Kernscheid nicht erwartet. Damals, an diesem späten Abend im September 2014, da hat er ohnehin ganz andere Sorgen. Etliche Stunden zuvor ist Herrera in seiner Heimatstadt Santiago de Chile ins Flugzeug gestiegen. 16 Jahre alt ist er damals. Gemeinsam mit seinem Vater geht es zunächst nach Paris, dann weiter mit dem Auto in Richtung Trier. "Die Fahrt dauerte so lange", erinnert sich Herrera. Als die beiden nach vier Stunden in Trier ankommen, schießt ihm dieser Gedanke durch den Kopf: "Wow, ist diese Stadt klein." Herrera ist anderes gewohnt. In seiner Heimatstadt Santiago leben knapp 6,5 Millionen Menschen. Doch es kommt noch heftiger: Seine Gastfamilie lebt in Kernscheid, einer 950-Seelen-Gemeinde. "Als wir aus Trier rausfuhren in Richtung Kernscheid habe ich nur Wald und Wiesen gesehen und dachte mir: ,Was passiert jetzt?'"
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Passiert ist seitdem jede Menge im Leben von Sebastian Herrera. 15 Monate nachdem er Familie und Freunde in seinem knapp 12 000-Kilometer entfernten Heimatland Chile zurückgelassen hat, um in Trier Basketballprofi zu werden, hat er sich so richtig eingelebt an der Mosel. Der 1,93 Meter große Flügelspieler ist mit seinen 18 Jahren fester Bestandteil des Zweitliga-Kaders der Gladiators Trier. Spielt im Schnitt 20 Minuten und erzielt durchschnittlich sechs Punkte für sein Team. Wenn es die Zeit erlaubt, hilft er auch beim Gladiators-Regionalligateam aus: Am vergangenen Wochenende hat er für die Mannschaft 33 Punkte erzielt. Über kurz oder lang, so sagt es sein Trainer Marco van den Berg, sehe er Herrera in der Bundesliga. Fest steht: Herrera ist eines der größten Talente, das der Trierer Basketball je gesehen hat.
Es ist der ehemalige sportliche Leiter der TBB Trier, Frank Baum, der Herrera an die Mosel lotst. Baum entdeckt Herrera 2014 beim sogenannten Albert-Schweitzer-Turnier, der inoffiziellen Jugend-Weltmeisterschaft in Mannheim. Dort spielt er mit dem chilenischen Nationalteam. In Chile ist Herrera vor seinem Wechsel bereits in der ersten Liga aktiv, wird mit seinem Team Universidad Cátolica de Chile 2014 sogar chilenischer Meister.
Viele Clubs wollen das Talent verpflichten, doch Herrera entscheidet sich für Trier. "Die TBB hat sich sehr um mich bemüht, mir die Möglichkeit gegeben, hier zur Schule zu gehen, außerdem gab es ein Bundesligateam, bei dem ich Spielpraxis sammeln durfte." Also entscheidet sich Herrera mit 16 Jahren für den Schritt in das ferne Land.
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Wenn er heute sein grünes Gladiators-Trikot überstreift, dann prangt oben neben der Nummer 24 eine kleine deutsche Flagge. Es ist das Zeichen dafür, dass Herrera auch einen deutschen Pass besitzt. "Meine Mutter stammt aus München, sie hat meinen Vater in Chile kennengelernt." Durch sie trägt Sebastian den Doppelnamen Herrera-Kratzborn.
Die Gladiatoren Teil VIII Sebastian Herrera


In seiner Heimat besucht er bis zu seinem 14. Lebensjahr eine deutschsprachige Schule. "Doch vor meinem Wechsel nach Trier war ich zwei Jahre lang auf einer anderen Schule, da hat niemand deutsch gesprochen." Da er auch mit seiner Mutter meist nur spanisch spricht, verlernt er die deutsche Sprache schnell wieder. Nach seiner Ankunft in Trier gelingt die Verständigung daher zunächst nur mit Händen und Füßen. "Puh, das war schon schwer", erinnert sich Herrera. Aber er lernt schnell, spricht heute beinahe akzentfrei. Wesentlich dazu bei trägt auch der Besuch des Max-Planck-Gymnasiums in Trier. 2017 wird er dort sein Abitur machen.
Gemeinsam mit Gladiators-Aufbauspieler Rupert Hennen besucht er aktuell die zwölfte Klasse. Englisch, Biologie und Sport sind seine Leistungskurse - alles eigentlich kein Problem, Sport natürlich schon gar nicht, wenn da nicht vor kurzem diese Prüfung im Turnen gewesen wäre. "Nein", sagt Herrera, "Turnen geht bei mir echt gar nicht, ich kann das einfach nicht". Besonders die Prüfung am Barren macht ihm gehörig zu schaffen. "Oh, daran will ich gar nicht zurückdenken, das war fürchterlich - nur sieben Punkte habe ich dafür bekommen. Gut, dass das vorbei ist."
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Nach der TBB-Pleite im Frühjahr sei es auch für ihn eine sehr ungewisse Situation gewesen. "Keiner wusste, ob es hier mit Profibasketball weitergeht, das war sehr komisch alles." Er sei dann zunächst erstmal nach Chile zu seiner Familie geflogen und habe sich am Ende aus zwei Gründen dazu entschieden, weiter für Trier zu spielen. "Zum einen hat mich Marco van den Berg überzeugt. Er sagte mir, dass er auf mich setzt", berichtet Herrera. "Zum anderen wollte ich unbedingt meine Schule in Trier beenden, nicht schon wieder eine neue Schule besuchen - jetzt bin ich so froh, dass ich mich dazu entschieden habe, zu bleiben. Ich hätte nie erwartet, dass ich so viel Spielzeit bekomme."
Herrera zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen zurück. Mit seiner starken Übersicht, seinem Zug zum Korb und seinem guten Distanzwurf ist der Chilene für jeden Gegner schwer auszurechnen. "Sebastian hat eine enorme Spielintelligenz", sagt sein Trainer, Marco van den Berg. "Außerdem ist er sehr lernbereit - es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten", sagt Marco van den Berg. Herrera selbst hat mit seinem Team hohe Ziele. Er sagt: "Die Playoffs müssen unser Ziel sein - wir müssen nur lernen, konstanter zu spielen." Er, so betont der 18-Jährige, werde mindestens noch eine weitere Saison in Trier spielen. "Wenn ich mein Abitur gemacht habe, dann sehen wir weiter - aber ich fühle mich richtig wohl hier, habe so viele Freunde in Trier."
Und dann ist da ja noch jemand in Kernscheid, dem Ort mit den vielen Wäldern und Wiesen, der ihn vielleicht noch weitaus länger in Trier halten könnte: "Meine Freundin lebt in Kernscheid", sagt er mit einem breiten Grinsen.

Extra

Die Gladiators Trier empfangen am Samstagabend (20 Uhr/Arena Trier) den Tabellendritten Kirchheim Knights. "Das ist neben Vechta die beste Mannschaft der Liga", sagt Triers Trainer Marco van den Berg. "Sie haben fünf starke US-Amerikaner und mit Richie Williams einen Aufbauspieler mit Bundesliga-Niveau." Sein Team müsse gegen die aggressive Spielweise der Gäste entsprechend dagegenhalten. "Zu Hause können wir jeden Gegner schlagen, aber es wird ein harter Kampf für uns." Fehlen werden auf Trierer Seite die verletzten Alex Engel, Kilian Dietz und Simon Schmitz. Mit dabei sein könnte allerdings nach zwei Monaten wieder Center Justin Raffington. "Es sieht sehr gut bei ihm aus, er hat die ganze Woche mittrainiert", berichtet Marco van den Berg. Der Club hat sich für das Heimspiel eine besondere Aktion ausgedacht: Kommen 3000 Zuschauer oder mehr in die Arena, spendet der Club in Kooperation mit der Lotto Rheinland-Pfalz Stiftung 5000 Euro an die Lebenshilfe Trier, den Villa Kunterbunt e.V. und den nestwärme e.V. Deutschland. mfr