Basketball: „Aufgeben: Das darf einfach nicht sein!“ – Gladiators-Kapitän Schmitz im Interview

Basketball : „Aufgeben: Das darf einfach nicht sein!“ – Gladiators-Kapitän Schmitz im Interview

Vor dem richtungsweisenden Heimspiel gegen Verfolger Nürnberg Falcons am Samstag (20 Uhr/Arena Trier) nimmt Gladiators-Kapitän Simon Schmitz Stellung zur brisanten sportlichen Situation des Clubs.

(mfr) Erst das Debakel gegen Hanau, dann die Pleite in Paderborn und das Abrutschen auf den letzten Playoff-Platz: Es sind schwierige Wochen für Basketball-Zweitligist Römerstrom Gladiators Trier. Vor dem Heimspiel gegen Verfolger Nürnberg Falcons am Samstag (20 Uhr/Arena Trier) hat Gladiators-Kapitän Simon Schmitz mit Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen über die Gründe für die sportliche Talfahrt, Kritik im Internet und Cheftrainer Christian Held gesprochen.

Herr Schmitz, Sie feiern am Sonntag Ihren 29. Geburtstag: Wird nur gefeiert, wenn’s am Samstag einen Heimsieg gibt?

Simon Schmitz: Nein, gemütlich gefeiert wird so oder so. Meine Familie kommt vorbei, es gibt Kaffee und Kuchen, danach geht’s ein bisschen raus an die frische Luft.

Im vergangenen Jahr war der 17. Februar für Sie und Ihr Team ein richtig gutes Datum – können Sie sich erinnern?

Schmitz: (lacht) Ja, sehr gut sogar. Besonders deswegen, weil mein Sohn Louis zwei Tage vorher geboren wurde. Aber an das Heimspiel gegen Hamburg am 17. Februar 2018 habe ich auch noch sehr gute Erinnerungen. Das war eins der besten Spiele in meiner Trierer Zeit …

84:83 hieß es am Ende für die Gladiators: Sie erzielten 27 Punkte, sammelten acht Assists – und es war der Start einer Serie von sechs Erfolgen am Stück …

Schmitz: Stimmt. Es war sogar so, dass wir genau wie in diesem Jahr vor dem Spiel gegen Hamburg elf Siege und elf Niederlagen auf dem Konto hatten.

Dennoch ist die Stimmung aktuell negativer rund um den Club als vor einem Jahr um diese Zeit …

Schmitz: Ja, schon. Im vergangenen Jahr herrschte Anfang Februar mehr Euphorie, von außen wurde alles ein wenig positiver gesehen. Ich hoffe daher, dass wir das Nürnberg-Spiel als Startschuss für einen echten Playoff-Endspurt nutzen können.

Gladiators-Geschäftsführer Achim Schmitz hat nach der Paderborn-Niederlage öffentlich gefordert: „Gegen Nürnberg steht nicht nur das Trainerteam unter Druck, sondern die ganze Mannschaft  – das muss gewonnen werden, egal wie!“ – inwiefern spürt die Mannschaft den Druck?

Schmitz: Klar spüren wir den Druck. Achim Schmitz stehen solche Aussagen selbstverständlich zu – er versucht uns damit zu pushen. Und: Er sagt das ja auch nicht nur öffentlich, sondern jedem Einzelnen von uns auch in persönlichen Gesprächen.

Sie haben in Ihren dreieinhalb Jahren in Trier und auch zuvor mit Bayreuth in der Bundesliga bereits viele kritische Situationen erlebt – für wie brisant halten Sie die aktuelle Situation?

Schmitz: Fakt ist: Wir haben es in dieser Saison noch nicht hingekriegt, über einen längeren Zeitraum konstant zu spielen. In den vergangenen Jahren sind wir immer schlecht in die ProA-Saison gestartet. Haben dann um Weihnachten allerdings die Wende geschafft und zum Ende der Hauptrunde hin eine Euphorie entstehen lassen.

Das ist dieses Jahr anders …

Schmitz: Genau. Nach zweimal Playoff-Halbfinale und einmal -Viertelfinale war die Erwartungshaltung im Sommer natürlich höher. Dazu kam der sehr gute Saisonstart. Zum Problem wurde dann in den folgenden Wochen, dass wir auswärts besser gespielt haben als zu Hause – mehr Auswärtsspiele als Heimspiele gewonnen haben. Da wir unsere Fans jedoch hauptsächlich über unsere Partien in der Arena mitreißen, wir durch Heimsiege Euphorie verbreiten können, war das natürlich fatal.

Haben Sie eine Erklärung für die Heimschwäche?

Schmitz: Nein, gar nicht. Ich hatte auch in den vergangenen Jahren keine Erklärung für unsere Auswärtsschwäche.

Nach der Klatsche gegen Hanau forderte Ihr  Coach Christian Held, in Paderborn müsse der Fokus ganz klar auf der Defensive liegen. Dann setzte es dennoch 93 Punkte, zudem ließ Ihr Team unzählige Offensiv-Rebounds zu - wie kann das sein?

Schmitz: Positiv war erst mal, dass wir im Gegensatz zum Hanau-Spiel als Team ganz anders aufgetreten sind, deutlich emotionaler. Gegen Hanau haben wir uns irgendwann aufgegeben – das darf einfach nicht sein, und das war in Paderborn ganz anders.

Das stimmt, dennoch war die defensive Leistung schwach …

Schmitz: Wir haben Paderborns Aufbauspieler Foremann im Eins-gegen-Eins nicht gestoppt bekommen und 18 Offensiv-Rebounds abgegeben. Das waren unsere beiden Probleme.

Trainer Christian Held kritisierte das Team im Anschluss heftig. Er sprach von „individuellen Verantwortlichkeiten“. Sie hätten als Mannschaft „defensiv zu viele individuelle Fehler“ gemacht. Am Sonntag wurde zudem der freie Tag gestrichen – klingt so, als würde der Ton rauer zwischen Team und Trainer …

Schmitz: Der Trainer will einfach sicherstellen, dass jeder im Team weiß, worum es geht. Dass keine Wohlfühlzone angesagt ist. Es  geht jetzt einfach nur darum, in die Playoffs zu kommen – egal wie.

Wohlfühlzone – wie kann das sein?

Schmitz: Wenn’s  gut läuft, wie es bei uns zu Saisonbeginn der Fall war, dann besteht immer die Gefahr, dass man den Fokus auf die kleinen Details verliert. Irgendwann ist man im Flow drin, und gewinnt die Spiele. Auch wenn man nicht immer brillant spielt. Irgendwann relaxed das menschliche Gehirn ein wenig, und Fehler schleichen sich ein. Unbewusst lässt man sich dann einfach mal ein bisschen gehen.

Da ist es dann aber am Trainer, entgegenzuwirken …

Schmitz: Das hat er auch getan. Nach der Niederlage in Tübingen zum Jahresende haben wir beispielsweise unsere Pick-and-Roll-Defense verändert. Der Coach wollte einen neuen Reiz setzen. Das hat auch gewirkt, wie man gegen Hamburg und Chemnitz gesehen hat.

Hat das Verhältnis zwischen Chefcoach und Mannschaft durch die schwierigen Wochen eigentlich gelitten?

Schmitz: Nein, zwischen uns und dem Trainerteam ist alles gut, ganz sicher!

Wie haben Sie den Wechsel vom Co-Trainer zum Headcoach von Christian Held erlebt – war es schwierig für das Team?

Schmitz: Christian Held ist sich in der Art und Weise – wie er mit uns als Spieler umgeht – treu geblieben. Da hat sich nichts verändert. Er ist keiner wie Marco van den Berg, der einen psychisch immer sehr stark fordert. So ist Christian nicht. Es wäre auch nicht authentisch, wenn er nun auf einmal anfangen würde, jemand anderen darzustellen. Seine Art, mit Menschen umzugehen, kommt in der Mannschaft sehr gut an.

Beim 62:108 in Hamburg im November 2018 und beim 55:95 gegen Hanau vor zwei Wochen hat sich das Team irgendwann aufgegeben, das kritisierte auch Geschäftsführer Achim Schmitz. Das gab es in den vergangenen Spielzeiten so nie. Wieso ist das in dieser Saison anders?

Schmitz: Ich finde, das gab’s in den Saisons zuvor auch immer mal wieder. Ich kann mich an ein Spiel in Heidelberg erinnern, auch an eins in Baunach …

In Heidelberg hieß es im Januar 2017 am Ende 51:91. Ein Jahr später gab’s in Baunach ein 82:103 – beide Partien ähnelten im Auftreten jedoch nicht den Spielen gegen Hamburg und Hanau aus der laufenden Saison …

Schmitz: Ich bin der Meinung, dass wir solche Spiele mindestens einmal pro Saison hatten. So etwas sollte und darf nicht passieren, keine Frage – aber es passiert.

In Ihren Augen also kein neues Phänomen?

Schmitz: Nein, finde ich nicht. Außerdem: Das Wichtige ist, wie man auf solche Spiele reagiert. Entweder, man fällt in den Wochen danach als Team komplett auseinander, oder man rappelt sich auf und zeigt eine Reaktion. Und da bin ich der Meinung: Wie wir nach der Hanau-Pleite in Paderborn aufgetreten sind, war schon eine deutliche Reaktion.

Sie haben gegen Baunach 112, gegen Hanau 95, gegen Paderborn 93 Punkte kassiert. Defense ist meist eine Frage der Einstellung, wie schätzen Sie das als Kapitän ein: Stimmt der Wille, die Einstellung im Team?

Schmitz: Der Wille stimmt, definitiv. Aber unser Trainer hat das nach dem Paderborn-Spiel sehr treffend gesagt: Wir machen aktuell sehr viele individuelle Fehler in der Verteidigung, die dazu führen, dass man als Team schlecht aussieht.

In den vergangenen Wochen wächst auch die Kritik im Umfeld. Auch online in den sozialen Netzwerken und diversen Foren wird viel diskutiert und kritisiert. Inwiefern nehmen Sie das wahr?

Schmitz: In meinem ersten Profijahr in Jena habe ich so etwas verfolgt, mir alles Mögliche durchgelesen. Danach habe ich damit aufgehört. Ich bin der Meinung: Wenn jemand mit mir über Basketball sprechen möchte, kann er das gerne direkt tun und mich ansprechen – immer gerne. Aber solche Dinge im Internet durchzulesen, bringt gar nichts.

Nach dem Hanau-Spiel sagte der Coach: „Wir haben wenige Spieler, die das Team auf die Schulter nehmen – und es individuell tragen können“ – hat er recht?

Schmitz: Ja, hat er. Diejenigen, die das Team auf die Schulter nehmen, sind vor allen Dingen Jermaine Bucknor und ich. Gegen Hanau hatten wir beide einen katastrophalen Tag, dort ist keiner von uns seiner Führungsrolle gerecht geworden. Wenn wir gewinnen, ist mindestens einer von uns beiden sehr gut.

Im Team gibt es weitere erfahrene Spieler. Einige mit Bundesliga-Erfahrung, einige, die den Sprung in die Bundesliga anpeilen – wünschen Sie sich, dass mehrere Spieler vorangehen?

Schmitz: Nein, das würde ich niemals direkt einfordern. Das Einzige, was ich von den Jungs einfordere, ist, dass sie hart spielen und alles  geben. Nicht jeder im Team kann eine Führungsposition einnehmen. Es ist meiner Meinung nach einfacher, wenn es konkrete Führungsspieler gibt, die vorangehen und das Team mitziehen.

Fehlt dem Team denn ein Spieler, der mit Dynamik zum Korb zieht, der Lücken reißen kann?

Schmitz: Es ist immer eine müßige Diskussion, weil wir nicht wissen, wie es aussehen würde, wenn man so einen Spieler hätte. Wir sind ein Team, das davon lebt, als Einheit zu spielen, den Ball laufen zu lassen, jeden einzubinden. Natürlich kann es helfen, wenn man beispielsweise einen Spielertypen wie Brandon Spearman im Team hat, der die Qualität hat, Spiele durch seine Eins-gegen-eins-Fähigkeiten an sich zu reißen. Aber bei solchen Spielern besteht auch immer die Gefahr, dass – wenn er es übertreibt – er das komplette Teamgefüge auseinandernimmt. Aber: hätte, hätte Fahrradkette …

Das Team hat immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen in dieser Spielzeit – kein Spieler konnte bisher alle Partien absolvieren. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Schmitz: Wenn sogar Kevin Smit verletzt ist und ein Spiel verpasst, was drei Jahre lang nicht passiert ist, dann ist das schon auffallend … Aber ich habe keine Erklärung dafür, nein. Ich weiß nur, dass es alles Verletzungen waren, die durch Unfälle zustande gekommen sind – nicht durch Überlastung.

Schauen wir zum Abschluss auf die Partie gegen Nürnberg: Was können Sie den  Fans, die beim letzten Heimspiel gegen Hanau enttäuscht nach Hause gegangen sind, versprechen, warum lohnt es sich, am Samstag zu kommen?

Schmitz: Wir haben durchaus wahrgenommen, dass viele Fans die Arena gegen Hanau schon vor Spielende verlassen haben – was wir als Team auch nachvollziehen können nach so einer Leistung. So etwas wollen wir in dieser Spielzeit auf keinen Fall mehr zeigen, sondern die acht verbleibenden Hauptrunden-Spiele nutzen, um eine Euphorie zu erzeugen und dann mit viel Schwung und Unterstützung unserer tollen Fans in die Playoffs zu starten. Dafür werden wir uns den Arsch aufreißen – das kann ich versprechen.

Interview: Marek Fritzen

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