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Interview Christian Held
„Einen Aufstieg zu planen, ist sehr schwierig“

Ist der neue Chef an der Gladiators-Seitenlinie: Christian Held.
Ist der neue Chef an der Gladiators-Seitenlinie: Christian Held.
Trier. Zum Start der Saisonvorbereitung spricht Christian Held, der neue Cheftrainer von Basketball-Zweitligist Gladiators Trier, im Interview über seinen Vorgänger, Freunde im Team, Introvertiertheit und den Gang in die 1. Liga. Von Marek Fritzen
Marek Fritzen

(mfr) Es kann losgehen: Die Römerstrom Gladiators Trier starten am Montag in die Saisonvorbereitung. Während der Basketball-Zweitligist zehn Spieler – darunter zahlreiche Leistungsträger – aus der vergangenen Saison halten konnte, sitzt auf dem Cheftrainer-Stuhl ein neuer Mann. Obwohl, ganz neu ist der Mann auch wieder nicht: Christian Held arbeitete in den beiden zurückliegenden Spielzeiten bereits als Assistent von Ex-Trainer Marco van den Berg.

Zum Vorbereitungsbeginn hat sich der 30-Jährige mit TV-Redakteur Marek Fritzen zum Interview getroffen und verraten, warum er seinen Vorgänger vermisst, wie viele Neuzugänge es noch geben wird und was er zweien seiner Leistungsträger noch beibringen will.

Herr Held, zwei Jahre als Assistent an der Seite von Marco van den Berg liegen hinter Ihnen. Vermissen Sie ihn schon?

Christian Held Ja, auf einer Arbeitsebene ganz sicher. Wir haben uns immer sehr gut ergänzt, viel ausgetauscht, was wir auch jetzt nach wie vor tun.

Sie haben mal gesagt, dass Sie keinen Trainer kopieren wollen. Dennoch, was haben Sie von van den Berg gelernt?

Held Marco van den Berg hat es in den zwei Jahren, in denen ich ihn begleitet habe, immer geschafft, zum Ende der Saison ein Team zu formen. Das ist eine Qualität, die ihn auszeichnet, und eine Qualität, die nicht jeder hat. In diesem Bereich nehme ich viel von ihm mit. Aber am Ende ist es ganz wichtig, dass ich ich selbst bin.

Das heißt weniger Extrovertiertheit, mehr Introvertiertheit?

Held (lacht) Abseits des Feldes bin ich sicherlich keine extrovertierte Person. Da fahre ich gerne mal mit der Familie an der Mosel ein wenig Rad oder setze mich in ein Café. Das sind meine Lieblingsbeschäftigungen in der Freizeit. Ansonsten wird es abseits des Basketballs nichts Besonderes zu hören geben von mir. Auf dem Feld allerdings bin ich sehr emotional und zeige das auch. Das geht als Assistent natürlich nicht.

Was werden Sie denn völlig anders machen als Ihr Vorgänger?

Held Wir werden in der neuen Saison sicherlich taktisch anders verteidigen. Die Spieler werden auch noch mal eine gewisse Zeit brauchen, um sich an mich zu gewöhnen.

Wieso das denn, die kennen Sie doch?

Held Ja, stimmt, aber in einer anderen Rolle. Ich glaube schon, dass das noch mal ein Unterschied ist nun als Headcoach.

Inwiefern?

Held Als Assistent-Coach war es nicht meine Aufgabe, Anweisungen an die Mannschaft zu geben, die allein von mir kommen. Sondern es waren immer Dinge, die ich gemeinsam mit Marco entwickelt habe. Die letztendliche Entscheidung lag bei ihm, daran gab es nie einen Zweifel. Nach außen hin und für die Spieler gab es da eine klare Rollenverteilung.

Wie wird sich denn Ihr Verhältnis zu den Spielern verändern – werden Sie autoritärer auftreten?

Held Allein dadurch, dass die Spieler mich nun in anderer Rolle erleben, wird eine andere Dynamik entstehen. Ich bin plötzlich derjenige, der über Spielzeit entscheidet. Als Assistent ist man immer näher an der Mannschaft dran als der Headcoach. Aber was das Menschliche angeht, werde ich nicht versuchen, mich zu verändern. Ich habe auch vorher Dinge angesprochen, die mir nicht gefallen haben. Ich werde nicht versuchen, plötzlich künstlich autoritär aufzutreten.

Also eher der Kumpeltyp?

Held Eine Mischung aus Kumpeltyp und distanziertem Beobachter. Uns war ganz wichtig, dass wir eine Mannschaft zusammenstellen, in der es menschlich passt. Im Kader stehen ausschließlich Jungs, mit denen ich gerne auch mal einen Kaffee trinken gehe. Denn: Wir müssen in den nächsten zehn Monaten verdammt viel Zeit miteinander verbringen. Wenn das menschlich nicht passt, kann diese Zeit sehr lang werden – das möchte niemand.

Die zehn Monate beginnen nun mit der Saisonvorbereitung: Kilian Dietz sagte mal nach einer Vorbereitung unter Marco van den Berg, es sei die härteste gewesen, die er je erlebt hat. Wird’s unter Ihnen ähnlich hart?

Held Es wird eine sehr intensive und lange Vorbereitung, das kann ich versprechen (lacht). Ob das die härteste Vorbereitung wird, die die Spieler je erlebt haben, muss man dann nach Ende der Zeit mit den Jungs besprechen. Aber es wird mit Sicherheit Unterschiede geben.

Welche?

Held Ich bin ein Trainer, der nur in der Halle und nur im Kraftraum mit den Spielern arbeitet. Da wir sehr, sehr wenig Zeit haben, versuche ich, so effizient wie möglich zu arbeiten und viele Dinge zu kombinieren – und das alles in der Halle.

Bei Ihrer Vorstellung als Headcoach haben Sie gesagt, Sie seien ein defensivorientierter Trainer. Klingt ja erst mal nicht nach schnellem abenteuerlichen Offensiv-Basketball, oder?

Held Das bedeutet in erster Linie, dass wir im Training sehr viel im defensiven Bereich arbeiten …

Was die Spieler sicherlich sehr freut …

Held Naja, wenn ein Spieler verteidigen muss, muss ein anderer angreifen: Von daher hält sich das schon die Balance (lacht). Aber nein, natürlich ist Defense-Arbeit im Training nicht immer beliebt. Aber wenn man gut verteidigt, kann man daraus auch viele Angriffe produzieren. Von daher glaube ich nicht, dass unser Spiel dadurch unattraktiver oder langsamer wird. Im Gegenteil: Wir wollen schnell nach vorne spielen und versuchen, in einen Rhythmus zu kommen, in dem wir auch vorne sehr attraktiven Basketball spielen. Darüber hinaus denke ich, dass unsere Fans auch sehr gerne harte Defensivarbeit sehen.

Bei einem Blick auf den Kader fallen zwei Dinge auf: Zum einen haben Sie sehr viele Spieler aus der vergangenen Saison halten können. Zum anderen sind gleich mehrere Akteure dabei, die bereits in der 1. Bundesliga aktiv waren. Kurz gesagt: Da steckt viel Potenzial und Erfahrung drin. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wo würden Sie Ihren Kader einordnen?

Held Im Liga-Vergleich?

Ja, genau ...

Held Sehr schwer zu sagen, da ich die anderen Teams bisher nicht kenne …

Aber Sie kennen ja Ihre Spieler.

Held Stimmt, aber ich kann die Stärke der Liga derzeit noch nicht einschätzen, da die Kader der anderen Teams noch nicht veröffentlicht sind. Was ich weiß, ist, dass wir sehr zufrieden sind mit unserem Kader und wir unsere Wunschvorstellungen – im Rahmen der Mittel, die uns zur Verfügung stehen – umsetzen konnten. Aber da ist noch etwas, was mich ganz besonders stolz macht.

Was meinen Sie?

Held Wir haben fast in jedem Statement zu einer Verpflichtung oder Vertragsverlängerung in den vergangenen Wochen gesagt, dass die Spieler bei anderen Clubs mehr Geld hätten verdienen können. Ich weiß, das liest man häufig, und wir haben uns irgendwann auch echt gedacht, sollen wir es noch mal schreiben oder einfach weglassen, weil es irgendwann unglaubwürdig wird.

Welche Spieler meinen Sie?

Held Egal ob Dranginis, Joos, Bucknor – sie alle hatten sehr interessante Angebote vorliegen. Am Ende haben sie sich aber für uns entschieden. Das macht mich sehr, sehr stolz, weil es für den Standort und die Stadt spricht. Das Team wollte zusammenbleiben. Die Jungs sind auch abseits des Feldes Freunde. Das ist eine Situation, die man sich zwar immer wünscht, im Profibasketball aber nicht häufig findet. Daher sage ich: Wenn ich diese Punkte auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten sollte, dann wäre es sicherlich eine 8 oder 9.

Mal was anderes: Hat man Ihnen eigentlich bei Vertragsunterzeichnung von Vereinsseite gesagt, bis wann die Gladiatoren den Sprung in die BBL schaffen müssen?

Held Nein. Einen Aufstieg zu planen, ist sehr schwierig. Ich halte es auch nicht für den richtigen Weg zu sagen, man muss beispielsweise bis 2024 aufsteigen …

Lautet so auch die interne Sprachregelung?

Held Zumindest mir gegenüber, ja (lacht). Man muss auf allen Vereinsebenen schauen, ob ein Aufstieg realistisch und abbildbar ist. Im Moment, so denke ich, fehlt uns noch was dazu. Ich bin sehr froh darüber, dass im Club die Einsicht herrscht: ,Wir geben kein Geld aus, das nicht da ist.‘

Wie lautet dann das Saisonziel?

Held Die Playoffs zu erreichen. Was dann passiert, werden wir sehen.

Marco van den Berg und Sie haben in den vergangenen Jahren immer davon gesprochen, eine deutschsprachige Kabine haben zu wollen. Jetzt haben Sie mit dem US-Amerikaner Kyle Dranginis, dem Kanadier Jermaine Bucknor und dem Luxemburger Thomas Grün nur drei Spieler im Kader, die nicht aus Deutschland kommen …

Held (lacht) Stimmt, es wird schon jetzt sehr viel Deutsch gesprochen. Im Spiel und im Training bleibt’s allerdings beim Englischen. Das ist die Sprache, mit der wir uns am besten verständigen können. Wenn man Basketball denkt, denkt man auf Englisch – so geht’s mir. Abseits von Spiel und Training wird allerdings sehr viel Deutsch gesprochen. Wir versuchen, Kyle noch mehr beizubringen. Momentan gibt’s bei ihm noch viele deutsche Phrasen (lacht). Bei Jermaine bin ich mir ohnehin sicher, dass er schon deutlich mehr versteht, als er zugibt.

Bisher haben Sie mit Till Gloger einen Neuzugang präsentiert. Sind noch weitere geplant?

Held Was die Leistungsträger angeht, wollen wir mit diesem Team in die Saison gehen. Hinzu kommen junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs wie Vincent Hennen und Markus Zock, die wir an die ProA-Mannschaft heranführen wollen.

Der eine Jahrgang 2002, der andere 2000 …

Held Genau. Ein zweiter, ganz wichtiger Baustein ist unsere Nachwuchsabteilung. Wir wollen eigene Spieler oben einbauen und hoffen, dass weitere Jungs den Weg von Kilian Dietz oder Rupert Hennen gehen werden. Was aber gleichzeitig auch bedeutet, dass man diesen Nachwuchsspielern die Chance dann auch geben muss, sich zu beweisen. Das passiert vielerorts im Profibasketball noch nicht. Das ist eine Nische, die wir besetzen müssen und wollen.

Auf der Aufbauposition haben Sie mit Simon Schmitz einen ganz erfahrenen Mann. Sollte der Kapitän allerdings mal länger ausfallen, fehlt ein gleichwertiger Ersatz. Sehen Sie keinen Handlungsbedarf?

Held Nein, denn wenn wir diesen Weg gehen wollen, jungen deutschen Spielern eine Chance zu geben, dann müssen wir das konsequent tun. Das bedeutet auch, dass ich nicht für alle Eventualitäten eine Lösung habe. Für den Fall, dass so was passiert, müssen wir die Jungs ins kalte Wasser werfen und schauen, dass sie schwimmen. Ich bin davon überzeugt, dass sie das können.

Sie waren vor kurzem bei der U20-EM in Chemnitz. Was haben Sie dort gesehen?

Held Wenn so ein Turnier im eigenen Land gespielt wird, muss man es sich einfach anschauen. Man sieht dort immer Tendenzen, was in den nächsten Jahren im Basketball kommt.

Was sind das für Tendenzen?

Held Zum Beispiel, dass sehr viel Druck in der Verteidigung übers ganze Feld gemacht wird. Das ist etwas, was wir auch vorhatten und in dem wir uns sehr bestätigt sehen.

Und welcher U20-Nationalspieler wechselt nun nach Trier?

Held (lacht) Nein, nein …

Sie lachen, also ist was dran …

Held Man schaut sich immer Spieler auf allen Ebenen an, auch über längere Zeiträume. Aber es ist nicht so, dass wir für die kommende Saison noch einen auf dem Zettel haben. Wir sind zufrieden mit dem Kader.

Sie haben dort in Chemnitz sicher auch einige ProA-Verantwortliche getroffen.

Held Ja, habe ich.

Was sagen die über Ihren Gladiators-Kader?

Held Denen fällt es schwer, den Kader zum jetzigen Zeitpunkt zu bewerten.

Okay, aber irgendwas werden sie ja schon gesagt haben, oder?

Held Die Einschätzungen gehen in die Richtung, dass alle beeindruckt sind von unserer Kontinuität. Dass wir es geschafft haben, so viele Spieler zu halten – das fällt schon auf in der ProA.

Zum Abschluss: Sie waren ProB-Meister mit Oldenburg, ProA-Assistent in Trier, haben bei verschiedensten Trainer-Größen hospitiert. Nun sind Sie Cheftrainer in der ProA: Wie lange dauert das denn noch, bis Sie in der BBL trainieren?

Held Ich habe eine Vision, wo ich hin möchte – aber ich habe keinen vorgegebenen Weg dahin.

Über diese Vision müssen Sie uns mehr verraten …

Held Nein, nein (lacht). Die Vision ist auch eher eine Motivation. Jeden Tag zu versuchen, das Beste zu machen und ein Ziel zu erreichen. Das muss jeder haben, gerade im Sport. Aber es gibt weder einen Zeitraum, in dem ich das erreichen möchte, noch einen bestimmten Weg, wie ich das erreichen möchte. Ich will mich zu 100 Prozent auf die Gladiators konzentrieren. Wenn wir die Chance bekommen, mit Trier in die BBL aufzusteigen und es vom gesamten Paket her passt, würde ich mich sehr darüber freuen. Aber ich glaube eher nicht, dass das in kurzer Zeit realistisch ist.

Warten wir’s mal ab …

Held Ja, genau. Ich möchte – sollte ich Trier irgendwann mal verlassen –, dass hier etwas entstanden ist. Nicht nur im Profi-Bereich, sondern auch in der Jugend, wo ich schon sehr viel Zeit investiert habe in den vergangenen zwei Jahren und wo man nun ganz langsam sieht, dass diese Arbeit erste Früchte trägt.

Interview: Marek Fritzen